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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.04.2012

Alle sitzen redend beisammen

Milan Peschel inszeniert Sven Regeners Roman "Der kleine Bruder" am Berliner Maxim Gorki Theater

Von Hartmut Krug

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Milan Peschel (picture alliance / dpa / Bodo Marks)
Milan Peschel (picture alliance / dpa / Bodo Marks)

In einem Kreuzberger Besetzerhaus quatscht und definiert man sich am "normalen" Leben vorbei. Der Blick zurück ins Biotop Westberlin ist anfangs munter und witzig, doch im zweiten Teil dreht sich die Inszenierung von Milan Peschel am Gorki-Theater mächtig redundant und aufgedreht im Kreis.

Die Bundeswehr hat ihn aus psychischen Gründen nach einem Selbstmordversuch entlassen, und nun fährt Frank Lehmann mit seinem Kumpel im November 1980 nach Berlin. Er will zu seinem Bruder, der Hauptfigur im letzten, bereits verfilmten Teil von Regeners Romantrilogie ("Neue Vahr Süd", "Der kleine Bruder" und "Herr Lehmann"). Fast verfahren sie sich auf der Transitstrecke durch die DDR. Sie leiden unter den Schlaglöchern, staunen über den Ort Lehnin, weil der mit einem H geschrieben wird und der russische Revolutionär ohne diesen Buchstaben auskommt - und palavern sich so mit naiver Aufgekratztheit durch die Nacht.

Auf der leeren Bühne des Maxim Gorki Theaters sitzen dabei zwei junge Männer in einem kleinen Opel und werfen sich die pointenreich fragenden Sätze nur so um die Ohren. Erst erzählt Wolli lange mit den Romanworten Sven Regeners, dann erzählt jeweils der eine, was der andere tut, darauf wechseln sie in kurze Dialoge oder sprechen direkt das Publikum an, und als sie endlich, nach einer Irrfahrt über den "Scheiß"kudamm, in Kreuzberg angekommen sind, wechseln die Sprecherpositionen hin und her zwischen ihnen und den Typen, die sie dort treffen.

Diese erste halbe Stunde der Aufführung besitzt Schwung und Witz, und das Publikum lässt sich von der fröhlichen Munterkeit der Schauspieler Michael Klammer als Wolli und Paul Schröder als Franz Lehmann sofort anstecken. Doch dann trennen sich die beiden, Wolli verschwindet in einem besetzten Haus, und Frank macht sich auf die Suche nach seinem Bruder. Der scheint irgendwie verschwunden, und auch keine der großen Schrott-Metall-Skulpturen des als freien Künstler lebenden Bruders kann Frank finden. Bei seiner Suche gerät nach dem großen Bruder gerät der kleine Bruder in ein Milieu von Hausbesitzern, Punks und Künstlern. Hier wird nichts getan, aber über alles unentwegt geredet. Nicht über soziale Fragen und Politik, sondern immer nur über Kunst. Die man macht, die ankommt oder mit der man ankommen will, in Amerika.

Gleich nach Ankunft soll Frank seinen verschwundenen Bruder in einem teilbesetzten Haus bei einem Plenum vertreten. Alle sind hier irgendwie Künstler. Lebenskünstler sowieso, aber auch Maler, Bildhauer, Performer oder Musiker, und es wird Bier getrunken und unendlich viel diskutiert. Über die richtige Kunst und das beste Bier, über Kunstdefinitionen, Karriere und griechisches Essen. Es ist eine völlig in sich kreisende Szene, man rotiert von Konzerten über Kneipen zu Wohnungstreffs. Im Zentrum: ein teilbesetztes Haus. Vorn wohnen Künstler, und das Hinterhaus haben andere besetzt. Doch einer der Künstler besitzt das Haus und lässt sich Miete zahlen. Das Ganze: eine Kunstsimulation.

So quatscht und definiert man sich am sogenannten normalen Leben vorbei, während sich die Inszenierung Milan Peschels mächtig redundant und allzu aufgedreht im Kreise dreht. Sie zieht sich über dreieinhalb Stunden, zahlreiche Spannungslöcher und etliche mögliche Schlüsse dahin, mehr mit erzählten als gut gespielten Gags, die eingehüllt sind in mächtig viel Gelaber. Zur Erinnerung: Leander Haußmann, der eine andere Bühnenfassung des Buchs mit Studenten der Schauspielschule Ernst Busch einstudiert hat (als erste Theaterinszenierung nach zehnjähriger Bühnenabstinenz), kam mit der Hälfte der Zeit aus.

Im neunköpfigen Schauspielensemble sind kräftige Typen am Werk, unter ihnen auch zwei Laien wie der Wirt der Theaterkantine, und Maike Rosa Vogel durchzieht das zähe Redestück mit ihren Songs zur E-Gitarre, was dem Abend gut bekommt und ihn durchaus auflockert. Aber obwohl die Schauspieler alle viel älter sind als die Romanfiguren, ist dies kein reflektierender Blick von heute zurück in ein vergangenes Westberlin, sondern einfach eine muntere Beschreibung einer Lebensart, die es neben anderen im offenen sozialen Biotop Westberlin gegeben hat. Diese Beschreibung wirkt vor allem kabarettistisch, plustert sich zuweilen auch ein bisschen provokant und bleibt dabei doch unfreiwillig komisch.

So zum Beispiel, wenn es um P. Immels Konzerte geht, bei dem dieser Mann, dessen Name Programm ist, mit heruntergelassener Hose auf der Bühne im Bierdosenhagel steht. Nie aber wirkt das Berichtete, als gehe es wirklich um grundexistentielle Fragen, und alle diese Kunstsucher ahnen, dass sie vielleicht doch keine Künstler sind. Während auf der Bühne das Auto als Teil einer Performance zerlegt wird und ein Mann die ganze Zeit die Wände künstlerisch bemalt. Nachdem Frank erfahren hat, dass sein Bruder in einem Kudammhotel als Pharma-Industrie-Versuchskaninchen Geld verdient, flattern schwarze Vögel über die Wände. Alle sitzen redend beisammen, Frau Vogel singt ein trostvolles Lied, und Frank erkennt, dass er gern in einer Kneipe arbeiten will.

Da ist manch Zuschauer aber froh, dass dieser lange, unrhythmische, mäßig erkenntnisreiche und trotz Regeners pointierten Texten nur gelegentlich lustige Theaterabend endlich zu Ende ist.

Informationen des Gorki-Theaters zur Inszenierung

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