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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 17.06.2020

Afrodeutsche Autorin Marion Kraft"Meine Generation ist mit dem N-Wort aufgewachsen"

Moderation: Ulrike Timm

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Die Autorin Marion Kraft schaut freundlich in die Kamera (privat)
In ihrer Kindheit erlebte Marion Kraft "eine doppelte Stigmatisierung". (privat)

"Woher kommst du ursprünglich? Darf ich deine Haare anfassen?": Das haben wohl viele schwarze Menschen in Deutschland erlebt - so auch Marion Kraft. Seit 35 Jahren ist sie Mitglied der "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland".

Beschimpfungen und Beleidigungen gehörten ganz selbstverständlich zur Kindheit von Marion Kraft. Sie war nicht weiß, sie hatte keinen deutschen Vater, die Eltern waren nicht verheiratet. Sie erlebte diese Jahre als "eine doppelte Stigmatisierung".

Ihr Vater war ein afroamerikanischer US-Soldat, der kurz nach ihrer Geburt in die Heimat zurückkehrte. "Es war die unmittelbare Nachkriegszeit. Die so genannte Entnazifizierung war ein formaler Akt. Das fand nicht in allen Köpfen statt."

Marion Kraft wuchs zweisprachig auf. Ihre Mutter hatte einen Traum. Sie wollte weg aus Gelsenkirchen. Ein Leben in den USA, wo Marions Vater wohnte, war ihr Ziel. Auch das machte Marion Kraft für viele zum Außenseiter.

"Ich bekam immer die schlechteren Noten"

Mit dem "berüchtigten N-Wort ist meine Generation schwarzer Deutscher groß geworden. Wir werden ja nicht als Rassisten geboren. Aber es gab natürlich auch Kinder, die schwarze Kinder beschimpft haben, weil sie es von den Erwachsenen gehört haben".

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Die USA sollten ein Traum bleiben. Die Mutter starb früh, Marion Kraft war gerade zwölf Jahre alt. Sie lebte nun bei der Großmutter, die ihr in der Schulzeit ein großer Rückhalt war. "Sie hat immer gesagt, 'du bist so richtig wie du bist. Aber du musst besser sein als die anderen'. Das ist schon fast eine traumatische Erfahrung gewesen. Selbst wenn ich tatsächlich noch besser als die anderen war, bekam ich in der Volksschule immer die schlechteren Noten." Die Oma "marschierte" dann regelmäßig in die Schule und hat "gekämpft, oft auch gewonnen", erinnert sich die heute 74-Jährige.

"Ihr seid nicht gut genug"

Später machte Marion Kraft eine Lehre, arbeitete als Sekretärin. In den sehr politisierten Jahren um 1968 ging sie doch an die Uni, studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie. Auch hier war Marion Kraft als schwarze Deutsche "fast überall die Einzige". Erst der Schulabschluss, dann das Studium, das wäre alles andere als selbstverständlich gewesen. Schwarzen Kindern wurde damals "bescheinigt, ihr seid nicht gut genug. Es gab sogar im Bundestag diese Debatten, man sollte diese Kinder doch am besten in das Heimatland ihrer Väter verbringen, wie das hieß".

Immer stärker engagierte sich Marion Kraft in dieser Zeit politisch. Sie unterstützte die Befreiungsbewegungen in afrikanischen Staaten, hielt Kontakte zur Bürgerrechtsbewegung "Black Panther".

Ein Gedanke unter den Studenten fiel ihr damals besonders auf: "In der Grundhaltung unterstützen wir euch in euren Befreiungskämpfen. Aber es hat mit uns wenig zu tun. Schon damals, wie auch heute, hat man nicht gesehen, dass es auch hier Rassismus gibt."  

In der Frauenbewegung war Rassismus kein Thema

In den 1970er Jahren beginnt die Literaturwissenschaftlerin als Lehrerin zu unterrichten, engagiert sich in der Frauenbewegung. Auch hier musste Marion Kraft erkennen, dass Rassismus keine Rolle spielte, "weil Rassismus kein Thema war. Auch bei den Frauen ist die Literatur weiß". Also wurde es zu ihrem Thema, 1994 promovierte Marion Kraft darüber. Ihre Dissertation erschien als Buch unter dem Titel: "The African Continuum and African American Women Writers."

Wenn Marion Kraft heute auf die Antirassismus-Demos in den USA oder auch hier in Deutschland schaut, sieht sie diese mit gemischten Gefühlen. "Einerseits wird deutlich, wie wenig sich in den letzten 50, 60, 70 Jahren geändert hat. Auf der anderen Seite bin ich sehr beeindruckt, von den hauptsächlich jungen Menschen, die jetzt auf die Straße gehen und sagen: 'Genug ist genug'."

(ful)

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