Alpen im Dauerstress

Kann nachhaltiger Tourismus gelingen?

Symbolbild: Personen halten sich auf der Aussichtsplattform am Gipfel der Zugspitze auf. 28.12.2025
Der Tourismus in den Alpen konzentriert sich auf wenige Zentren - aus Sicht von Experten ist das ein Problem. (Symbolbild) © picture alliance / DZBA / Jonas Lohrmann
Die Alpen leiden stark unter der Erderwärmung: Gletscher schwinden rasant, es kommt immer häufiger zu Lawinen. Gleichzeitig wächst der touristische Andrang. Lassen sich Klimaanpassung und Massentourismus vereinbaren?
„Die Alpen sind wie ein Patient auf der Intensivstation, der vor allem Ruhe bräuchte“, warnt Kulturgeograph Werner Bätzing. Denn es geht ihnen nicht gut: Das höchste Gebirge in Europa und die größte und artenreichste Naturregion auf dem Kontinent ist von der globalen Erwärmung besonders betroffen. Laut dem österreichischen Klimabericht sind es 3,1 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Mittel.
Die Zahl der Lawinen hat sich in den letzten 40 Jahren verzehnfacht im Vergleich zu den 4.000 Jahren davor. Berichte über Erdrutsche und Gletscher, die abbrechen, häufen sich. Experten sprechen gar von Rekordverlusten – in den Ostalpen etwa sind 40 Prozent des Gletschervolumens in den letzten 20 Jahren verloren gegangen. Die Entwicklung geht mit einer Schnelligkeit vor sich, die auch Wissenschaftler überrascht.
Gleichzeitig steigt der Besucherdruck in den Alpen, sodass manche Wege Ameisenstraßen gleichen und auf den Gipfeln kaum Platz bleibt, um den Rucksack abzusetzen. Es gibt aber auch einen neuen Trend zur Rückkehr der Einfachheit.

Die Alpen sind gefährlicher geworden

Die Alpen sind schon immer eine Region gewesen, wo Naturprozesse den Menschen bedroht haben, sagt der Kulturgeograph Werner Bätzing, emeritierter Professor der Universität Erlangen-Nürnberg. Das Bild von den schrecklichen Bergen, den montes horribiles, war für die Menschen bis zur Industrialisierung prägend.
Zwischen 1900 und 1987 habe es aber eine Schönwetterphase mit relativ wenig Naturkatastrophen im Alpenraum gegeben, in der sich die Menschen sicher gefühlt hätten, erklärt der Experte. Doch: „Seit 1987 haben wir eine Häufung von sogenannten Jahrhundertkatastrophen“, sagt Bätzing. Die Alpen sind wieder gefährlicher geworden.
Das zeigt auch die zunehmende Zahl der Verletzten im Bergsport. Die tödlichen Unfälle in Tirol haben sich von 2023 auf 2024 verdoppelt. Das liegt auch daran, dass immer mehr unerfahrene Menschen in den Bergen unterwegs sind, die die Gefahr nicht einschätzen können, sagt Rainer Müller, Hütten- und Wegereferent vom Deutschen Alpenverein.

Massentourismus in wenigen Hotspots der Alpenregion

Zum einen gibt es immer mehr Touristen: Von 3.000 Übernachtungen pro Jahr mit steigender Tendenz allein in der Schweinfurter Hütte berichtet Rainer Müller. Auch bei Tagesgästen steigen die Zahlen. Das liege auch an der E-Bike-Technik, glaubt Müller. „An schönen Tagen sind mittlerweile so viele E-Bikes an der Hütte wie Wanderer“.
Zum anderen konzentriert sich der Tourismus auf ungefähr 300 Hotspots – von insgesamt 6.000 Gemeinden, sagt Bätzing. Er kritisiert den „permanenten Ausbau in den großen Skigebieten und die zunehmende Verstädterung in den Alpentälern“.
Diese Gebiete werden ausgerüstet mit Seilbahnen, Hängebrücken und Kletterwänden. Bätzing vergleicht sie mit „Freizeitsparks im Hochgebirge“. Mit der Erfahrung der Alpen als Naturraum hat das seiner Meinung nach nur noch wenig zu tun.

Einheimische profitieren kaum noch vom Tourismus

Lange haben die Einheimischen finanziell vom Tourismus profitiert. Das ist aber heute nicht mehr der Fall, sagt Werner Bätzing. Weil die Investitionen sehr hoch sind, schaffen es die Einheimischen nur noch in seltenen Fällen, das Geld aufzubringen. Meist investieren große Konzerne in die Alpen – es handelt sich also um Fremdkapital. „Deshalb fließen die Gewinne auch ab.“
Auch die Banken werden bei touristischen Investitionen immer wichtiger, erläutert Bätzing. „Jede Seilbahn muss sich verschulden, um investieren zu können. Und dann bestimmt die Bank mit, ob die neue Bahn so oder so gebaut wird.“
Die großen Banken liegen in der Regel aber außerhalb der Alpen. Der Tourismus befindet sich also immer stärker in den Händen von wenigen kapitalkräftigen Investoren - und immer weniger in denen von Einheimischen, spitzt Bätzing zu.

Alpinistische Infrastruktur an den Klimawandel anpassen

Der Verband Alpiner Vereine hat den mittelfristigen Gesamtbedarf für Erhalt und Klimaanpassung der Wege und Schutzhütten mit 95 Millionen Euro beziffert. Kürzlich hat Österreich die jährlichen Zuschüsse dafür etwa verdreifacht - auf 7,72 Millionen. Doch wer kommt für den Rest der Summe auf?
Darüber brauche es eine offene Diskussion, sagt die Geografin Margreth Keiler von der Universität Innsbruck. Was ist Allgemeinnutzen und was sollen die Steuerzahlungen Österreichs beitragen? Ihr ist klar, dass künftig nicht alle Zufahrtsstraßen, Ferienhäuser, Berghütten oder Wanderwege erhalten werden können.
Kulturgeograph Werner Bätzing kritisiert auch den Ausbau des Straßenverkehrs in den Alpen. „Das ist nicht nachhaltig“, sagt er. Tatsache ist: Drei Viertel der CO²-Emissionen des Alpentourismus entfallen auf den Autoverkehr.

Ansätze und Ideen für nachhaltigen Tourismus

Zur Anpassung an den Klimawandel nehmen Hüttenwirte wie Ben Schwendtner Anpassungen vor. Die Neue Prager Hütte, eine Bergsteiger-Unterkunft im hochalpinen Bereich, hatte in den letzten Jahren Probleme mit der Wasserversorgung - wegen zu wenig Schnee und häufig extremen Regens statt kontinuierlichen Niederschlags. Deshalb bleiben die Duschen jetzt geschlossen. „Duschen auf einer Hütte ist ja ein Luxus.“
Statt Spülklos werden Komposttoiletten installiert, also Plumpsklos. Die Maßnahmen sollen den Wasserverbrauch der Hütte um ein Drittel reduzieren. Die neue Einfachheit ist ein Trend, den auch die Alpenvereine propagieren.
Kulturgeograph Bätzing wirbt zudem für eine Dezentralisierung touristischer Standorte – hin zu einem Tourismus in der Fläche, damit die Menschen die Alpen als Naturraum und Kulturraum erleben können. Das würde auch die eigentlichen Ressourcen des Alpenraums stärken: Gewerbe, Handwerk und die traditionellen Dienstleistungen.

Online-Text: Tina Hammesfahr
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