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Zeitfragen | Beitrag vom 28.06.2018

Alltag von TransmenschenMann oder Frau – Warum ist das überhaupt wichtig?

Von Christine Westerhaus 

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Ein junger Mensch mit Wollmütze, Kapuzenpulli und brauner Jacke schaut vor einem düsteren, nebligen Hintergrund zu Boden. (unsplash.com)
"Manchmal habe ich einen echt guten Tag und dann muss ich etwas ankreuzen", sagt Li Kerren. (Symbolbild) (unsplash.com)

Es beginnt schon bei Formularen: Männlich oder weiblich? Entscheide dich! Für Transpersonen ist das oft eine leidvolle Erfahrung. In Schweden hingegen werden Kinder in manchen Einrichtungen nun mit "hen" angesprochen. Eine Mischung aus sie und er.

Li Kerren lebt mit ihren Eltern in der Nähe von Göteborg. Das typisch rot gestrichene schwedische Holzhaus der Familie liegt idyllisch an einem kleinen See gelegen. Bienen summen und die Hühner gackern im Garten.

"Dann können wir mal rüber gehen zu den Hühnern?"

Li Kerren: "Hier haben wir schon mal ein Huhn. Und da unten haben wir jetzt auch ein Paar Küken, aber die sind sehr scheu."
 
Die Familie Kerren (Lis Familie) kommt ursprünglich aus Deutschland, seit elf Jahren lebt sie in Schweden. Als sie vor einem Jahr mit ihrer Hühnerzucht begannen, kauften sie sich einen Hahn mit vier Hühnern. Dachten sie. Doch dann entpuppten sich zwei der vermeintlichen Weibchen als Hähne. Ein schräger Zufall, denn auch in der Familie verteilten sich die Geschlechterkonstellationen neu.

Annett Büttner: "Ich bin vorher in meiner Welt die Mutter von zwei Söhnen gewesen, jetzt habe ich, wenn mich jetzt Leute fragen: Was hast du noch mal für Kinder oder so, dann muss ich dann erst mal erklären. Und das ist nicht nur, weil Leute dann Fragen stellen oder so, das ist auch meine eigene Identität so ein bisschen."

Annett Büttner hat zwei Kinder geboren, Jakob und Linus. Der 20-jährige Jakob ist der ältere und Linus heißt seit zwei Jahren Li.

Li Kerren: "Ich war immer anders, ich wusste nicht genau was es war, es war irgendwas damit. Das war ja das, dass ich irgendwie wusste, dass ich mehr wie ein Mädchen irgendwie war, aber nicht wie ein Junge, aber ich sollte ja ein Junge sein, aber das habe ich nicht verstanden. Und als ich dann endlich klar wurde, war ja, als ich dann endlich die richtigen Wörter hatte, um das zu googeln."

Annett Büttner: "Ja vermutlich hat der Prozess bei dir schon viel länger angefangen, ohne dass wir es kapiert haben. Oder im Nachhinein sieht man dann: 'Ach ja, mein Gott, das hätte mir auffallen können oder so.' Aber alles, was du jetzt so sagst, dass du dich anders gefühlt hast, das haben wir nicht so gesehen. Li, oder damals Linus, war halt Linus, mit speziellen Interessen.

Und na ja, dass man irgendwie schon im Kindergarten lieber rosa Ballett Schuhe anhaben will als schwarze Turnschuhe oder so, da dachten wir: 'Na ja, das ist ja normal, das macht jedes Kind mal durch. Also das haben wir nicht irgendwie bewertet. Bis wir es dann erfahren haben. Dann werden einem so gewisse Sachen klar: Ach ja stimmt eigentlich, klar!'"

Das erste Mal hört Li in der sechsten Klasse - davon, dass es  Menschen gibt, die transgender sind,  die sich also nicht in ihrem Geschlecht wohlfühlen.  

Li Kerren: "Da war das HBTQ, Und dann habe ich danach gesucht und das war das. Aber wenn man nachdenkt, da wusste ich ja irgendwie: Warum konnte ich viel besser mit Mädchen umgehen, konnte ich nie mit Jungs wirklich richtig umgehen, warum konnte ich mich nie mit denen assoziieren. Aber richtig der genaue Gedanke kam mir erst in der sechsten, wo ich die Wörter dafür hatte. Und es hat davor eigentlich gefehlt."

