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Zeitfragen | Beitrag vom 23.07.2021

Aleksandar TišmaChronist wider Willen

Von Siegfried Ressel

Aleksandar Tisma trägt ein weisses Sakko und schaut freundlich in die Kamera (picture alliance / akg / Bruni Meya)
Ein großer Schriftsteller, der dort schrieb und arbeitete, wo er eigentlich gar nicht sein wollte: Aleksandar Tišma. (picture alliance / akg / Bruni Meya)

Seine Romane und Erzählungen spielen in der serbischen Stadt Novi Sad und waren in Deutschland große literarische Erfolge. Aleksandar Tišma machte seine Heimat berühmt, doch die dankt es ihm wenig. Nun ist seine Autobiografie auf Deutsch erschienen.

"Ich musste also in dem Land bleiben, in dem mich sowohl die politische Struktur als auch die herrschende Mentalität, in dem mich fast alles abstieß."

Dies schreibt der große serbische Schriftsteller Aleksandar Tišma rückschauend in seiner Autobiografie "Erinnere dich ewig", welche im Frühjahr 2021 auf Deutsch erschienen ist. Was ihn tröstete: Dass es in Novi Sad "möglich war, dieselben Bücher wie in Paris und London zu lesen, ja sogar zu schreiben".

Ruhm für die Heimat

Anlass für diese halb resignierende Einsicht war wieder einmal die Ablehnung eines Reisepasses durch die jugoslawischen Behörden in den 1950er-Jahren. Der damals um die dreißig Jahre alte Tišma träumt vom Leben als Bohemien in Paris. Er will fort aus seiner Geburtsstadt. Heraus aus den gesellschaftlichen Härten des Jugoslawiens der Nachkriegsjahre.

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Er, der viele Sprachen beherrscht, – neben Ungarisch und Serbisch vor allem Deutsch und Französisch –, will eigentlich in das Land von Proust, den er liebte. Doch alle Versuche, auch über Umwege, nach Frankreich zu kommen, scheiterten zunächst, wie Mirjana Wittmann, die gemeinsam mit ihrem Mann Klaus Tišmas' Autobiografie ins Deutsche übersetzt hat, erzählt:

"Er hatte auch mit dem Gedanken gespielt, einen israelischen Pass zu bekommen, hat er nicht. Und dann ist er aus freien Stücken in Novi Sad geblieben, das ist das Interessante. Und Novi Sad ist durch ihn bekannt geworden in der Welt."

Das Literarische Quartett ist von Tišma begeistert

Tišma blieb also, lebte und schrieb in der Hauptstadt der Vojvodina, der nördlichen Provinz Serbiens, Weltliteratur. Und das begann so:

"Ich machte mich also zum Gegenstand eines Experiments, das darin bestand, hier ein Schriftsteller zu werden, wo ich nicht sein wollte, und dennoch nach denselben Maßstäben zu schreiben, als wäre ich dort, wo ich sein wollte. Ich machte mich an die Arbeit." (aus "Erinnere dich ewig" von A. Tišma)

Wer war dieser Chronist wider Willen, der mit seinen Werken "Das Buch Blam", "Der Gebrauch des Menschen", "Die Schule der Gottlosigkeit", "Treue und Verrat" und "Kapo" Weltliteratur schrieb? Wodurch wurde er international bekannt?

Der Osteuropa-Korrespondent der FAZ, Michael Martens, liebt die Bücher Tišmas, wenngleich er befürchtet, dass der Schriftsteller auf dem deutschen Buchmarkt der Vergessenheit anheimfallen wird. Das war in den 1990er-Jahren in Deutschland ganz anders, wie er sagt:

"Ich bin selber zum Tišma-Leser geworden, wie wahrscheinlich viele meiner Generation, durch die Hymnen des Literarischen Quartetts und erstaunlicherweise auch durch den Umstand, dass hier nicht gestritten wurde im Fall Tišma. Da war eine seltsame Einigkeit da. Bei Tišma waren sie alle überzeugt, der ist groß!"

Insgesamt vier Mal wurden Tišmas Bücher in den 1990er-Jahren im Literarischen Quartett besprochen und gerühmt. Dann ebbte der Ruhm ab. Tišma starb 2003; danach erschienen keine weiteren Titel von ihm in Deutschland – bis zu seiner Autobiografie, die mit mehr als zwanzigjähriger Verzögerung nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Ausloten von Schicksalen

Aleksandar Tišma, der die meiste Zeit seines Lebens in Novi Sad verbrachte, wurde am 16. Januar 1924 im 120 Kilometer entfernten Horgoš, einem Dorf im äußersten Norden Jugoslawiens, an der Grenze zu Ungarn geboren. Die Mutter war Jüdin, der Vater christlichen Glaubens.

