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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.03.2017

Alleinerziehend und armWenn die Milchschnitte zum Luxus wird

Von Madeline Dangmann und Anne Heigel

(picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
Bundesweit wächst jedes siebte Kind in einer Familie auf, die Harz IV bezieht, in Ostdeutschland sogar jedes fünfte. (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)

Mareike Kremer und ihr Sohn Leon haben wenig Geld. Schon Kleinigkeiten können sie sich manchmal nicht leisten. Die Mutter träumt davon, nicht mehr auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Und Leon will was aus seinem Leben machen.

Mareike Kremer und ihr Sohn Leon empfangen uns in ihrer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Reinickendorf. Hier leben die beiden seit knapp acht Jahren. Anfangs noch mit Leons Vater, mittlerweile nur noch mit ihren Katzen Lila und Flecki.

Schon im Flur sind die Wände dicht behangen mit Fotografien: Mal Leon als Baby, mal Leon mit Hut und Schlips und mal Leon mit Mama Mareike. An einer der Holztüren prangt der Name des Sohnes in leuchtenden Großbuchstaben. Dahinter verbirgt sich sein eigenes Reich, das Leon uns sofort zeigt.
 
"Ganz viele Spielsachen und Zettel, die rumliegen. Ich bin ein Bücherwurm. Bücher, Bücher, Bücher."

Spielsachen bedecken den Boden komplett

Das kleine Zimmer ist tatsächlich voll von Büchern und Unmengen von Spielsachen. Sie bedecken den alten Teppichboden fast komplett. Es fällt auf, dass sich Leon vor allem für ein Thema begeistert: 

"Mhm, ich liebe Dinos. Das ist der Triceratops, ein Pflanzenfresser. Stegosaurus, auch ein Pflanzenfresser, Tigosaurus, Zwergallusaurus, Anklussaurus-Dechse ..."

Die meisten von Leons Spielsachen sind gebraucht gekauft oder Geschenke.

"Ich würde mir gerne Sachen kaufen wie mehr Dinos oder Stricksachen. Meine Mama hat zu wenig, ich möchte mehr von Dinobüchern und so Wissenschaftsbüchern über Tiere. Ich will mehr über die Welt lernen."

Für seine Mutter Mareike ist es jedoch nicht so einfach, die Wünsche ihres Sohnes zu erfüllen. Denn die 33-Jährige lebt seit 15 Jahren von Hartz IV. Zwar hat Mareike seit kurzem ihren ersten Job als Bürokauffrau, weshalb ihr Einkommen mit Hartz IV bloß noch aufgestockt wird. Einen höheren Lebensstandard haben die beiden dadurch aber nicht.

"Ich hab jetzt einen 30-Stunden-Job und das reicht natürlich nicht und da wird dann noch - ich glaub es sind jetzt 200 oder 300 Euro - dazugegeben von Hartz IV. Im Endeffekt hab ich gleich viel raus. Daher kann ich auch viele verstehen, die sagen: Warum soll ich arbeiten gehen? Ich hab mit Hartz IV genauso viel, wenn nicht sogar mehr, als wenn ich arbeiten gehe. Aber ich konnte nicht mehr zuhause hocken. Die Decke ist mit auf den Kopf gefallen. Vorbild wollte ich ja auch sein."

Sie kommen einigermaßen zurecht

Eine genaue Summe, wie viel den beiden zum Leben bleibt, möchte Mareike nicht nennen. Mit dem, was sie haben, kommen sie aber einigermaßen zurecht, wenn auch an vielen Ecken gespart werden muss. Seit Leon sieben Jahre alt ist, ist das Geld allerdings noch knapper geworden. Schuld ist eine Kürzung der staatlichen Zuschüsse.

"Es gibt einen Mehrbedarf für Alleinerziehende, und kaum wird das Kind sieben Jahre, wird das um 30 Prozent gekürzt. Wieso? Der braucht doch jetzt größere Sachen. Der braucht die Schulsachen. Ich verstehe es nicht. Mit sieben Jahren wird der um 30 Prozent gekürzt, und das sind für mich immerhin 100 Euro. Ist einiges, was ich weniger habe – sind zwei Paar Schuhe für ihn weniger, wenn man’s mal so nimmt."