HBTQ ist das schwedische Pendant zum aus dem Englisch stammenden LGBTQ. "L" für Lesbisch, "G" für gay, also schwul, "B" für bisexuell, und "T" für transgender. Und  Q steht für "Queer", also für alle, die  von der Norm abweichen, die nicht in ein   System passen, das  Menschen entweder als Frau oder als Mann definiert, diese  binäre Aufteilung, die nur zwei Geschlechter kennt.  Anfangs glaubte Li noch, sie sei non-binary, weder Mann noch Frau.

Annett Büttner: "Also ich hatte es zum Anfang schon schwer, das mit diesem non-binary zu verstehen, ich konnte mir das nicht vorstellen, was das sein soll. Von daher ist es jetzt schon einfacher wenn Li sagt: Jetzt ist sie eine Frau, fühlt sich als Frau. Also damit kann ich was anfangen. Aber da zeigt sich dann auch, also darauf bin ich viel ziemlich oft gestoßen in diesem Prozess, in was für einer begrenzten Welt ich gelebt habe, obwohl ich immer dachte, dass ich so offen und aufgeklärt und gebildet bin und so."

Den Gedanken zuzulassen, dass das eigene Kind sich weder als Mann noch als Frau, sondern irgendwo dazwischen definiert, fällt nicht nur Annett Büttner  schwer. Viele, vor allem ältere Menschen sind irritiert. Anders die Jungen. Für sie verschwimmt  die Grenze zwischen typisch männlich und weiblich allmählich immer mehr.

"Jugendliche experimentieren mit ihrem Aussehen"

Li Kerren: "Also ich ging auf der Schule, wo das recht akzeptiert war. Das war nur nicht, dass man, das habe ich verstanden, dass ich mich nicht als Frau nennen durfte, aber als Trans. Dass ich nicht männlich sein sollte und dass ich mich nicht männlich kleiden musste und dass ich mich kleiden konnte, wie ich will, das war sehr klar in der Schule. Und unter Freunden ist es auch generell in meiner Generation sehr viel besser akzeptiert, in den Kreisen in denen ich mich bewege." 

In Schweden experimentieren  Jugendliche tatsächlich immer häufiger mit ihrem Aussehen, ihrer Kleidung.  Lange Haare sind bei Männern völlig normal,  aber auch  dass sie Röcke und feminin geschnittene Kleider tragen, ist nicht mehr so ungewöhnlich.

Annett Büttner: "Ich hab die Leute schon hier aufgeklärter und einen Schritt weiter erlebt. Einerseits durch meine Erfahrung mit Jugendlichen und wie viel da jetzt drüber gesprochen wird. Aber auch als neue Identität vielleicht. Also die Phasen, die es früher ja auch immer gegeben hat, dieses Suchen: Wer bin ich und so weiter, dazu gehört natürlich auch, welches Geschlecht habe ich, wie, wo mit wem identifiziere ich mich und so. Und ich glaube, das wird hier viel offener ausgelebt und da wird auch rumexperimentiert. Das ist ja auch gut so, denke ich. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass man alles Mögliche ausprobieren kann und sich auch nicht von Anfang an unbedingt festlegen muss."

Mari Günther: "Ich habe den Eindruck, dass Jugendliche in Deutschland auch mehr gucken, was sie probieren können."

Mari Günther von der Beratungsstelle "queer-leben" in Berlin. 

Mari Günther: "Also letztens sagte auch ein Jugendlicher aus einer Schule in Brandenburg, 'Ja, alle sind jetzt pan-sexuell', mit ein bisschen so einem Schmunzeln. Aber ich erlebe eben auch Jugendliche, die ganz bewusst versuchen, eine nicht binäre Kleidung zu finden und sich damit auch entspannt in der Öffentlichkeit zu bewegen und das erfreut mich sehr." 

Li Kerren bindet ihre langen braunen Haare gerne zum Pferdeschwanz. Sie ist hochgewachsen, schlank und sie liebt enge Röcke und Strumpfhosen. Dass sie sich so stylt, war von Anfang an kein Problem. Doch als Li sagte, sie fühle sich doch voll als Frau, war das anders.

