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Reportage / Archiv | Beitrag vom 30.12.2013

AltersheimGretchen als Greisin

Besuch im Seniorenstift für Künstler

Von Aglaia Dane

Alte Menschen in einem Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Alte Menschen in einem Seniorenheim (dpa / picture alliance / Klaus Rose)

Auch Schauspielerinnen, Sänger und Musiker werden einmal alt und brauchen Pflege. In Weimar gibt es das einzige Altersheim Deutschlands, das sich speziell an sie richtet - an Bühnenkünstler. Gegründet wurde es 1894 von der Schauspielerin Marie Seebach.

"Aha, einen Termin hat er unterwegs. - Er hatte einen wichtigen Termin, deshalb wird es zehn Minuten später - ach so ..."

Alle warten auf den Chorleiter. Die Damen in der ersten Reihe betrachten tagträumend ihre Rollatoren, die sie vor sich abgestellt haben. Peter Baumann aber rutscht unruhig auf seinem Platz hin und her:

"Können wir ja schon mal ein Probelied singen. Wollt ihr schon mal etwas singen. Sie dirigieren und wir singen. Lalalala ..."

Der 80-Jährige gehört zu den Jüngeren im Heim - trägt Jeans und dichtes weißes Haar. Der gebürtige Schweizer war Schauspieler - stand auf Bühnen in Zürich und Basel, in Heilbronn und Pforzheim. Seine Lieblingsrolle, sagt er, das war der Krupp in "Das letzte Band" von Samuel Beckett. Krupp, das ist ein alter Mann, der verbittert auf sein Leben zurückblickt.

Ein bisschen so ergeht es nun auch Peter Baumann:

"Ja, ich bin ein bisschen unglücklich. Aber das Leben ist halt so. Man wird alt. Ich bin gerne jung. Habe die Jugend genossen und würde sie gerne weiter genießen - habe noch nicht genug (lacht)."

Scheinwerferlicht, Partys, junge Frauen - mit seinem kantigen Gesicht und dem verschmitzten Lächeln kann man sich Peter Baumann gut als Lebemann vorstellen. Aber: Das war einmal. Sein jetziges Leben besteht aus barrierefreien Duschen, Gedächtnistraining und anderen alten Menschen.

"So, meine lieben Sängerinnen und Sänger. Entschuldigt die Verspätung ..."

Chorprobe als willkommene Abwechslung

Eine willkommene Abwechslung ist die wöchentliche Chorprobe im Heim. Genauer gesagt: im Konzertsaal des Heimes. An der Decke hängen Scheinwerfer und Boxen, in der Mitte des Raumes steht ein schwarzer Flügel.

"Viva la Musica!"

Mehr als 100 Veranstaltungen finden in dem Saal jährlich statt. Mario Adorf hat hier gelesen. Ebenso Iris Berben und Johannes Heesters. Eingeladen von der Heimleitung. Studenten der Musikhochschule Franz Liszt geben häufig Konzerte. Das Stift in Weimar soll nicht nur ein Altersheim für Künstler sein, sondern auch ein Kulturzentrum.

"Geh aus mein Herz ..."

Das war bereits ganz zu Anfang die Idee, Ende des 19. Jahrhunderts, als die erfolgreiche und wohlhabende Schauspielerin Marie Seebach das Heim gründete. Damals glich das Zusammenleben in der Villa eher einer Alten-WG. Rund 30 Künstler lebten hier gemeinsam: kochten, putzten, spielten und musizierten. Mit der Wende kam der große Wandel. Das Heim musste auf bundesdeutschen Standard angepasst und saniert werden. Ein Glücksfall: Denn die Stiftung bekam Unterstützung, um anzubauen. Es entstanden ein Pflegeheim und der Konzertsaal - mit Platz für mehrere Hundert Personen. An diesem Vormittag sind es zwölf: in zwei Reihen sitzend. Die meisten haben große Mühe, länger zu stehen - nicht aber auswendig alle Strophen von "Geh aus mein Herz" zu singen.

Von den derzeit 100 Bewohnern sind nur noch ein Viertel ehemalige Künstler. Nicht alle wollen noch im Mittelpunkt stehen - Schauspieler Peter Baumann schon:

"Kennt jemand Gottfried Bohmanns? Nein ... ich auch nicht (Lachen). Ich liebe meinen Gartenzwerg."

Jede Woche nach der Probe bekommt Herr Baumann seinen Einzelauftritt.

Nur wenige Minuten dauert die Lesung. Am Ende gibt es kurzen Applaus. Pünktlich um 12 Uhr wird Schluss gemacht.

Antike Möbel im Speisesaal

Der Essenssaal ist groß, hell und mit antiken Holzmöbeln eingerichtet - alle aus der Zeit von Heimgründerin Marie Seebach.

"… möchte ich noch jemand Nachschlag?"

Peter Baumann und sein Tischnachbar sind tief über ihre Teller gebeugt, die Hände zittern, während sie die Gabel zum Mund führen. Sie kauen und schweigen. Beide hören nicht mehr gut. Berufskrankheit sagt der Tischnachbar - er war Flötist.

"Gerade die Blechbläser, wenn irgendetwas von Wagner gespielt wird, etwas Lautes, dann hat man schon Nachteile davon ... Jaja."

An einem Nebentisch sitzt Gitta Krohn. Sie ist schon fertig mit dem Essen und trinkt den letzten Schluck Rotwein, den sie sich in einer Handtasche mitgebracht hat. Zum Verdauen geht's nun in den Garten.

"Folgen Sie mir unauffällig."

Gitta Krohn ziert sich. Hat heute eigentlich keine große Lust, zu erzählen. Sie würde jetzt viel lieber auf ihrem Balkon einen Kaffee trinken. Aber es ist, wie es ist: Keine kennt so viele Geschichten wie die 94-Jährige. Keine lebt so lange im Heim wie sie: seit 24 Jahren:

"In dem Haus musste ich sogar einen Spatenstich machen. Ach, was ich alles machen musste ... Aber weil ich so lange da bin. Das war eine Ehre für mich."

Die gebürtige Sächsin war Operettensängerin, spezialisiert auf Gräfinnen und Fürstinnen. Im Chor des Altersheimes aber singt sie nicht mit. Das ist nichts für mich, sagt sie nur. Breitet dann die Arme aus und holt tief Luft:

"Zuerst verlischt das große Licht, dann kann man nicht mehr sehen. Und dann, darüber spricht man nicht, denn es ist viel zu schön. So stell, ich mir die Liebe vor ..."

Gitta Krohn bricht ab. Über Liebe und Zärtlichkeit zu singen, mit 94, das passt nicht, findet sie und dreht ihr Gesicht in die Sonne. Ganz plötzlich macht sich darin ein Lächeln breit:

"Ach, ich kann Ihnen sagen, ich bin direkt wieder leise in gute Stimmung gekommen. Theater, das ist für mich mein Impuls. Das ist mein Leben gewesen, immer."

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