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Tonart | Beitrag vom 07.03.2016

Album "Warp"Wie der Pianist Jon Balke mit Nachhall arbeitet

Von Johannes Kaiser

Auf "Warp" konfrontiert Jon Balke sein Spiel auf dem akustischen Klavier mit allerlei Field-Recordings. (Colin Eick/ECM Records)
Auf "Warp" konfrontiert Jon Balke sein Spiel auf dem akustischen Klavier mit allerlei Field-Recordings. (Colin Eick/ECM Records)

Der Norweger Jon Balke versucht mit jedem neuen Album, seine Klangsprache zu erweitern. Auf "Warp" konfrontiert er sein Spiel auf dem akustischen Klavier mit allerlei Field-Recordings (zum Beispiel mit Schulhofgeräuschen und bremsenden Straßenbahnen) und fügt dem Ganzen subtil-schwebenden Gesang hinzu.

Jon Balke: "Wenn man solo spielt, dann gibt es im Studio einen Raumnachhall, eine Art Echo. Ich habe mich mit diesem Raumnachhall näher befasst und überlegt, ob ich nicht noch andere Formen des Nachhalls rund um das Soloklavier schaffen kann. Das basiert auf dieser Idee einer Klangarchitektur, die ich im Hinterkopf habe. Das Schlüsselwort ist hier Hall. Wenn man da allein sitzt und spielt, seine Songs in den Raum spielt, dann bekommt man etwas zurück."

Der norwegische Pianist Jon Balke legt mit seiner CD "Warp" eine neue Soloeinspielung vor, und doch unterscheidet sie sich deutlich vom Vorgänger. Die Idee wirkt erst einmal ziemlich bizarr, Raumklänge mit in die Komposition einzubeziehen. Was der Komponist damit meint, erschließt sich erst allmählich beim Hören.

Je weiter man auf der Platte vordringt, desto deutlich hört man atmosphärische Hintergrundgeräusche, Klappern, Rauschen, Zirpen. Bisweilen hat man den Eindruck von verwehten Klängen, lauscht man Windgeräuschen, entdeckt elektronische Töne, orgelähnliche flächige Synthesizer-sounds, sogar Stimmen und Gesang. Jon Balke baut um sein Spiel herum, um oftmals nur sehr sparsam gesetzte, weit auseinander gezogene Noten mit langen Pausen eine Art Klangwand.

Beim ersten Hören hat man den Eindruck, Nachbarn durch die Zimmerwand zu hören. Jon Balke gefällt diese Vorstellung:

"Dass Sie den Eindruck haben, Sie würden ihre Nachbarn reden hören und sich quasi umdrehen und sich fragen, was war das denn, ist eine Form zu bemerken, wie ständig um uns herum Klänge sind und wir eine Menge Klänge hören, auf die wir gar nicht reagieren, weil wir sie für unwichtig halten. Stellen Sie sich ein Haus mit vielen Räumen vor. Da passiert ständig auf allen Ebenen etwas, vermischen sich unterschiedliche Aktivitäten an verschiedenen Orten und die versuche ich in einem Klangbild nachzubilden."

Um diesen Hintergrundklang, dieses Echo der Welt aufzunehmen, hat Jon Balke auch eine Sängerin und einen Sänger im Studio eine Handvoll Songs aufnehmen lassen. Auf der Platte allerdings sind sie nur ganz leise zu hören, wie aus der Ferne. Kein Wort ist zu verstehen – genau so wollte es der Pianist. Er hat zuerst versucht, im Studio zu den gesammelten Klangbildern zu spielen. Das hat aber nicht gut funktioniert. So hat er erst einmal seine Solotitel pur aufgenommen und später die Geräusche dazu gemischt.

"Man könnte sagen, alles ist improvisiert"

Dass Jon Balke die Welt als Hintergrundgeräusch in seine Kompositionen eingebaut hat, ist verwirrend und gewöhnungsbedürftig, entwickelt aber im Verlaufe des Hörens einen ganz eigenen ästhetischen Reiz. Man lauscht den Klängen hinterher, lässt sich auf eine Art Meditation über die Musik in der Welt ein. Das künstlerische Konzept ist ungewöhnlich:

Jon Balke: "Wenn man am Klavier sitzt und spielt, dann verschwindet man in einer Blase mikroskopisch kleiner, ästhetischer Werte, wo es darum geht, wie schwer es ist, die richtige Note zu finden oder eine Pause einzuhalten, solche Sachen. Aber um einen herum geht die Welt in unglaublicher Geschwindigkeit weiter und die Zeiten, in denen wir heute leben, sind turbulent und es wird immer schwieriger, in einer rein ästhetischen Umwelt zu verharren."

Man kann Jon Balkes Klangarchitektur aber auch ganz entspannt ohne abstrakte Theorie genießen: Sie lässt sich Zeit, die Stücke entwickeln sich langsam, unaufgeregt. Manchmal hat man den Eindruck, der Pianist lauscht seinen eigenen Tönen hinterher, bevor er weiterspielt.

Jon Balke: "Man könnte sagen, alles ist improvisiert, aber die Lieder haben alle eine Struktur und die hab ich bereits früher geschrieben und schon oft benutzt und gespielt und die Songs sind von vielen anderen auch gespielt worden. Sie sind mehr eine Art Referenz für mich, denn ich wollte keine bereits festgelegten Titel aufnehmen. Ich verweise indirekt auf sie. Die Musik kann über ihnen dann besser fließen."

Einfälle für seine Stücke findet der Komponist überall, beim Spazierengehen ebenso wie am Klavier, am Synthesizer oder am Computer. Er greift auch gerne zur Gitarre oder einem anderen Instrument, weil ihn der ganz andere Klang auf neue Ideen bringt. Auch wenn die Grundidee der Klangwandarchitektur für alle Titel gleichermaßen gilt, so unterscheiden sie sich doch deutlich.

Jon Balkes Solo-CD ist zweifelsohne ein ganz besonderes Klangerlebnis. Er entführt uns in Klangwelten, die so fremd sie auch zuerst wirken, doch allmählich eine große Ruhe und Gelassenheit erzeugen. Ein rundum gelungenes Solokunststück.

Jon Balke: Warp
ECM Records München 2016,
Bestellnummer 4766047 

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