Die Familie lebte im kosmopolitischen, vielsprachigen Novi Sad, wo der Vater als Kaufmann arbeitete. Tišmas Schulkameraden waren Serben, Ungarn, Deutsche, Kroaten, Russen, Slowaken und Ruthenen. Mit den unterschiedlichen Nationen kamen verschiedene Glaubensrichtungen zusammen: katholisch, evangelisch, jüdisch, griechisch-orthodox. Wie selbstverständlich sprach man in der Vojvodina zwei bis drei Sprachen.

Schwarzer Gedenkstein auf einer Wiese, im Hintergrund ein Fluss. (Siegfried Ressel)Tausende Serben und Juden, 1942 an der vereisten Donau in einer Badeanstalt erschossen: Gedenkstein am der Ort des Massakers. (Siegfried Ressel)

Für Tišma war dieses Vielvölkergemisch eine nie versiegende Quelle narrativen Materials. Es sind detailreiche Alltagsschilderungen eines Lebens in der Provinzstadt mit seinen erfüllten und unerfüllten Hoffnungen, mit seiner Begrenztheit und Komik, die Tišma in seiner Erzählwut zu literarischen Kunstwerken verschmilzt.

Michael Martens sagt dazu: "Tišma hat sicherlich kein positives Menschenbild. Bei ihm ist alles Schlechte fast notwendig und das Gute nur manchmal möglich. Obwohl er trotzdem ein Mensch war - das merkt man ja, wenn man seine Interviews liest - der das Leben durchaus geliebt hat. Aber es ist eine Literatur, die auf unheimlich einprägsame Weise menschliche Schicksale auslotet."

Ein Palast in der Mitte von Novi Sad

Novi Sad: Das sind prachtvolle spätbarocke Paläste und habsburgische Amtsgebäude neben den gedrungenen einstöckigen Wohnhäusern, die man überall auf dem Balkan findet, aber auch Bürgerhäuser mit Art Deco-Fassaden, dazu Bauhaus und jugoslawische Moderne.

Eine solche Mischung findet sich auch auf dem weiten zentralen Platz der Stadt: barocke Gebäude, eine neogotische Kirche, klassizistische Profanbauten und ein langgestrecktes, mit einer Rundung um die Ecke gezogenes ockerfarbenes Haus, das das Gesamtbild des Platzes deutlich beherrscht.

Blick auf ein mehrstöckiges Haus in einer Fußgängerzone (Siegfried Ressel)"Den Raum bis zum Äußersten genutzt": Der Tanurdzic Palast in Novi Sad. (Siegfried Ressel)

"Der Merkur-Palast ist sicher das bedeutendste Gebäude in Novi Sad. Nicht das schönste, denn sein erster Besitzer, ein Vorkriegskaufmann, hat es der Rente wegen errichtet, also den Raum bis zum Äußersten genutzt und auf teure Schmuckelemente verzichtet. Dennoch, mit seiner abgerundeten Ecke, die in den Hauptplatz ragt wie der Bug eines Ozeandampfers, mit der Fassade, die sich längs dem breiten und geraden Alten Boulevard zur imposanten Höhe von vier Stockwerken erhebt, mit der etwas zurückversetzten Mansarde und der ununterbrochenen Reihe von Läden im Erdgeschoß, darunter ein Kaufhaus, ein Kino und ein Hotel mit Restaurant und Bar, drängt sich der Merkur-Palast der Stadt als unumstrittener Mittelpunkt auf."

So beginnt "Das Buch Blam", der bedeutendste Roman Tišmas. Die Beschreibung stimmt mit dem Gebäude überein, das 1939 in Anlehnung an das Bauhaus fertiggestellt wurde. Lediglich der Name ist im Roman Fiktion: In Wirklichkeit ist es der Tanurdzic Palast. An dessen Haupteingang, welcher zu den Wohnungen führt, ist eine gusseiserne Gedenktafel angebracht, die daran erinnert, dass Aleksandar Tišma von 1969 bis 2003 hier mit Unterbrechungen lebte. Jetzt wohnt hier Andrej Tišma, sein einziger, 1952 geborenen Sohn, mit seiner Tochter. Tišma, selbst Autor, Kunstkritiker, Maler und Aktionskünstler, erzählt, woran er sich spontan erinnert, wenn er an seinen Vater denkt: "An den Tag, an dem er starb. Es war der letzte Tag, an dem ich ihn sah, also erinnere ich mich zuerst daran."

