Kommentar

Klischeehafte Seniorenbilder: Das Alter ist mehr als eine Mängelliste

Zwei ältere Männer laufen auf einem Sportplatz um die Wette.
Senioren beim Sport: Jeder Mensch altert anderes. Es gibt nicht nur Tattergreise oder Ü-80-Teenager. © picture alliance / BEAUTIFUL SPORTS / R. Schmitt
Von Kerstin Hensel |
Mehr als 19 Millionen über 65-Jährige leben in Deutschland. Dass es sich dabei um 19 Millionen ganz unterschiedliche Individuen handelt, die auch ganz unterschiedlich altern, ist im gesellschaftlichen Bewusstsein noch nicht angekommen.
In einer stillgelegten ostdeutschen Kleinstadt geriet ich kürzlich auf einen „Seniorenmarkt“. In Rollstühlen oder gestützt auf Rollatoren wurden Bewohner umliegender Betreuungseinrichtungen herbeigeschafft, damit sie sich, um ihren sonst eher reizlosen Alltag aufzulockern, dem Vergnügen altersgerechten Konsumierens anheimgeben durften.
Was hatte der Markt zu bieten? Zentral das Deutsche Rote Kreuz, das mit Häkelkursen, Hausnotruf und kostenloser Blutdruckmessung das sichtbar müde gewordene Lebensinteresse der sogenannten Silver Ager zu erwecken suchte.

Mit dabei auf dem Markt: Apotheke und Bestatter

Nebenan hatten die Apotheke, der Orthopädieladen, das Sanitätshaus, der REHA-Bund und ein Dentallabor ihre Stände aufgeschlagen. Ein Ramschladen hielt neueste Mode aus den goldenen 60ern feil, eine abgewrackte NVA-Feldküche Kartoffelsuppe, und gleich zwei Bestattungsunternehmen warben um neue Kunden.
Höhepunkt der Oldie-Kirmes war eine mit Discokugeln ausgeleuchtete Bühne, von der eine Helga-Hahnemann-Wiedergeburt Songs und Sprüche in die Menge krähte, die so dämlich waren, dass selbst eingefleischte Fans beschämt zusammenzuckten. „Ihr lacht doch gar nicht!“ beschwerte sich die falsche Helga, drehte den Lautstärkeregler hoch und ... The show must go on!
Auf solchen Events, in den Gaukelwelten der Medien und in verkitschten Rentner-Filmen wird ein Bild von alten Menschen gezeigt, das über Klischees nicht hinauskommt.

Im dritten Frühling auf dem Skateboard

So sehen wir hyperaktive Endsiebziger, die in ihrem dritten Frühling youngstermäßig auf Skateboards durch die Gegend brettern, schrille Partys feiern oder botoxgestrafft von Kreuzfahrtdampfern winken.
Umgekehrt sind es senile Deppen, die, im Schaukelstuhl sitzend, nostalgisch aus dem Fenster starren. Gegen die unvermeidliche Gebrechlichkeit werden Treppenlifte, Beruhigungs- und Durchblutungsmittel empfohlen, und kaum sind Frauen aus dem Alter, in dem sie Menstruationsbinden benötigen, herausgewachsen, wird ihnen der Gebrauch von Inkontinenzvorlagen nahegelegt.
Mitunter werden auch Omas und Opas im trauten Familienkreis inszeniert, die ihren Urenkeln abgestandene Weisheiten ins Ohr brabbeln. Eigene Bedürfnisse scheinen die Alten keine mehr zu haben. Ebenso wenig wie digitale Kompetenz, obwohl viele schon seit fast 40 Jahren mit Computer und Handy vertraut sind und mehr können als nur daddeln und zocken.
Simplifizierung, Infantilisierung, Nivellierung, Diskriminierung, Maßregelung, Entmündigung, Respektlosigkeit, Abzocke und Beharren auf stereotypischem Rollenverhalten vergangener Jahrhunderte, machen alte Menschen zu Karikaturen. So wie heute, am „Internationalen Tag der älteren Menschen“, der mit Frischhalteparolen wie „Ja zum Alter!“ aufwartet und am Ende nur politischen Budenzauber hervorbringt.

Viele Senioren fühlen sich zehn Jahre jünger

Es ist erwiesen, dass in der heutigen Gesellschaft das biologische Alter mit dem gefühlten Alter auseinanderklafft - und zwar in dem Sinne, dass sich viele Senioren mindestens zehn Jahre jünger fühlen, als sie sind.
Fakt ist: Jeder Mensch altert anderes. Es gibt nicht nur Tattergreise oder Ü-80-Teenager. Die Vielfalt der Lebensarten im Alter sollte sichtbar werden. Nicht mit geheucheltem Mitleid oder naiver Abwehr, sondern ganz selbstverständlich.
Das Alter ist, wie Goethe sagt, am Ende „ein grober Gesell“. Ich sage: Altern gleicht einer Fahrt durch eine Geisterbahn mit echten Gespenstern. An irgendeiner Stelle erblickt man sein eigenes Gesicht. Aber wann und wie das sein wird, möchte ich gern selbst bestimmen dürfen.

Kerstin Hensel, Jahrgang 1961, ist Professorin für Poetik an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Sie hat zahlreiche Gedichte, Romane und Essays geschrieben. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Die Glückshaut“ (Quintus Verlag 2024).

Mehr über das Leben im Alter