Lesart / Archiv 16.06.2013

Als Hull in der Totenkammer aufwachtJürgen K. Hultenreich: "Die Schillergruft", Verlag A.B. FischerRezensiert von Udo Scheer

Abgeschlossen: Nach einem Fluchtversuch wird der Protagonist Hull zwangseingewiesen. (Stock.XCHNG / sanal ozturk)Abgeschlossen: Nach einem Fluchtversuch wird der Protagonist Hull zwangseingewiesen. (Stock.XCHNG / sanal ozturk)

Die Psychiatrie wird in unfreien Staaten oft zur schlimmstmöglichen Variante des Wegsperrens, grausamer noch als das Gefängnis. Der 1948 in Erfurt geborene Schriftsteller Jürgen K. Hultenreich hat diese Erfahrung in der DDR gemacht und – viele Jahre später – zu einem Roman verarbeitet.

In seiner ersten Fassung erschien "Die Schillergruft" bereits im Jahr 2001. Kritiker sprachen von einem "literarischen Glücksfall", von einem Roman, bei dem man "übergangslos vom Lachen zum Weinen wechselt". Ein anderes Zitat: "So abschreckend die Verhältnisse in der geschlossenen Anstalt DDR waren, so faszinierend sind die Gestalten, die in diesem grandiosen Panoptikum agieren".

Dabei ist die Geschichte des Haupthelden Georg Hull weitgehend autobiografisch. Wie Jürgen K. Hultenreich kommt seine Romanfigur aus Erfurt, lernt Schaufensterdekorateur und hat einen eigenen Kopf. Wie sein Autor unternimmt Hull mit siebzehn einen Fluchtversuch über die CSSR und wird verhaftet. Während der Gerichtsverhandlung wird der Angeklagte von der Staatsanwältin gefragt:

Jürgen K. Hultenreich: "Angeklagter, was haben Sie denn gelesen?"
"Schiller."
"Und was noch?"
"Schiller."
"Ich fragte, was Sie noch so lesen."
"Schiller."
"Ich frage Sie zum letzten Mal", stampf, "was lesen Sie?"
"Und ich sage es Ihnen zum vierten Mal: Schiller! Ich lese nur Schiller!"

Der junge Schiller-Fan verteidigt sich mit Zitaten des Freiheitsdichters und weigert sich, seinen Fluchtversuch zu gestehen. Das reicht der Staatsanwältin für eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Hull kann nur noch ausrufen: "Nicht ich bin krank, dieses Land ist es!"

Soeben erschien "Die Schillergruft" in einer erweiterten Neuherausgabe. Über seine Beweggründe dafür sagt der Autor:

"Ich hatte damals zwei Kapitel vergessen. Es ist, könnte man sagen, ein komplett autobiografischer Roman, bis auf das letzte Kapitel, wo der Hauptheld seine Jugendliebe, die auch in der Psychiatrie gefangen war, wiedertrifft. Dieses Mädchen, das in der Psychiatrie aufbewahrt wurde und letztendlich vor die Hunde ging, ist dem Haupthelden nie wieder begegnet. Es ist in der Anstalt umgekommen. Aber ich habe als Autor ihm sozusagen ein menschliches Denkmal gesetzt.

Und ein wesentliches Kapitel ist der Untersuchungshaftanstalt Erfurt gewidmet, wo noch mal ganz deutlich gemacht wird, dass das Leben auch im Knast nicht nur aus Schwarz-und-Weiß-Denken bestand, sondern dass zum Beispiel auch das Personal von den Häftlingen her gesehen in Gute und Böse aufgeteilt worden ist. Der Anstaltsleiter zum Beispiel verhielt sich den politischen Gefangenen gegenüber sehr wohlwollend."

Die härtesten Kapitel des Romans spielen in der Psychiatrie. Dabei lebt Hull sich anfangs gut ein in der illustren Gesellschaft aus Psychopaten und Simulanten. Er hat keine Probleme mit ihren ganz eigenen Vorstellungswelten.