Li Kerren: "Genau in dem Freundeskreis, da war es die Attitüde: 'Du darfst trans sein, ja. Ja, das ist komplett o.k. Alles super. Aber das ist nicht eine Frau. So geht das nicht! Deshalb war ich da ein bisschen unbequem, das zu sagen.'"

Das war erst später, dass ich bequem wurde, das ich das wirklich sagen konnte. Und deshalb war das ein Zwischenschritt, einfach das Formelle, wie ich mich genannt habe, dass ich dann gesagt hab: "Nee, ich bin nicht binär", weil es einfacher war.

Verschwimmende Geschlechtergrenzen irritieren

Unter Jugendlichen mag das Spiel mit dem äußeren Erscheinungsbild zwar einigermaßen akzeptiert sein. Aber gesellschaftlich richtig akzeptiert ist das Thema trotzdem noch lange nicht.

Mari Günther: "Ich habe den Eindruck, dass Leute, die sich als nicht binär bezeichnen und das auch deutlich in der Öffentlichkeit bekannt geben und damit letzten Endes die Geschlechtergrenzen ins Verschwimmen bringen, die werden nicht gemocht, das wird abgelehnt."

Es ist fast so als würden diese Menschen mit ihrer bloßen Existenz die gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln heben, sagt Mari Günther.

Mari Günther: "Das sagt auch die Forschung: Menschen, die eher als sozusagen nicht-binär erscheinen und zwischen den Geschlechtern, oder jenseits dieser Norm, die machen insgesamt die meisten Diskriminierungserfahrungen. Ganz gleich, ob das jetzt Leute sind, die sich selber als trans oder schwul oder lesbisch erleben. Darum geht es gar nicht. Sondern es geht eher darum, wie sie wahrgenommen werden."

Dabei wissen Biologen längst, dass weiblich oder männlich im Grunde nur zwei Endpunkte auf einer Skala sind. Geschlecht ist ein Kontinuum.

Mari Günther: "Ich kann mir vorstellen, dass da auch solche Ängste dahinter stecken, was würde denn passieren, wenn da plötzlich mehr als zwei Geschlechter sind. Manche Leute können sich das echt nicht vorstellen und sagen: Das ist schöpfungsgemäß und das war schon immer so, und das sind natürlich Leute, die sozusagen die Komplexität der Schöpfung oder der Biologie völlig außer Acht lassen. Es gibt in der ganzen Natur und überall und schon immer Vielgeschlechtlichkeit und natürlich gibt es sie auch innerhalb der menschlichen Population." 

Tatsächlich zeigen neuere Forschungsergebnisse, dass sich sehr viele Menschen zumindest genetisch keineswegs klar dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen lassen. Es gibt ein Mosaik aus Zellen, von denen manche nicht zu dem Geschlecht passen, in dem jemand äußerlich erscheint. Auch zu Beginn des Lebens sind die Grenzen noch deutlich verschwommen: In den ersten fünf Lebenswochen ist noch offen, in welche Richtung sich ein menschlicher Embryo entwickelt.

Zunächst werden die Anlagen für sowohl weibliche, als auch männliche Geschlechtsorgane gebildet. Erst unter dem Einfluss von Hormonen werden diese in Richtung des einen oder anderen Geschlechts weiter entwickelt. Und auch später prägen Geschlechtshormone den Körper.

Für Biologen ist Mehrgeschlechtlichkeit nicht seltsam

Dass sich manche Menschen nicht eindeutig als Mann oder als Frau fühlen und dass es intersexuelle Personen gibt, die die Merkmale beider Geschlechter ausbilden, ist also kein Wunder. Und je nachdem, mit wem man darüber spricht, auch nichts Außergewöhnliches, meint Erika Alm, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Göteborg.

Erika Alm: "Wenn man einen Biologen oder Mediziner fragt, finden die meisten nicht, dass Mehrgeschlechtlichkeit etwas total Seltsames ist. Vielleicht statisch gesehen eher selten, aber nichts Ungewöhnliches. Wir als Gesellschaft sollten also endlich anfangen, weniger Vorurteile zu haben gegenüber Menschen, die Transerfahrungen haben. Es ist wirklich an der Zeit." 

