Robert Plant und Alison Krauss: "Raise The Roof"

Ein Album wie ein ruhiger, langer Fluss

06:39 Minuten
Alison Krauss und Robert Plant singen gemeinsam auf der Bühne.
Zum ersten Mal arbeiteten Alison Krauss und Robert Plant 2008 zusammen. Das damalige Album "Raising Sand" wurde von Kritikern hoch gelobt. © imago images/ZUMA Wire
Fabian Elsäßer im Gespräch mit Vivian Perkovic · 19.11.2021
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Mit "Raise The Roof" haben Hardrocker Robert Plant und Bluegrass-Sängerin Alison Krauss zum zweiten Mal ein gemeinsames Album aufgenommen. Das vielschichtige Werk sei das düstere Gegenstück zu ihrer ersten Zusammenarbeit, findet unser Rezensent.
Aufhören ist für Rockmusiker über 70 offenbar keine Option. Man macht einfach immer weiter wie die Stones oder The Who oder Deep Purple – oder man macht etwas völlig anderes. Robert Plant war als Frontmann von Led Zeppelin so etwas wie der Prototyp eines Hardrocksängers.
Aber als Solokünstler hat er sich immer weiter vom Hardrock entfernt. Seine Alben klangen poppig, elektronisch, später kam Weltmusik dazu und 2007 hat er überraschenderweise ein Album mit der US-Bluesgrass-Sängerin und Geigerin Alison Krauss aufgenommen: „Raising Sand“. Und dieses Album war unglaublich erfolgreich. Es verkaufte sich millionenfach, bekam gleich zwei Grammies und begeisterte Kritiker.

Die Erfolgsbesetzung von damals

Vivian Perkovic:  "Raise The Roof" heißt das neue Album von Alison Krauss und Robert Plant. Ist das einfach nur eine Wiederholung von „Raising Sand“?
Fabian Elsäßer: Das könnte man erstmal meinen. Vieles ist auch gleich. Erstmal ist da weitestgehend die Erfolgsbesetzung von damals beteiligt. Produzent "T Bone" Burnett war wohl sehr wichtig beim Arrangement, dem Gesamtsound. Er spielt auch selbst E-Bass und Gitarre. Andere Musiker sind echte Studio-Asse: Marc Ribot, Dennis Crouch oder Jay Bellerose.
Auch die Instrumentierung ist ganz ähnlich, wie damals: Kontrabass, Geige und Mandoline spielen eine große Rolle.
Alison Krauss vor schwarzem Hintergrund auf der Bühne mit einer Geige. Ein Scheinwerfer leuchtet im Hintergrund diffus nach oben.
Bluegrass-Musikerin Alison Krauss auf der Bühne. Kritiker bezeichnen ihren Gesang als "engelsgleich".© picture alliance/AP Images
Es gibt diesmal zwar auch einen neuen, eigenen Song auf dem Album, geschrieben von Plant und Burnett. Alle anderen sind aber wieder Coversongs. Doch die Songauswahl fällt diesmal ganz anders aus.
Es sind Lieder von teilweise völlig in Vergessenheit geratenen Deltablues-, Country- und Folksängerinnen und Sängern: Geeshie Wiley, Ola Belle Reed zum Beispiel und auch zwei Vertreter des britischen Folk: Bert Jansch und Anne Briggs aus dem Umfeld von Pentangle und Fairport Convention. Aber auch ein Cover von Calexico ist dabei. Es gibt also schon einen Gegenwartsbezug. Es ist ein sehr breiter musikalischer Bogen.

Musikalisch vielschichtiger als das erste Album

Perkovic: Und heißt das, es klingt auch anders?
Elsäßer: Auf jeden Fall! Es ist, finde ich, so etwas wie das düstere oder melancholische Gegenstück zu "Raising Sand", das eher eine euphorische, fröhliche Stimmung hatte. Musikalisch ist es vielschichtiger, schon alleine wegen der Songauswahl. Und die Arrangements klingen für mich auch interessanter. Das ist sehr rhythmusbetont. Außerdem liegen da oft viele, viele Spuren übereinander: zusätzlich zum Schlagzeug noch Percussion oder Handclaps. Das gibt den Songs mehr Druck und Auflockerung, auch wenn sie meist gemäßigte Tempi haben.
Zum Beispiel das Calexico-Cover: Da liegt noch ein zusätzlicher Rhythmus unter dem Viervierteltakt. Das könnte nordafrikanisch inspiriert sein. Das könnte man schon fast Desert-Rock-Atmosphäre nennen.

Verbindungen zum Folk

Perkovic: Robert Plant ist jetzt Anfang 70, Alison Krauss wurde dieses Jahr 50. Die haben völlig andere Biografien und vor allem einen völlig anderen musikalischen Hintergrund. Wie lässt sich diese Zusammenarbeit überhaupt erklären?
Elsäßer: Alison Krauss entfernt sich damit ja nicht weit von ihrer musikalischen Basis: Bluegrass, Country, Americana. Und bei Robert Plant ist es so, dass Schwarze Blues-Musiker einen großen Einfluß auf Led Zeppelin hatten. Da gab es auch immer wieder Folk-Einsprengsel, auf dem dritten Zeppelin-Album sogar sehr deutliche. Auf "Led Zeppelin IV" hat die britische Folksängerin Sandy Denny mitgesungen. Es gab da also immer viel mehr in Plants musikalischer Biografie als nur die lauten Töne.
Robert Plant mit beiden Händen an einem Mikrofon vor schwarzem Hintergrund.
Robert Plant schlägt auf seinen Soloalben ganz andere Töne an als früher mit Led Zeppelin.© picture alliance / newscom
Insofern ist diese Hinwendung zum Americana nur ein weiterer logischer Schritt bei der Erkundung der eigenen Einflüsse. Ist ja bei seinen Soloalben der vergangenen Jahren nicht anders: Folkbluescountryirgendwas, aber auf keinen Fall Hardrock!
Perkovic: Wie passen denn die Stimmen von Alison Krauss und Robert Plant zusammen?
Elsäßer: Alison Krauss hat eine Sopranstimme, die von Kritikern gerne mal als „engelsgleich“ beschrieben wird. Robert Plant ist eigentlich ein Tenor. Inzwischen ist er aber eher in Baritonlagen unterwegs – etwas brüchiger, nachgedunkelt, aber es ist schon erstaunlich, wie stimmsicher er noch ist.
Das harmoniert in meinen Ohren sehr schön miteinander. Es ist kontrast- und spannungsreich. Auch weil die Rollen sehr unterschiedlich verteilt sind: mal singt Krauss Lead und Plant Background und mal andersrum. Und dann wieder beide zusammen.

Altersgemäß und würdevoll

Perkovic: Also ist dies diese neue Zusammenarbeit von Robert Plant und Alison Krauss eine uneingeschränkte Empfehlung?
Elsäßer: Man kann ja immer herummäkeln, wenn man will. Also: Ich finde, dass die Songs ein paar Längen haben. Wenn das Thema und der Ablauf etabliert sind, passiert nicht mehr viel Neues, kaum Soloarbeit, keine Wendungen, keine Steigerungen. Das ist alles ein ruhiger, langer Fluss. Manchmal ist es sehr ruhig und sehr lang.
Das kann man aber auch als fesselnd und fokussiert verstehen. Da entsteht eine wunderschöne, dichte Klangatmosphäre, die was Wärmendes hat, was Knisterndes. Es ist vor allem – und das ist ja auch nicht ganz unwichtig, wenn eine Legende wie Robert Plant ein neues Album aufnimmt– altersgemäß und würdevoll!

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