Cover: "Die Schillergruft" von Jürgen K. Hultenreich (Verlag A.B. Fischer)Cover: "Die Schillergruft" von Jürgen K. Hultenreich (Verlag A.B. Fischer)Der Anstaltspsychologe verschreibt ihm Wannenbäder zum Entspannen der Nerven, führt ihn sogar in das Frauenhaus zu seiner Jugendliebe, die seit ihrer Einlieferung kein Wort gesprochen haben soll. Aber die Freundlichkeiten irritieren, seit Hull weiß, "Turban" trägt das Handtuch um den Kopf zum Verdecken der Elektroschockbrandmale. Auch Todesfälle häufen sich.

Andererseits ist der Anstaltspsychologe Schiller-Liebhaber und er lädt ihn ein zum Wettzitieren von Schillers Versen. Als sich der Freund des Psychologen, ein Stasi-Offizier, mit ein paar Hundert Westmark dazu gesellt, wetten beide auf Hull. Der enttäuscht den Psychologen nicht.

Doch als Hull – alle drei im Cognacrausch – sich weigert, eine Spitzel-Unterschrift zu leisten, geschweige seinen Fluchtversuch zu gestehen, lernt er die Psychiatrie als Disziplinierungsanstalt auch anders kennen:

Jürgen K. Hultenreich: "Als mir, an allen vier Ecken festgeschnallt auf der riesigen Liege, die Schläfen mit kleinen Schwämmen befeuchtet wurden, ahnte ich, was los war. Turban hatte mehrfach erzählt, wie das gemacht wird: Die hauen dir Elektroden vor die Ohren – und dann gute Nacht, Marie!

Als ich wieder zu mir kam, ohne Klarheit, wirbelten Schwalben und Friedenstauben in mir; schwarze und weiße Punkte, groß wie Billardkugeln, schlugen innen gegen den Schädel. Es blitzte."

Eine zweite Schockbehandlung nach einem Drogencocktail verkraftet Hull nicht. Irgendwann wacht er in der Totenkammer auf und hört in wattiger Ferne den Anstaltspsychologen, der die Weißkittel mit Stasi-Auftrag abkanzelt, was das da sollte? Antwort: Hull habe den Fluchtversuch in die Bundesrepublik zugegeben. Und jetzt solle er den Totenschein ausstellen, oder was?

Jürgen K. Hultenreich: "Das ist eine Geschichte, die mir angedroht worden ist, die aber ein Mitgefangener durchlebt hat, der tatsächlich in der Totenkammer gelandet ist, und dann dort wieder aufwachte mit einem Zettel am Schuh, wie ich das in dem Roman dem Haupthelden Hull passieren lasse."

Was Georg Hull in diesem Roman erlebt, ist das Gebaren totaler Macht. Es genügt, dass ein Untersuchungshäftling aufmüpfig ist, dann verschwindet er in der Psychiatrie. Ähnliche Fälle sind bekannt, auch heute, auch in China und Russland. In der deutschen Literatur ist das Thema ein Novum.

Doch noch etwas an diesem Roman frappiert: Weder in der U-Haft, noch vor Gericht oder in der Psychiatrie zeigt der Held jene Verunsicherung, die man von einem Siebzehnjährigen erwarten würde. Stattdessen überrascht, wie schlagfertig, sogar vorausschauend er agiert.

Unwillkürlich fragt man sich: Geht hier nicht die Fabulierlust mit dem Autor durch? Offensichtlich nicht: Hull ist – wie sein Autor Jürgen K. Hultenreich in seiner Jugend auch - Schachbezirksmeister. Selbst in Ausnahmesituationen reagiert er wie ein Akteur im Schach. Im Spiel siegt er meist durch intelligente Frechheit. Hier wählt er die gleiche Strategie.

Damit leuchtet der Roman nicht nur in Abgründe menschlicher Macht. Er tut das in der besten Tradition eines Schelmenromans.

Jürgen K. Hultenreich: Die Schillergruft
Neue überarbeitete Ausgabe
Verlag A.B. Fischer, Berlin 2013
272 Seiten, 19,80 Euro