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Tonart | Beitrag vom 16.07.2018

Akustikforschung an der TU MünchenEine "Jazz-Glocke" für den Staubsauger

Von Andi Hörmann

Magdalena Scholz und Lennart Moheit am Forschungszentrum Garching der TU München (Deutschlandradio /  Andi Hörmann )
Magdalena Scholz und Lennart Moheit vor Modellen ihrer Jazz-Glocke (Deutschlandradio / Andi Hörmann )

Glocken klingen in Europa oft düster. Die Doktoranden Magdalena Scholz und Lennart Moheit haben nun erstmals eine Glocke entwickelt und gegossen, die einen Jazz-Akkord hervorbringt. Die könnte vor allem für die Industrie interessant sein.

In der Religion hat der Klang der Glocke Symbolkraft. In der Popmusik ist er Teil spiritueller Klangforschung oder einfach nur schmückendes Beiwerk – wie hier als Einläuten des John-Lennon-Klassikers "Mother".

In der experimentellen Popmusik wird die Glocke schon seit Jahren entfremdet. Im Disco-Punk scheppert die Cow Bell zum treibenden Beat – wie im Dancefloor-Knaller "House of Jealous Lovers" aus dem Jahr 2002 der New Yorker Band The Rapture.

Und in der kosmischen House Music des Produzenten Hendrik Weber alias Pantha Du Prince wird die Glocke 2010 zum Instrument der spirituellen Klangsuche.

"Als Europäer haben wir eine recht konkrete Vorstellung davon, wie eine Glocke klingt. Und üblicherweise sind die Glocken in der westlichen Welt Moll-Terz-Glocken. Das heißt: Sie haben eher einen melancholischen, düsteren Klang."

Mit Computer-Simulation zur Glockenform

Lennart Moheit ist Doktorand am Lehrstuhl für Akustik mobiler Systeme an der TU München. Mit seiner Kollegin Magdalena Scholz hat er das Klangspektrum der Glocke dekonstruiert und etwas ganz Neues probiert: Über Computer-Simulation entstand die Form einer Glocke, die einen Jazz-Akkord hervorbringt. Gegossen aus einer Zinn-Kupfer-Legierung, zwei 20 Kilo schwere Modelle, nur etwas größer als ein Fußball. Nun stehen sie auf dem Schreibtisch der Wissenschaftler.

Lennart Moheit: "Wollen wir mal kurz diese beiden anschlagen, um zu zeigen wie unterschiedlich die klingen. Obwohl die eigentlich baugleich sind."

Magdalena Scholz: "Die sind theoretisch aus dem gleichen Modell entstanden."

Moheit: "Die Schwebung ist dieses Wabernde: wah, wah, wah…"

Im ausklingenden Schwebungseffekt der Glocke steckt das ganze Frequenz-Spektrum – vom Grundton bis zu den Obertönen.
 
Moheit: "Das ist leider nicht ganz der von uns erwünschte A-9-Akkord. Allerdings passen die Intervalle im Verhältnis zueinander relativ gut. Also wir sind vom Grundton leicht verschoben, aber nur wenige Sechzehntel. Der Jazz-Akkord setzt sich aus verschiedenen Teiltönen zusammen: Aus einem Grundton, Unteroktave, Terz, Quinte, Septe und None."

Düstere Moll-Terz-Glocken in Europa

In Europa haben sich die Moll-Terz-Glocken mit ihren düsteren, melancholischen Sound durchgesetzt. Als Variation dazu hängt aber auch die bauchige Dur-Terz-Glocke mit hellerem Klang in deutschen Kirchtürmen.

Und nun also die erste Jazz-Akkord-Glocke. In einem kleinen Konferenzraum an der TU München steht sie etwas verloren da. Die Jazz-Glocke erweitert nicht etwa das Studio-Equipment experimentierfreudiger Musiker.

Nun, wozu das ganze Glocken-Bohei? Nein, nicht der Musik, der Forschung soll sie dienen. Die Jazz-Glocke erklingt für die Psychoakustik. Wie klingen Alltagsgegenstände möglichst angenehm? Klar, das lautlose Elektroauto braucht einen Sound. Aber auch ein Haushaltsgerät wie der Staubsauger soll mit dem richtigen Klangdesign ein Gefühl der Effektivität vermitteln?

Scholz: "Ich kann gezielte Frequenzen mir aussuchen, gestalte mein Produkt nach diesen Frequenzen, die ich haben möchte und habe dann den Wahrnehmungseffekt, den ich haben möchte."

Moheit: "Die Frage ist dann, ob man den Klang des Staubsaugers so umgestalten kann, dass er nicht lauter wird, um wieder mehr Saugkraft auszudrücken, sondern ihn so umgestaltet, dass er leise arbeitet, aber trotzdem das Gefühl vermittelt, gut sauber zu machen."

Forschungsergebnisse für die Industrie

Die Jazz-Glocke an sich bleibt also erst mal im Labor. Die Forschungsergebnisse sollen der Industrie nützlich sein. 

Moheit: "Insofern ist jetzt unsere Arbeit auch nicht zu sehen als eine Neuentwicklung auf dem Glockenmarkt, sondern eher zum Erlernen eines besseren Verständnisses des Glockenklangs: Wie kommt der Klang überhaupt zustande und wie kann man ihn beeinflussen?"

Kein neues Instrument also. Aber der Gedanke ist reizvoll: Ein Jazz-Akkord aus dem Staubsauger. Vielleicht hören wir ihn ja in Zukunft, wenn wir ganz genau hinhören, während wir mit dem polterndem Ungetüm über den Teppich saugen.

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