Auch im Tier- und Pflanzenreich gibt es Arten, die sich nicht klar in weiblich  oder männlich  unterscheiden lassen oder die ihr Geschlecht je nach Umweltbedingung sogar ändern. Clown-Fische etwa leben in Gruppen zusammen, in denen immer ein Weibchen von mehreren Männchen umgeben ist. Stirbt die Haremsdame, steigt das größte Männchen in der Hierarchie auf und wandelt sich zum Weibchen.

Mari Günther: "Großartig finde ich ja so eine Fischart, bei der ist es so, dass die jungen Fische alle männlich sind, und wenn sie älter sind, werden sie weiblich. Und das heißt, die Frauen haben immer junge Männer, und das finde ich erst mal ein ganz gutes Konzept so."

Kleinigkeiten mit "unglaublicher Signalwirkung"

Bei Menschen sorgt vor allem auch die Kleidung für klare optische Unterscheidungsmerkmale. Und bedient Stereotype. Rosa Glitzerpullis für Mädchen und dunkelblaue Fußballshirts für Jungs führen dazu, dass diese Trennung schon im  Kindesalter vollzogen wird. In Schweden hat eine Modefirma vor kurzem ein erstes Zeichen dagegen gesetzt. Seit Anfang 2017 zeichnet sie ihre gesamte Kollektion sowohl in  Männer- als auch Frauengrößen aus. Für Li Kerren sind solche Veränderungen Grund zur Hoffnung:

Li Kerren: "Alles, was weniger Normen und Regeln setzt und die Gesellschaft freier macht auf diese Weise würde ich sagen ist gut. Und so auf die Weise hätte ich vielleicht auch experimentieren können, ohne dass das was Komisches wäre, weil es was ist, was öffentlich verkauft wird, was man anhaben kann, was auch androgyn oder feminin ist, aber man auch öffentlich als männlich verkauft, dann kann man besser experimentieren. Man kann ein besseres Gefühl damit kriegen und auch sich sicherer damit fühlen. Und das es nicht plötzlich so eine große Sache wird: 'Ach, die Person hat Frauenkleider an, obwohl wir alle glauben, dass es ein Junge ist.'"

Solche Veränderungen geben der Allgemeinheit die Chance, sich daran zu gewöhnen, dass Frauen und Männer nicht immer an ihrer Kleidung unterscheidbar sind. Und sie regen Menschen vielleicht auch zum Nachdenken darüber an, warum Bekleidungs-Codes überhaupt so wenige Spielräume lassen, hofft Mari Günter.

Mari Günther: "Ich kann mir gut vorstellen, dass solche Kleinigkeiten eine unglaubliche Signalwirkung haben, weil sie natürlich eine breite Masse von Menschen erwischen. Alle, die reingucken, werden sich wundern und ein bisschen verunsichert sein und dann die Verkäuferin fragen und so wird einfach so ein Thema 'by the way' in die öffentliche Aufmerksamkeit gebracht, finde ich eine tolle Idee."

Die Geschlechterfrage spielt aber nicht nur bei der Kleiderordnung eine große Rolle. Wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, bekommt sie spätestens beim Toilettenbesuch gestellt. Damen- oder Herrenklo? Vor zwei Jahren hat in Schweden eine große Kinokette Unisex-Toiletten eingeführt, auch einige Universitäten sind diesem Beispiel gefolgt.

Das Schild für diese Unisextoiletten hat ein bekannter schwedischer Designer entworfen. Es zeigt ein auf den Kopf gestelltes weißes Dreieck in einem regenbogenfarbenen Kreis. Vom Dreieck ab gehen: das Marssymbol für den Mann, das Venussymbol für die Frau und eine Mischung aus beiden. Die schwedischen Medien haben groß darüber berichtet und so eine Diskussionswelle auch in den sozialen Medien ausgelöst.

Mari Günther: "Unisex Toiletten sind ja einerseits Bedürfniseinrichtungen, aber andererseits haben die natürlich auch eine Signalwirkung. Und die verändern einfach die gesellschaftliche Wahrnehmung. Und sorgen dafür, dass dieses Thema in das reguläre gesellschaftliche Bewusstsein kommt - und nicht in so einem Exotisierungseckchen bleibt."

