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Interview | Beitrag vom 09.08.2018

Alexandra Senfft über Ruhrtriennale und BDS"Ich vermisse Differenzierung in der Debatte"

Alexandra Senfft im Gespräch mit Ute Welty

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Die Band Young Fathers bei einem Live-Konzert auf dem Melt!-Festival 2015 in Gräfenhainchen (picture alliance / Geisler-Fotopress)
Die schottische Band "Young Fathers" lehnte die Wiedereinladung zur Ruhrtriennale ab. (picture alliance / Geisler-Fotopress)

Die Publizistin Alexandra Senfft warnt davor, die Israel-Boykott-Bewegung BDS "antisemitisch zu dämonisieren". Eine Band, die der Initiative nahe steht, kommt nicht zur Ruhrtriennale. Auch der NRW-Ministerpräsident hat für die Eröffnung abgesagt.

Ute Welty: Es ist die Geschichte der eigenen Familie, die die Publizistin Alexandra Senfft schon vor vielen Jahren dazu bringt, sich mit Antisemitismus zu beschäftigen – auch in Büchern wie "Schweigen tut weh" oder "Der lange Schatten der Täter". Wie damit umgehen, wenn man herausbekommt, dass der Großvater SA-Führer war? Alexandra Senfft beschäftigt sich intensiv auch mit dem deutsch-israelischen Verhältnis und beobachtet die Vorgänge um die Ruhrtriennale, die heute beginnt. Die Intendantin des wichtigsten Kulturfestivals in Nordrhein-Westfalen hatte die schottische Band "Young Fathers" eingeladen, die der BDS-Bewegung nahesteht, und die wiederum ruft dazu auf, Israel zu boykottieren. Nach viel Hin und Her kommt die Band jetzt nicht, aber wer auch nicht zur Eröffnung kommt, das ist der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Guten Morgen, Frau Senfft!

Alexandra Senfft: Guten Morgen, Frau Welty, ich grüße Sie!

Alexandra Senfft, Autorin des Buches "Der lange Schatten der Täter: Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte" (Piper Verlag), zu Gast bei Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)Alexandra Senfft war 2016 mit ihrem Buch zu Gast bei Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)

Welty: Ist das die richtige Entscheidung, die Armin Laschet da getroffen hat?

Senfft: Ich finde diese Entscheidung sehr problematisch. Ich finde nicht, dass Herr Laschet besonnen oder gar konstruktiv gehandelt hat, weil er auf einen Boykottvorwurf seinerseits mit einem Boykott antwortet. Ich finde, das verhärtet die Fronten, und in außenpolitischer Hinsicht halte ich es auch für das völlig falsche Signal an die israelische Regierung, die gerade mit der Verabschiedung des ja wirklich diskriminierenden Nationalitätsgesetzes gegen demokratische Prinzipien verstoßen hat.

"Nicht auf einen Boykott mit einem Boykott reagieren"

Welty: Laschet verweist ja auf den Bundestagsbeschluss, der dazu aufruft, Haltung zu zeigen gegenüber der BDS-Bewegung, und die wiederum ruft dazu auf, Israel zu boykottieren, zu deinvestieren und zu sanktionieren. Was denken Sie, was für eine Haltung gegenüber BDS ist angemessen?

Senfft: Ich vermisse Differenzierung in der gesamten Debatte. Wir haben es ja hier mit zwei sehr unterschiedlichen Komplexen zu tun – zum einen mit unserer Innenpolitik: Wie gehen wir eigentlich mit unseren Rechten um? Wie gehen wir mit Antisemitismus, Islamfeindschaft und Rassismus überhaupt um? Und andererseits geht es um außenpolitische Probleme: Wie ist eigentlich unser Verhältnis zu Israel und in welcher Form von Dialog treten wir mit der israelischen Regierung? Die Boykottbewegung insgesamt pauschal als antisemitisch zu dämonisieren, das muss man ja wirklich so sagen, halte ich für sehr problematisch, weil darüber auch vollkommen ausgeblendet wird, weshalb diese Bewegung eigentlich entstanden ist. Auch ich habe sehr viel Kritik an dieser Bewegung, dennoch finde ich, muss man sich differenziert darüber auseinandersetzen, anstatt auf einen Boykott wiederum mit einem Boykott zu reagieren, was nämlich in Wahrheit zunehmend an den demokratischen Pfeilern sägt, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern zum Beispiel auch in Israel.

