Alexander Liebreich und das Prager RSO

    Lyrische Sinfonie und schlaues Füchslein

    Der Dirigent Alexander Liebreich leitet das Prager Radio-Sinfonieorchester am 16.12.19 im Dvorak-Saal des Rudolfinums
    Dirigent Alexander Liebreich leitete im Dezember 2019 das Prager Radio-Sinfonieorchester im Dvorak-Saal des Rudolfinums. © Vojtech Brtnický/Český rozhlas
    Moderation: Volker Michael · 11.07.2021
    Den Saisonabschluss spielte das Prager Radio-Sinfonieorchester mit seinem Chefdirigenten wieder vor Publikum. Die prächtige Lyrische Sinfonie Alexander Zemlinskys stand am Schluss, davor gab es ein neues Violinkonzert und die Suite "Das schlaue Füchslein".
    Der Dirigent Alexander Liebreich konnte mit seinem Prager RSO am Saisonende zur Normalität zurückkehren. Am 14. Juni gab es im Dvorak-Saal des Rudolfinums - wie vor vielen Monaten geplant - die "Lyrische Sinfonie" von Alexander Zemlinsky, ein Werk, das vor fast 100 Jahren in Prag uraufgeführt worden war. Außerdem spielte Veronika Eberle ein neues Violinkonzert von Toshio Hosokawa.
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    Das Prager Radio-Symphonieorchester im Rudolfinum.© Vojtech Brtnický/CR/EBU
    Den Abend eröffnete Musik eines bekannten tschechischen Komponisten, der aber nicht aus Prag stammt und dessen Musik bis heute nicht 100-prozentig in der Hauptstadt verankert ist. Leoš Janáček hat die Kultur des mährischen Landesteils in sich aufgesogen und war zeit seines Lebens in Brno/Brünn zu Hause.

    Oper ohne Gesang im Konzert

    Leoš Janáček war vor allem ein Opernkomponist. Damit seine Werke auch im Konzertsaal häufiger erklingen, haben vor allem andere Komponisten, Dirigenten und Musiker Suiten aus den jeweiligen Opern zusammengestellt. Im Falle einer seiner bekanntesten und originellsten Opern – dem schlauen Füchslein - existieren mehrere Fassungen von Auszügen. Hier erklingt die Version des Dirigenten und Geigers Vaclav Talich.

    Aus einem Comic wird Musiktheater

    Die Oper "Das Schlaue Füchslein" basiert auf einem Comic, der nach dem Ersten Weltkrieg in tschechischen Zeitungen in vielen Folgen erschien. Eine witzige, aber auch ernste Geschichte aus dem Tierreich. Janacek hat sie um eine menschliche Komponente erweitert. Die Tiere mit ihrem Verhalten werden darin zu Symbolen für menschliche Sehnsüchte und Begierden.

    Violinkonzert mit Fruchtwasser

    Ein Gemeinschaftsauftrag an den japanischen Komponisten Toshio Hosokawa war seitens des Hamburgischen Staatsorchesters, des Prager RSO und anderer Orchester ergangen – er solle für die deutsche Geigerin Veronika Eberle ein neues Violinkonzert schreibe. Hosokawa hat die biografische Situation der Solistin aufgegriffen, die 2019 ein Kind zur Welt gebracht hat.

    "Mein Violinkonzert habe ich als Geschenk für Veronika Eberle und ihr Kind komponiert", schreibt Toshio Hosokawa zu seinem neuen Stück. "Im Konzert steht die Solistin symbolisch für den Menschen, während das Orchester die ihn umgebende Natur und das Universum repräsentiert. Zu Beginn spielt es wiederholte Wellenbewegungen, eine Reminiszenz an das Fruchtwasser. Gewissermaßen aus dem Inneren dieser ‚Wiege‘ erwächst eine Melodie der Solovioline (= das Leben). Anfangs imitiert diese die Motive des Orchesters, jedoch wird sie im Verlauf immer unabhängiger und trägt Konflikte mit ihm aus. Erst zum Ende findet diese ‚Lebensmelodie‘ wieder zu einer Harmonie mit dem Orchester zurück und löst sich schließlich in ihm auf."

    Vor 150 Jahren geboren

    Die "Lyrische Sinfonie" von Alexander Zemlinsky steht am Ende des Konzerts. Der Komponist stammt aus sehr vielfältigen familiären Verhältnissen in Wien. Sein Vater war aus einer katholischen ungarischen Familie. Dieser Vater, der auch Dichter war, hatte sich in eine sephardische Jüdin verliebt, die wiederum aus einer türkischen jüdisch-muslimischen Familie stammte. Um diese Frau heiraten zu können, konvertierte Vater Zemlinsky zum sephardischen Judentum. In dieser Tradition wuchs Alexander Zemlinsky auf, der sich zeitlebens aber nie für religiöse Identität interessiert hatte genauso wenig wie für Politik.

    Immer wieder Alma

    Umso wichtiger waren ihm Musik und auch die privaten Kontakte innerhalb der Wiener Musikcommunity. Er war unsterblich verliebt in Alma Schindler, die spätere Mahler-, Werfel-, Gropius-Gattin. Sie mochte ihn, aber nicht gänzlich. Letztlich wies sie ihn zurück, was Anlass für viele Werke wurde, auch für die Lyrische Symphonie, die viele Jahre später entstand.

    Bittersüßer Tagore

    Anfang der 1920er-Jahre besuchte der indische Dichter Rabindranath Tagore Europa und las auch in Prag. Die Künstlerszene war fasziniert. Den bittersüßen und exotischen Klang der Gedichte Tagores wollte Zemlinsky sogleich vertonen. Der Entstehungsprozess zog sich etwas hin, letztlich wurde die Lyrische Sinfonie vor ziemlich genau 97 Jahren erstmals in Prag aufgeführt.

    Zelebrierter musikalischer Bruch

    Sie weist viele Ähnlichkeiten mit Gustav Mahlers "Lied von der Erde" auf, die auch Gedichte aus Asien in deutscher Übersetzung zum Inhalt haben. Doch es handelt sich zweifelsfrei um ein Werk Zemlinskys, das völlig originell und neuartig ist. Alexander Liebreich ist fasziniert von den Brüchen, die in diesem Werk symbolisch eingefangen sind: Der Bariton singt schwelgerisch in traditioneller Harmonie - die Sopranistin trägt ihre Verse quasi zwölftönig zu spartanischer Orchesterbegleitung vor.
    Die Solisten in der Aufnahme aus Prag sind die Sopranistin Johanna Winkel und der Bariton Adam Plachetka.
    Rudolfinum, Prag
    Aufzeichnung vom 14. Juni 2021
    Leoš Janáček
    Suite aus der Oper "Das schlaue Füchslein"
    Toshio Hosokawa
    Violinkonzert
    Alexander von Zemlinsky
    Lyrische Symphonie in sieben Gesängen nach Gedichten von Rabindranath Tagore für Orchester, eine Sopran- und eine Baritonstimme op. 18

    Veronika Eberle, Violine
    Johanna Winkel, Sopran
    Adam Plachetka, Bassbariton
    Prager Radio-Symphonieorchester
    Leitung: Alexander Liebreich

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