Einer, der manisch schrieb

Eine Hepatitis, die er in seiner Jugend hatte, brach Ende 2002 wieder aus. Aleksandar Tišma musste ins Krankenhaus, doch nach nur zehn Tagen kam der 79-jährige Schöpfer von "Blam" zurück in seinen Merkur-Palast.

Andrej Tišma mit Schiebermütze steht lächelnd an einem Hauseingang, über ihm eine Hinweistafel zu seinen Vater (Siegfried Ressel)Andrej Tišma am Hauseingang des Merkur-Palastes mit der Hinweistafel auf seinen Vater, der hier von 1969 bis 2003 lebte. (Siegfried Ressel)

"Am 16. Februar saßen meine Mutter und ich zusammen und redeten über ihn, während er nebenan im Zimmer schlief. Wir wussten nicht, ob er uns hörte, er atmete nur. Ich ging nach Hause, und dann rief mich meine Mutter an, dass er gestorben sei. Er starb also ruhig und träumend mit seiner Familie um ihn."

Ein versöhnliches Schlussbild und zugleich ein Kontrast, denn:

"Ich war ein schlechter Ehemann und Vater. Man lobte mich, weil ich meine familiären Verpflichtungen erfüllte, man merkte nicht, dass ich keine Kraft, sondern nur ihren Überschuss, kein Gefühl, sondern nur seine Überreste in das Familienleben investierte, weil ich den Kern, meine Lebenskraft, für die Bücher aufhob." (aus "Erinnere dich ewig" von A. Tišma)

Die zentrale Szene in Aleksandar Tišmas Roman "Das Buch Blam" ist die Schilderung der schicksalhaften "Razzia", von der die Bevölkerung Novi Sads zwischen dem 21. und 23. Januar 1942 heimgesucht wurde. Serben und Juden allen Alters und Geschlechts wurden von den ungarischen Okkupanten direkt an der vereisten Donau in einer Badeanstalt erschossen. Die Opferzahl der "Razzia" beläuft sich auf über 4.000 Menschen.

Seine Heimatstadt verschmäht ihn

Die Verlegerin Bora Babić hat im Jahr 2000 Aleksandar Tišma bei der Fertigstellung seiner Autobiografie, deren Manuskript er bereits 1992 so gut wie fertig geschrieben hatte, unterstützt. Seit 2006 hat sie in Novi Sad ihren eigenen Verlag, in dem sie mittlerweile das Gesamtwerk von Aleksandar Tišma verlegt. Bisher sind hier 19 Bände erschienen, 23 sollen es insgesamt werden.

Bora Babic steht an ihrem Schreibtisch auf dem viele Bücher und Papier legen und ein Computerbildschirm steht (Siegfried Ressel)"Tišma ist das größte Projekt, das ich habe": die Verlegerin Bora Babic. (Siegfried Ressel)

Dazu sagt die Verlegerin: "Ich bin mir absolut bewusst darüber, wer Aleksandar Tišma war und welche Bedeutung er hat, und ich bin einfach glücklich darüber, Verlegerin von Aleksandar Tišma zu sein. Für mich als Verlegerin ist das das größte Projekt, das ich habe, trotz der anderen großen Autoren – europäisch und international, die ich verlege."

Und zum Verhältnis ihres Lieblingsautors zur Stadt sagt sie: "Ich würde mir wünschen, dass die Leute Novi Sad mit Tišma verbinden – Novi Sad gleich Aleksandar Tišma, beziehungsweise umgekehrt: Tišma gleich Novi Sad. Aleksandar Tišma sollte eigentlich für uns alle in Novi Sad ein intellektuelles, künstlerisches Markenzeichen von Novi Sad sein, aber das kann man den Leuten nicht klarmachen."

Novi Sad ist 2022 Europäische Kulturhauptstadt. Im offiziellen Programm wird Aleksandar Tišma allerdings keine große Rolle spielen, wie Bora Babić erzählt. Nach jetzigem Stand sind höchstens ein paar Lesungen geplant.

Eine Geschichte, die dem Fatalisten Aleksandar Tišma womöglich sogar gefallen würde: Die Heimatstadt verschmäht ihn. Ihn, der wie kein anderer Schriftsteller Novi Sad in Romanen und Erzählungen berühmt gemacht hat.

(DW)

Aleksandar Tišma: "Erinnere dich ewig"
Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2021
312 Seiten, 24 Euro

Sprecher*innen: Tonio Arango, Michael Rotschopf, Rosario Bona und Barbara Becker
Regie: Stefanie Lazai
Ton: Hermann Leppich
Redaktion: Dorothea Westphal

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