Auch in Deutschland gab es Diskussion und mittunter auch heftige Reaktionen, als die ersten Unisex Toiletten in öffentlichen Räumen eingerichtet wurden. Von "Gender-Wahnsinn" war die Rede. Es scheint, als stelle schon die Frage nach einer Unisextoilette das Weltbild vieler  Menschheit auf den Kopf.

Sprachliche Hürden

Doch wer versucht, der Vielfalt der menschlichen Geschlechter gerecht zu werden, gerät an vielen Stellen schnell an seine - beziehungsweise ihre Grenzen. Für Antke Engel vom Queer-Institut in Berlin ist beispielsweise die Sprache eine zentrale Hürde.

Antke Engel: "Ich glaube, dass wir ein großes Problem in der deutschen Sprache haben, weil es eigentlich fast unmöglich ist, ungegendert zu sprechen. Immer wieder wird spätestens auf der Ebene, wo es darum geht, Pronomen zu verwenden, entweder "er" oder "sie" auf den Tisch gebracht. Und ich glaube, dass es schon einen großen Unterschied machen würde, wenn es gelänge, etwas, was in der Schriftsprache ja zumindest halbwegs möglich ist, dass man irgendwie über das Sternchen oder über den Unterstrich deutlich macht, dass zwischen männlich und weiblich ein Feld an Unbestimmbarkeit oder weiteren Optionen vergleichbar werden sollte. Also, dass es nicht nötig ist, in unserer Sprache alle Menschen entweder auf männlich oder weiblich festzuschreiben."

Wie schnell sich aber auf sprachlicher Ebene etwas ändern kann, wenn der Wille dazu da ist, zeigt  die Geschichte des Pronomens "hen" in Schweden. Vor ein paar Jahren haben Erzieherinnen und Erzieher in einem Stockholmer Kinderladen  angefangen, die Kinder konsequent mit diesem geschlechtsneutralen Fürwort vertraut zu machen. 2011 war das. "Hen" ist eine Mischung aus dem Pronomen "hon" für "sie" und "han" für "er". Und ist inzwischen vollständig in den schwedischen Sprachgebrauch eigegangen.  

Zudem werden Aussehen  und Spielzeugwahl von Kindern in vielen schwedischen Kitas mittlerweile ganz bewusst nicht mehr kommentiert. Sätze wie "Du hast aber heute ein hübsches Kleid an" sind Tabu. Erst vor kurzen hat eine wissenschaftliche Studie gezeigt, dass Kinder, die das Pronomen "hen" benutzen, und solche Sätze in der Kita nicht zu hören bekommen, weniger stereotype Ansichten darüber haben, was männlich und was weiblich ist. Kulturwissenschaftlerin Erika Alm.

Erika Alm:  "Das Pronomen 'hen' wurde von einer ganzen Generation Kinder in Windeseile übernommen und sie benutzen es jetzt ganz selbstverständlich. Ich denke, dass solche Veränderungen sehr wichtig sind. Damit Menschen, die sich anders fühlen, in der Sprache auch repräsentiert werden, braucht es Begriffe."

Dafür bietet die schwedische Sprache deutlich mehr Möglichkeiten. Herr oder Frau in der Anrede werden so gut wie nie verwendet. In Briefen - auch von offizieller Seite - werden die Adressaten meist nur mit "Hej", "Hallo", angesprochen. Außerdem duzen sich alle. Auch bei Berufsbezeichnungen wird nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden.

Mari Günther: "Ich finde so etwas immer großartig, weil ich erlebe, Sprache immer als etwas Dynamisches. Von daher finde ich das Erfinden von neuen Worten einfach äußerst erfrischend. Ich hatte auch vor 16 Jahren die Situation, dass ich das Verhältnis zu meinem Kind benennen musste und habe dann für mich selber den Begriff der Väterin erfunden. Ich weiß nicht, ob es den vorher schon gab, aber jedenfalls bin ich ganz stolz drauf und fand das dann auch ganz gut, dass Sprache das so ein bisschen hergibt. Und ich bin gespannt, wie ein drittes, viertes oder ein zwölftes Pronomen lauten könnte, warum auch nicht.

