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Buchkritik | Beitrag vom 28.02.2020

Alan Gratz: "Vor uns das Meer"Der Schrecken ist immer der gleiche

Von Sylvia Schwab

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Vor uns das Meer" von Alan Gratz. (Hanser Verlag / Deutschlandradio)
Drei Fluchtgeschichte mit ihrer eigenen Dramatik verbindet Alan Gratz in dem Kinderbuch "Vor uns das Meer". (Hanser Verlag / Deutschlandradio)

Alan Gratz hat schon zahlreiche Jugendbücher zu wichtigen sozial-politischen Themen geschrieben. Sein neustes erzählt von drei Teenagern auf der Flucht, aber jede zu einer anderen Zeit. Erschreckend klar wird so: Nichts hat sich geändert.

Aus der großen Zahl von Fluchtgeschichten, die in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Ländern nach Deutschland kamen, ragt "Vor uns das Meer" heraus. Denn Alan Gratz erzählt gleich drei Fluchtgeschichten parallel. Er stellt damit nicht ein Einzelschicksal in den Mittelpunkt, sondern das Phänomen Flucht an sich – mit den immer ähnlichen Ursachen wie Hunger, Unfreiheit oder Krieg und den schrecklichen Erfahrungen auf dem Weg in die Fremde, wie auch den möglichen Problemen bei der Ankunft in der neuen Heimat.

Alle drei wollen ihr Leben retten 

Josef besteigt mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester im Jahr 1939 in Hamburg die "St. Louis", um in Kuba eine neue Heimat zu finden. Doch ihr Schiff darf nicht anlanden und die fast tausend jüdischen Passagiere müssen zurück nach Europa, wo viele von ihnen später von den Nationalsozialisten ermordet werden.

Isabel flieht 1994 von Kuba mit ihrer Familie in einem kleinen Boot Richtung Florida, um den Soldaten Fidel Castros zu entkommen. Und Mahmoud versucht 2015 zusammen mit seiner Familie, dem Krieg in Syrien zu entkommen - über die Türkei, Griechenland und Ungarn Richtung Deutschland.

Diese drei dramatischen Fluchtgeschichten verbindet mehr als nur die Flucht über das Meer und die Hoffnung auf Freiheit und Frieden. Josef, Mahmoud und Isabel werden auf der Flucht erwachsen. Während ihrer Reise müssen sie Todesangst und den Verlust nächster Angehöriger erleben, müssen lernen Verantwortung zu übernehmen und mit grausamen Enttäuschungen fertig zu werden.

Flucht ist immer grausam und verstörend

Jede ihrer Geschichten hat ihre eigene Tragik und auch ihren eigenen, bewegenden Schluss. Dass Kuba für Josef Ziel der Flucht ist, für Isabel dagegen der Ausgangspunkt, wie Berlin für Josef die alte und für Mahmud die neue Heimat, das sind berührende Gemeinsamkeiten. Flucht - das macht Alan Gratz‘ Roman deutlich - ist immer grausam und tief verstörend.

Durch die Dreiteilung kann nicht jedes Schicksal so ausführlich geschildert werden wie in einem jeweils eigenen Roman. Wichtige Informationen über die politischen Hintergründe des Nazi-Terrors, der kubanischen Revolution oder des Syrienkriegs werden dadurch ein wenig unvermittelt in die Handlungen eingeflochten und sprengen mitunter die Perspektive der jungen Leserinnen und Leser.

Ein wuchtige Geschichte mit wahren Vorbildern

Doch das ist nur ein kleiner Einwand im Verhältnis zur Wucht der Geschichten und der Qualität der Recherchen. Im Anhang erklärt Gratz zusätzlich die Entstehung jeder Geschichte - alle Familien haben Vorbilder in der Wirklichkeit. Außerdem zeigen drei Landkarten die genauen Fluchtrouten zu Wasser und zu Land.

"Vor uns das Meer" ist beides: ein historischer und ein aktueller Roman. Und zudem spannende, fesselnde Unterhaltung. Gratz, der schon viele Jugendbücher zu brisanten sozialen und politischen Themen geschrieben hat, regt gezielt im Nachwort dazu an, sich ganz konkret für Flüchtlinge einzusetzen. Sein Roman gibt dazu einen vehementen Anstoß.   

Alan Gratz: "Vor uns das Meer. Drei Jugendliche. Drei Jahrzehnte. Eine Hoffnung"
Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel
Hanser/ München 2020
299 Seiten, 17 Euro
Ab 12 Jahren

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