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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 14.07.2016

Alarm im GehirnImplantate, die das Leben verändern

Von Jennifer Rieger

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Illustration/Ansicht Gehirns im Kopf des Menschen. (imago/CHROMORANG)
Wenn Implantate den Menschen steuern: tiefe Hirnstimulation können Krankheitsanfälle voraussehen und verhindern. (imago/CHROMORANG)

Hirnstimulation kann helfen, Vorgänge im Kopf vorherzusagen: einen epileptischen Anfall, das Tourette-Syndrom oder Aggressionsstörungen. Aber wie sehr beeinflussen diese implantierten Sonden die Persönlichkeit des Patienten?

"Morgen gibt es eine Mischung aus Sonne, Wolken, Regen und Gewittern, Höchsttemperaturen zwölf bis 21 Grad."

Wenn ich jetzt zur Bäckerei gehe, sollte ich einen Schirm mitnehmen? Ein kleiner Blick in die Zukunft - wie im Wetterbericht - kann bei Entscheidungen im Alltag helfen. Wenn der Wetterbericht falsch liegt, sind die Konsequenzen allerdings überschaubar. 

"Aber für Epilepsiepatienten kann schon Brot kaufen ein Abenteuer sein, weil sie nie wissen, wann der nächste Anfall kommt."

Diese Informationslücke wollten australische Forscher schließen - mit einer implantierten Sonde, die Signale im Gehirn misst und Patienten frühzeitig warnt. Diese haben dann genügend Zeit, Medikamente einzunehmen, die den Anfall verhindern. Im Rahmen einer kleinen klinischen Studie wurde das System an 15 Patienten getestet. Frédéric Gilbert, Neuroethiker an der University of Tasmania:

"Wir versuchen zu verstehen, welchen Einfluss diese Technologie auf den Entscheidungsprozess hat, auf das Konzept von Autonomie und auf das Selbst."

Gehirnimplantate für Patienten mit Bewegungsstörungen wie Parkinson oder Tourette werden schon seit geraumer Zeit angewandt. Für Epilepsie sind solche Systeme in der EU seit 2010 zugelassen. Doch diese Systeme applizieren in der Regel einen konstanten elektrischen Impuls, der zum Beispiel das typische Zittern von Parkinson-Patienten unterdrückt.

"Leben von zwei Probanden hat sich komplett verändert"

Im Gegensatz dazu erkennt die Gehirnsonde der Australier die Vorboten des nächsten Anfalls und gibt eine Handlungsempfehlung ab. Der Knackpunkt ist aber: Die Entscheidung, die Medikamente einzunehmen, liegt beim Patienten. 

"Stellen Sie sich vor, Sie wüssten schon vorher, was passieren wird: Wie würden Sie sich fühlen? Würden Sie sich weniger frei fühlen? Sind Sie immer noch selbst verantwortlich? Und wann würden Sie anfangen, ihre geistigen Fähigkeiten auszulagern?"

Während einer Lernphase zu Beginn der Studie lernte der Algorithmus des Implantats die Gehirnwellen der Studienteilnehmer kennen - und die frühen Anzeichen eines epileptischen Anfalls interpretieren. Danach sollte das Gerät die Patienten etwa zwei Jahre lang über ein Display warnen, wenn sich ein Anfall anbahnte. Gilbert hat untersucht, wie sie den Verlauf des Experiments empfunden haben.

"Das Leben von zwei der Probanden hat sich komplett verändert, weil das Implantat sehr genaue Vorhersagen gemacht hat. Diese beiden haben ein interessantes Verhältnis zu ihrem Implantat entwickelt. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass sie süchtig waren, aber es war eine sehr enge Bindung. Sie haben fast gar nichts mehr gemacht, ohne vorher das Gerät zu konsultieren."

"Sie wollen die Information gar nicht haben"

Zum Teil betrachteten die Patienten die Implantate als Teil ihres eigenen Körpers - so sehr, dass eine Teilnehmerin der Studie sehr emotional reagierte und sich wehrte, als das Gerät nach Studienende wieder herausgenommen werden sollte. 

"Interessant ist, dass alle Teilnehmer sich einig wahren, dass es ihnen lieber wäre, wenn das System die Medikamente automatisch verabreichen würde, anstatt eine Warnung abzugeben. Sie wollten die Information gar nicht haben."

Wollten die Patienten also Verantwortung an ihr Implantat abgeben? Frédéric Gilbert bezweifelt, dass sie sich überhaupt frei entscheiden konnten. 

"Weil sie nicht einfach nur Informationen bekommen haben, es waren Vorschriften. Wenn man alarmiert wird, dass gleich X passiert, dann wird erwartet, dass man etwas dagegen tut. Man kann das Signal ignorieren, aber dann könnte man sich selbst oder anderen Schaden zufügen."

Die Patienten könnten zwar selbst entscheiden, ob sie auf die Warnung des Implantats reagieren oder nicht. Sie hätten aber keine Kontrolle darüber, wie das Gerät die nötigen Informationen erhebt, und keine Möglichkeit, die Empfehlung zu überprüfen. Trotzdem: Gilbert ist sich sicher, dass Epilepsie nicht das einzige Anwendungsgebiet für vorhersagende Hirnimplantate bleiben wird.

"Es gibt bereits Versuche, Implantate bei Menschen mit Aggressionsstörungen oder mit Suchtproblemen anzuwenden. Es würde mich auch nicht überraschen, wenn jemand die Technologie an Pädophilen ausprobieren würde."

Das Anwendungsspektrum der tiefen Hirnstimulation, kurz DBS, hat sich in den letzten Jahren bereits enorm erweitert, sagt Christian Ineichen vom Institut für Medizinische Ethik an der Universität Zürich.

"Die Autonomie verändert sich"

"Was auch gemacht wird, ist für Depressionen, für Übergewicht, für Cluster headache, für Anorexie et cetera… Das Spektrum hat sich relativ dramatisch erweitert und das wird auch in der Literatur von einigen zumindest kritisiert, dass diese Interventionen jetzt an ganz vielen Indikationen angewandt werden, wo man die genauen Wirkmechanismen noch gar nicht kennt." 

Zu klären, ob ein hirnstimulierter Patient seine Autonomie behält, ist vor allem bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Depression oder Magersucht schwer zu klären, bei denen die Veränderung der Persönlichkeit teilweise erklärtes Ziel der Therapie ist. Welches ist das echte Selbst des Patienten - das stimulierte oder das unstimulierte?

"Aus meiner Sicht ist es schon so, die Autonomie verändert sich. Autonomie im Sinne von gewissen Kompetenzen, die man haben muss, der Authentizität, die eine Person zeigen soll, die verändert sich ein Leben lang, die wird kompromittiert durch Krankheiten, schon per se und kann kompromittiert werden mit DBS, kann aber auch verbessert werden mit DBS."

"Ich fühlte mich frei, zu tun, was ich tun wollte"

Zu diesem Schluss kommt auch Frédéric Gilberts Studie. Denn das Gerät stärke die Autonomie der Patienten, schränke sie aber gleichzeitig ein: Sie gewannen an Lebensqualität, mussten sich aber vorschreiben lassen, ihre Medikamente einzunehmen, und machten sich zunehmend abhängig von der Technik.

Vielleicht ist vorerst das persönliche Empfinden der Patienten der beste Maßstab: "Ich fühlte mich frei, zu tun, was ich tun wollte", so beschreibt einer der Patienten die Erfahrung mit seinem Hirnimplantat.

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