Ich höre mir da natürlich auch gerne diese Anmerkungen an, ja, jetzt kommt ja alles durcheinander und das geht doch alles nicht und dann denke ich immer, naja, wenn in der Handybranche ein neuer Begriff oder ein neues App oder sowas auftaucht, dann sind die Leute auch ganz fleißig darin, dass irgendwie zu wissen und dann richtig auszusprechen und damit auf Partys herum zu stolzieren. Warum also nicht auch in dem Bereich?"

"Wichtig, dass man immer in Jungs und Mädchen unterteilt?"

Für Veränderungen in der Sprache braucht es keine gesetzlichen Vorgaben. Es ist die Entscheidung jedes Einzelnen, neue Begriffe in den Wortschatz aufzunehmen, sagt Mari Günther. Man kann etwa die Anrede von Personen in Briefen oder Emails geschlechtsneutral halten.

Mari Günther: "Viele Transleute, die in dem Feld arbeiten, haben in ihrer Signatur unten so ein Empfehlungsschreiben, so eine Empfehlungszeile: Ich freu mich, wenn Sie mich so und so anreden und wenn sie mich nicht und so anreden." 

In Briefen und Mails richtig - oder zumindest nicht mit der falschen Geschlechtsbezeichnung - angesprochen zu werden, ist ein kleiner Schritt, der trans- und intersexuellen Menschen den Alltag erleichtert. Doch das tägliche Leben stellt sie noch immer vor zahlreiche  Herausforderungen. Li Kerren hat zwar den Namen in ihrem schwedischen Pass relativ problemlos ändern können. Doch  juristisch gilt sie immer noch als Mann. Mit diesem Widerspruch wird sie fast täglich konfrontiert. Und das völlig unnötig, findet ihre Mutter Annett.

Annett Büttner: "Ist es eigentlich wichtig, dass man immer in Jungs und Mädchen und Männer und Frauen unterteilt? Also das fällt mir jetzt eben, seitdem wir da durch dich damit konfrontiert sind mit dem Thema, fällt mir das extrem auf, ja. Dass man bei jedem Einchecken für ein Flugbillett muss man angeben: Mann oder Frau. Warum ist das eigentlich wichtig ja? Und dann denke ich natürlich daran, wie schwierig ist das für dich aber andererseits denke ich auch, was spielt das für eine Rolle? Und ich glaube, durch diese Diskussion wird dieses unheimliche Betonen, du musst dich entscheiden - entweder Mann oder Frau zu sein - wird das schon bisschen aufgelöst und infrage gestellt oder so." 

Du musst dich entscheiden! Sehr lange galt das für Menschen, die ihren Personenstand im Pass ändern wollten, bis in die letzte Konsequenz. Der Gesetzgeber hat eingefordert, dass sie ihr gewünschtes Geschlecht auch operativ angleichen und damit fortpflanzungsunfähig werden müssen. Im Klartext bedeutete dies eine Zwangssterilisierung.

Diese Regelung gilt für Transmenschen in Russland, der Türkei, Griechenland, Finnland, Belgien und der Schweiz noch immer. 2011 wurde sie in Deutschland abgeschafft, in Schweden sogar erst 2013. Seitdem beobachtet Mari Günther einen vielsagenden Trend:

"Das sind sozusagen Beobachtungswerte, die ich da wiedergebe: Also 2011 wurde der Zwang abgeschafft, fortpflanzungsunfähig zu sein um den Personenstand ändern zu können. Und in dem Jahr danach gab es mehr Personenstandsänderungen. Das heißt, die Leute wollten eigentlich schon lange ihren Personenstand ändern, konnten es aber nicht machen, weil sie sich nicht haben operieren lassen. Die kamen dann halt.

Und auf der anderen Seite hatte man den Eindruck, dass weniger Leute den Wunsch nach geschlechtsangleichenden Genitaloperationen hatten, also sozusagen das Herstellen der Fortpflanzungsunfähigkeit und deswegen ist da die Vermutung entstanden, dass es eben einen Konformitäts-, einen Operationsdruck gab, der eigentlich vor allem nur dazu führen sollte, den Geschlechtseintrag ändern zu lassen und das ist natürlich eine unglaubliche entwürdigende Dynamik, die dahinter steckt. Dass sich Leute vielleicht haben operieren lassen, nur um einen popeligen Geschlechtseintrag zu bekommen. Also so ein Kreuzchen auf dem Papier, mehr ist es ja nicht." 

