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Im Gespräch | Beitrag vom 30.11.2019

Aggression im StraßenverkehrWas tun, wenn die Wut mitfährt?

Siegfried Brockmann und Parichehr Scharifi im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Ein Autofahrer mit Baseball-Kappe reckt seinen Arm aggressiv gestikulierend und schimpfend aus dem Fenster seines gelben Autos.  (picture alliance/Okapia)
Leider als Spezies immer noch überall unterwegs: Der wütende Autofahrer mit dem Stinkefinger. (picture alliance/Okapia)

Drängeln, pöbeln, drohen: Die Aggression auf Deutschlands Straßen wächst. Und damit auch der Stress und die Gefahr von Unfällen. Warum lassen wir besonders im Verkehr unsere Wut derart raus? Was können wir dagegen tun? Diskutieren Sie mit!

Als Autofahrer ist man genervt von den Radlern, die Radler schimpfen auf Autofahrer und Fußgänger – und die Fußgänger sind vor beiden auf der Hut. Und wenn zu viele auf zu engem Raum aufeinandertreffen, geht es schon mal rund: Da wird gedrängelt und gepöbelt, manche werden auch handgreiflich.

"Aggression ist ein Unfallrisiko", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Zwar werde aggressives Verhalten nicht explizit als Unfallursache erfasst, wohl aber Verstöße, die eng damit verbunden sind. "Auf Delikte wie deutliche Geschwindigkeitsüberschreitungen, riskantes Überholen, Schneiden und dichtes Auffahren entfallen rund ein Drittel aller von Pkw verursachten Unfälle mit Getöteten."

"Jeder ist sich selbst der Nächste"

Der Unfallforscher sieht den Straßenverkehr als Teil der Gesellschaft: "Die Straße ist ein System, in dem mir zu oft andere die Möglichkeit nehmen, die eigenen Wünsche umzusetzen. Wir sind eine individualisierte Gesellschaft, wir meinen, nur erfolgreich zum Ziel kommen zu können und werden ständig daran gehindert."

Das provoziere Stress und Aggression, egal, wie man unterwegs sei. "Wir sind gewohnt, unseren Verkehrsraum zu verteidigen und unsere eigene Bewegung fortzusetzen. Jeder ist sich selbst der Nächste." Sein Appell: "Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, wie wir miteinander umgehen wollen – in der Gesellschaft allgemein, aber auch im Verkehr."

"Wir haben vergessen, wie man Stress abbaut"

"Hintergrund von Aggression ist immer Frustration, zum Beispiel wegen Machtlosigkeit in anderen Lebensbereichen", sagt die Verkehrspsychologin Parichehr Scharifi. "Diese extremen negativen Gefühle müssen irgendwo rausgelassen werden. Und wo geht es einfacher als im eigenen Auto? Dort fühlen sich viele Menschen unantastbar: Man ist abgeriegelt und kann hemmungslos schimpfen. Das hilft. Und man glaubt, die absolute Kontrolle über das Fahrzeug zu haben. Man kann es als Waffe einsetzen, jemanden bedrohen: durch nahes Auffahren oder aggressives Hupen."

Das Problem dabei: "Viele wissen nicht, wie sie mit dem Stress umgehen sollen. Stress kann man nicht einfach wegschnipsen, man muss ihn abbauen, lernen, damit umzugehen. Wenn man Schimpfworte sagen kann, geht es vielen schon besser. Aber wenn wir wissen, wie wir besser damit umgehen können, dann haben wir mehr davon." Tipps dazu vermittelt die Psychotherapeutin in speziellen Stressmanagement-Kursen.

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