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Buchkritik | Beitrag vom 15.02.2019

Alastair Bonnett: "Die allerseltsamsten Orte der Welt"Inseln, Enklaven und utopische Orte

Von Günther Wessel

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Buchcover "Die allerseltsamsten Orte der Welt" von Alastair Bonnett, im Hintergrund ein alter Globus (Verlag C.H.Beck / Stock.XCHNG / Steve Gray)
In die "Die allerseltsamsten Orte der Welt" beschreibt Alastair Bonnett reale und utopische Orte. (Verlag C.H.Beck / Stock.XCHNG / Steve Gray)

Der Geograf Alastair Bonnett setzt mit "Die allerseltsamsten Orte der Welt" seine Bestseller-Reihe fort. Auch diesmal beschreibt er, wie die Welt und ihre Geografie sich ständig ändern. Das macht Lust, mit offenen Augen der eigenen Neugier zu folgen.

Was zum Beispiel ist eine Insel? Jeder Fels im Meer oder nur ein Stück Land, umgeben von Wasser, auf dem mindestens ein Schaf grasen könnte, wie es 1861 bei der schottischen Volkszählung verfügt wurde? Muss eine Insel überhaupt pflanzliches oder tierisches Leben ermöglichen?

Eine genaue Inseldefinition gibt es nicht und so wundert es nicht, dass kein Staat weiß, wie viele Inseln es überhaupt auf seinem Gebiet gibt. Finnland besitzt eine lange Küste und etwa 180.000 Seen und laut Schätzungen der Behörden – so Bonnett – 100.000 Inseln. Nur das Tourismusamt behauptet, es genau zu wissen: 179.584.

Was laut Bonnett nicht stimmen kann: Denn um den Bottnischen Meerbusen hebt sich in den letzten Jahrhunderten die Landmasse postglazial. Jährlich tauchen daher etwa 100 Hektar neues Land aus dem Meer auf, oft eben auch Inselchen. Und Konflikte darum, wem das neue Land gehört.

Vom Cyberspace bis Christiania

Bonnett behandelt Inseln und Enklaven, utopische Orte, die mal kriegerische Schreckensregime sind wie der Islamische Staat, mal irreale wie die Welten im Cyberspace. Er schwärmt, aber nicht blind-kritiklos, von Christiania, der freiheitlichen Hippie-Enklave im Herzen Kopenhagens, und erzählt, wie er einmal im Tokioter Bahnhof Shinjuku – 200 Ausgänge, 36 Bahnsteige, alles verknüpft mit einer gigantischen Shopping-Mall – verlorenging.

Er berichtet von verborgenen Orten wie der Müllstadt von Kairo oder sogenannten Trap-Streets, nicht vorhandenen Orten oder Straßen, die Kartografen zeichnen, um so ihre Urheberrechte abzusichern. Denn wird die Karte kopiert, kann man das anhand dieser falschen Einträge nachweisen. Was nicht immer gelingt: Agloe war so ein erfundener Ort an einer Straßenkreuzung im Bundesstaat New York.

Als Jahre später ein vermeintlicher Plagiator erwischt wurde, rettete diesen, dass inzwischen an dieser Stelle ein Laden aufgemacht hatte, der sich Agloe General Store nannte. Die Fiktion hatte eine neue Realität geschaffen.

Locker erzählte Ortsbeschreibungen

So reiht Bonnett 39 meist lebendig und locker erzählte Ortsbeschreibungen und Reflexionen darüber aneinander. Und trotz des Buchtitels geht es ihm nicht darum, Superlative zu finden, neue Steigerungen von seltsam oder absonderlich. Er will zeigen, wie sich die Welt und ihre Geografie ständig verändern – auch wenn er über ein Nachbarschaftsfest schreibt, bei dem sich die Straße, in der er lebt, kurzfristig zur autonomen Republik erklärte, weil sie in der EU bleiben wollte.

Was passiert, wenn ein Land wie Großbritannien so gespalten ist? Hat das geografische Auswirkungen? Am Ende ist sein Buch somit eher eine Aufforderung, selbst loszugehen, zu fragen, mit offenen Augen der eigenen Neugier zu folgen. Seltsame Orte finden sich überall.

Alastair Bonnett: Die allerseltsamsten Orte der Welt. Aufsteigende Inseln, bodenlose Städte, abseitige Paradiese
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Wirtensohn
C.H. Beck Verlag, München 2019
268 Seiten, 19,95 Euro

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