Doch im Alltag der Transmenschen steht dieses Kreuzchen für die eigene Identität.

Erika Alm: "Dass man in Formularen, die nicht für Statistiken benutzt werden, bei Geschlecht nicht 'anderes' ankreuzen kann, oder dass es wenigstens ein Kästchen gibt: 'Auf die Frage will ich nicht antworten', ist mir unbegreiflich. Hier geht es nur um den Willen, das zu ändern und der Gesellschaft klarzumachen, dass solche Fragen für Transpersonen wichtig sind. Und für den Alltag von Transpersonen hat es auch große Konsequenzen, wenn der Ausweis oder Pass nicht damit übereinstimmt, wie man sich fühlt und wer man ist." 

Li Kerren: "Für mich ist es echt ein Schmerz und ich weiß noch, als ich den alten Namen hatte, den anzugeben fand ich echt schlimm. Wenn man sich irgendwo anmelden muss und dann muss man das angeben. Manchmal habe ich einen echt guten Tag und dann muss ich ein Formular ausfüllen und dann muss ich da was ankreuzen: Mann oder Frau und das macht mich echt traurig und es kann mir den Tag zerstören oder eine Woche echt schlecht machen und das ist echt schwer manchmal. Besonders wenn es komplett unnötig ist, warum muss ein Flugzeug wissen, was für ein Geschlecht ich habe?"

Die dritte Option könnte dieses Dilemma zumindest in Deutschland lösen: Das Bundesverfassungsgericht hat im letzten Jahr die Regierung aufgefordert, einen dritten positiven Geschlechtseintrag im deutschen Recht zu formulieren. Neben weiblich und männlich soll ein weiteres Geschlecht im Pass oder Personalausweis eingetragen werden können.

Mari Günther: "Nun haben wir aber leider die Verantwortung für dieses Unternehmen in den Händen unseres Heimatministers, dieses Herrn Seehofer, der glaube ich noch nicht verstanden hat, dass er in Berlin arbeitet und für Gesamtdeutschland zuständig ist. Und da gibt es im Moment die Überlegung innerhalb des Innenministeriums, eine Regelung zu erzeugen, dass nur intergeschlechtliche Personen und nur, wenn sie sozusagen ein ärztliches Attest haben, diesen Eintrag einer dritten positiven Option in Anspruch nehmen können. Das ist natürlich rein menschenrechtlich total unterirdisch: Wir fordern unbedingt einen dritten Geschlechtseintrag, der offen ist für alle, die das wollen und der auch stattfinden kann ohne irgendwelche Diagnosen oder Bescheinigungen oder Fremdbestimmungen. Es ist heutzutage einfach unumgänglich, dass jede Person, die das möchte, einen dritten Personenstand sich eintragen lassen kann, wenn das ihrem Selbstempfinden entspricht."

Mari Günther macht jedoch die Erfahrung, dass sich meist heftiger Widerstand regt, wenn versucht wird, auf die Geschlechtervielfalt in der Gesellschaft hinzuweisen. Anfang 2018 hat der Berliner Senat eine Broschüre zu geschlechtlicher Vielfalt für Kita-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter herausgegeben. In dieser sind Antworten auf Fragen enthalten, die die Erzieherinnen und Erzieher zu dem Thema haben und Anregungen, wie sie mit dem Thema umgehen können. Als die Broschüre erschien, wollte die CDU die Vergabe stoppen. Und die AfD lief Sturm dagegen.

"Die Norm ist ganz klar die auf Fortpflanzung angelegte Beziehung zwischen Mann und Frau. Denn die bürgerliche Familie bildet den Kern des Fortbestandes der Gesellschaft." 

Sagte etwa der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Franz Kerker.

"Eine solche frühkindliche Sexualpädagogik ordnet das Kindeswohl einer ideologisch motivierten Vision einer neuen Gesellschaft unter. Das Eigenrecht der Kinder wird missachtet. Die Pädagogik wird politisch instrumentalisiert." 