Welty: Aber kann man als Deutscher, als Deutsche tatsächlich mit einer Bewegung kooperieren, die gegen Israel agiert?

Senfft: Man muss da eine differenzierte Haltung einnehmen. Die Boykottbewegung ist ja entstanden, weil sämtliche politischen Ansätze, um den Nahostkonflikt zu lösen, gescheitert sind. Daran waren alle Beteiligten mit schuld. Man muss diese Bewegung nicht unterstützen, keineswegs, ich hab wie gesagt auch starke Kritik daran, aber man sollte sich damit auseinandersetzen und sie nicht pauschal dämonisieren. Ich glaube, das läuft völlig an der Realität an Ort und Stelle vorbei, an der täglichen Realität der Palästinenser, über deren Situation man ja gar nicht mehr so viel spricht, über die Besatzung wird gar nicht mehr geredet. Und was mich besonders irritiert an diesem ganzen Diskurs über die BDS-Bewegung, ist, dass der Eindruck erweckt wird, als hätten wir es mit Antisemiten vor allem am rechten Rand unter Emigranten, Flüchtlingen und vor allem Palästina-Aktivisten zu tun, was aus meiner Sicht davon ablenkt, dass die meisten Antisemiten und Rassisten in der politischen deutschen Gesellschaft in der Mitte zu finden sind und wir darüber gar nicht wirklich reden, woher kommt eigentlich dieser Antisemitismus. Und ich finde, die ganze Ablenkung auf die BDS-Bewegung, über die man tatsächlich auch sprechen und diskutieren muss, führt in die Irre und ist auch kein konstruktiver Ansatz.

"Unter Freunden muss man offen reden können"

Welty: Glauben Sie, dass es jemals gelingen kann, von Deutschland aus an Israel Kritik zu üben, ohne dass der Vorwurf des Antisemitismus laut wird?

Senfft: Ich finde, eine Partnerschaft, eine Freundschaft beruht darauf, dass man seinem Partner auch Kritik äußern können muss. Es ist wichtig, auch zu beobachten, was in Israel seit einigen Jahren stattfindet unter der Regierung von Benjamin Netanjahu, nämlich ein zunehmender Abbau der Demokratie. Und die BDS-Bewegung ist vor allem – und das ist meine Hauptkritik – auch eine Vorlage für die rechte Regierung von Benjamin Netanjahu, um die Zivilgesellschaft in Israel kleinzumachen und sie zu marginalisieren, um auch Aktivisten, die sich weiterhin dafür einsetzen, dass die Besatzung der palästinensischen Gebiete beendet wird, dass diese unterbunden wird. Ich finde, unter Freunden muss man offen miteinander reden können. Aus meiner Sicht ist der ganze Diskurs über BDS, der zwar notwendig ist, der führt letztendlich dazu, dass die Rechten in Israel, aber auch in Deutschland gestützt werden. Es ist hier eine Dämonisierung im Gange, hinter der sich zum Beispiel die AfD-Mitglieder lächelnd zurücklehnen können und ihres eigenen Antisemitismus frönen und Israel und Juden dafür eigentlich missbrauchen, um ihre Politik gegen Migranten und Muslime auszuüben.

Welty: Die Ruhrtriennale beginnt heute und steht schon jetzt zwischen Israel-Kritik und Antisemitismusvorwurf. Einschätzungen dazu von Publizistin Alexandra Senfft. Frau Senfft, ich danke Ihnen herzlich!

Senfft: Vielen Dank, Frau Welty, bis dann, Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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