Dass nicht viel Geld da ist, merkt auch Leon. Beim gemeinsamen Spielen erinnert er sich an einen Geburtstag seiner Mutter, zu dem er ihr ein ganz besonderes Geschenk machen wollte:

"Ich habe einen Brief geschenkt, hab ich dran geklebt mit Tesafilm, und da war ein Fünf-Euro-Schein drin. Weil Mama erstens nicht so viel Geld hatte und keine Arbeit hatte. Das war mein einziges Geld, was ich hatte."

Leon ist ein sehr aktives Kind. Er flitzt fast dauerhaft durch die gesamte Wohnung.

"Wuuuuh, gut abgewehrt, wuaaah. Ich bin Torwart und du bist Schießer. Gehalten, jaaa, Toooor"

Doch die meiste Zeit verbringen Leon und seine Mutter im Wohnzimmer. Hier ist Leons Schreibtisch, der Fernseher und eine Couch-Ecke mit kleinem Tisch – an dem wir heute gemeinsam zu Abend essen.

"Mama kann nicht kochen"

"Eigentlich essen wir abends immer warm. Nudeln mit Ketchup oder so. Selten, dass wir mal ein Brot oder so essen."
"Was kann die Mama am besten?" 
"Nudeln. Ist das einzige, was wir haben."
"Na das stimmt nicht ganz."
"Doch, das stimmt: Nudeln und Buletten ist das einzige, was wir jeden Tag essen."
"Das stimmt nicht!" 
"Doch."
"Ja, sie haben schon einen Hauptbestandteil. Sie gehen einfach schnell. Und man kann sie in mehreren Varianten machen." 
"Und Mama kann nicht kochen." 
"Und auch das."

Mareike ist bereits als Jugendliche von zu Hause ausgezogen. Nicht nur das Kochen habe sie deshalb nie gelernt.

"Ich würde gerne den Haushalt nochmal von vorne lernen. Weil, da bin ich halt unzufrieden, wie wir den Haushalt führen. Ist halt immer etwas unordentlich. Nicht andauernd die Wäscheberge überall rumliegen zu haben. Die Ordnung neben der Arbeit noch mit hinzukriegen. Das ist, was noch ein Wunsch ist."

Neben mehr Ordnung im Haushalt haben die beiden auch noch andere Wünsche. Einige von ihnen wären mit mehr Geld zu erfüllen - wie zum Beispiel neue statt gebrauchte Kleidung oder einfach mal so eine Milchschnitte für Leon.

Durch ihren neuen Job ist Mareike zuversichtlich, dass sie irgendwann genug Geld für diese Dinge haben und nicht mehr auf staatliche Unterstützung angewiesen sein werden. Doch egal, wie es weitergeht, Leon weiß auch schon mit seinen sieben Jahren, worauf es wirklich ankommt:

"Geld spielt für mich keine Rolle. Geld ist nicht wichtig, das Leben ist wichtig. Man muss mit seinem Leben, was man hat, etwas machen."

Leben am Rand: Kinderarmut in Deutschland
Fast Zwei Millionen Kinder leben in Armut oder in sozial gefährdeten Verhältnissen. Bundesweit wächst jedes siebte Kind in einer Familie auf, die Harz IV bezieht, in Ostdeutschland sogar jedes fünfte. Dabei trifft Armut gerade Kinder besonders hart. Denn wer aus einkommensschwachen Familien kommt, ist einer vergleichsweise höheren Gefahr ausgesetzt, sozial isolierter aufzuwachsen, gesundheitliche Nachteile zu erfahren und hat häufiger mit Problemen auf dem eigenen Bildungsweg zu kämpfen.
Die Sendung entstand im Rahmen einer Kooperation mit den Studentinnen des Masterstudiengangs Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin: Anne Heigel, Milena Bialas, Bahareh Ebrahimi, Morgane Llanque, Josephine Günther, Madeline Dangmann und Nina Raddy.

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