Und die "Citizengo" Stiftung schrieb auf ihrer Webseite:

"Kein Vielfalts-Sex in KiTas: Indoktrinierende Broschüre sofort zurückziehen!"

Mari Günther: "Und das Putzige war ja, dass da nur eine überarbeitete Version vorgestellt wurde und die vorhergehende Version, die gibt es, glaube ich, schon seit 2014. Also im Grunde kann man sich erst mal darüber freuen, dass die AfD Bildungsmaterial überhaupt wahrnimmt und zumindest die erste Seite auch gelesen hat. Also dafür schon mal Applaus. Und ansonsten ist es natürlich höchst albern, sich darüber zu echauffieren, weil diese Broschüre letztlich nur auf die Fragen und Unsicherheiten reagiert hat, die aus der Praxis heraus formuliert wurden. Und wenn man es mal bis zur zweiten oder dritten Seite sogar schaffen würde, dann würde man auch feststellen, dass das natürlich kein Material ist für die Kita-Kinder, sondern eben für das Personal, um sich sozusagen vorab und intern fortzubilden."

Trotzdem: Beim Thema Geschlechtervielfalt regt sich immer wieder starker Widerstand. Fast so als würde eine Gesellschaft nur dadurch zusammengehalten werden, dass sie sich klar in Frauen und Männer unterteilt lässt, sagt Mari Günther von der Beratungsstelle "queer-leben".

Mari Günther: "Einerseits kann ich mir vorstellen, dass die Gesellschaft sich verunsichert fühlt, es gibt sozusagen noch weniger klare Markierungen, was hier was ist in der Gesellschaft: Wo ist oben, wo ist unten. Erwerbsbiografien verändern sich, alles Mögliche kommt ins Rutschen und da sind vielleicht manchmal auch Leute ganz froh, dass man wenigstens noch weiß, was ein Mann und eine Frau ist und es gibt bestimmt auch ein Sicherheitsgefühl, nachts, da ist schon gut zu wissen, ob da ein Mann oder eine Frau geht. Für Sicherheitsgefühl wäre es ein Unterschied." 

Und die Philosophin Antke Engel, die das queer-Institut in Berlin leitet, sieht in den teilweise heftigen Reaktionen ein machtpolitisches Kalkül.

Antke Engel: "Die Kämpfe, die im Moment ausgetragen werden, sind auch Kämpfe darum, wer wo über welche Ressourcen verfügt, welche Machtposition in der Gesellschaft einnimmt, wie Arbeitsteilung innerhalb der Familien organisiert ist und was es heißt, ein männliches Überlegenheitsverständnis plötzlich in der sozialen Praxis im Umgang mit anderen Menschen, mit dem anderen Geschlecht dann nicht mehr selbst bestätigt zu bekommen." 

Dass sich die Geschlechtergrenzen gänzlich auflösen, will niemand. Auch Li und ihre Familie nicht. Doch sie hoffen auf mehr Spielraum für die unterschiedlichen Facetten, die das weibliche und männliche Geschlecht bieten. Spielräume,  über die dann jede und jeder selbst verfügen kann. Zu jeder Zeit und in jeder Phase im Leben.

Li Kerren: "Was in der Zukunft passiert: Vielleicht verändern sich Sachen, das weiß man nie. Aber man muss ja einfach auch manchmal nach dem Gefühl gehen. Und jetzt gerade weiß ich, wie vielleicht du weißt, dass du eine Frau bist, weiß ich, dass ich eine Frau bin."
 
Wenn es der Gesellschaft gelingen würde, Geschlechter in allen Launen der Natur in ihrer Mitte aufzunehmen, könnten alle davon profitieren, glaubt auch Mari Günther.

Mari Günther: "Eine wirklich gute Gesellschaft für Trans Personen wäre, etwas angstfreier, möglichst frei von Diskriminierung und ich würde mehr Anerkennung, mehr Respekt und letzten Endes, dass es auch eine größere Normalität im Umgang mit Vielgeschlechtlichkeit gibt. Und ich glaube,das würde in vielen Lebensbereichen einfach die Freundlichkeit miteinander sehr verbessern."

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