Afghanistans neue Machthaber

Der Westen in der Zwickmühle

04:41 Minuten
Taliban stehen mit Waffen auf einer Straße in Kabul.
Taliban auf den Straßen Kabuls: In den kommenden Monaten wird sich entscheiden, ob sie ihre Macht im Land festigen können, meint der Journalist Martin Gerner. © imago images / Xinhua / Saifurahman Safi
Ein Kommentar von Martin Gerner · 12.01.2022
Audio herunterladen
Seit ihrer Machtübernahme in Afghanistan müssen sich die Taliban als Staatenlenker üben. Der Westen gebe sich nach außen kompromisslos gegenüber den neuen Machthabern, meint der Journalist Martin Gerner. Dabei sei er längst mit ihnen im Gespräch.
Afghanistan steht womöglich vor einem Winter der Vorentscheidung. Drei, vielleicht vier Monate, so wird vermutet, nach denen sich klarer abzeichnen dürfte, ob die Taliban ihre Macht festigen oder etwas davon verlieren könnten.
Die mittlerweile endemische Wirtschafts- und Bankenkrise ist der Grund, zu der jetzt auch noch Unwetterschäden und Kälte kommen. Zur Lösung all dessen braucht es Expertise statt Ideologie. Aber können die Taliban Staatsführung und Ökonomie?

Immer mehr Menschen verlassen das Land

Sie waren erfolgreich darin, einen militärischen Konflikt von kaum für möglich gehaltener Dauer zu überdauern. Aber ein Land zu regieren ist ungleich schwieriger und komplexer, wie sich nun zeigt. In den Führungspositionen sitzen überwiegend Geistliche, von denen die Bevölkerung spürbare Krisenbewältigung erwartet. Ein großer Teil mit sehr begrenzter Auslandserfahrung, oft auf die islamische Welt beschränkt. Ihre Anordnungen bilden bislang kein Regierungsprogramm. Viele der jungen Taliban-Kämpfer vom Land wirken in Kabul wie Fremdkörper. Ein vollständiges Bild ist schwer zu erstellen. Klar ist: Solange die Taliban-Führung die neue Regierung nicht auf eine breitere ethnische Basis stellt, vertrauen viele Menschen ihr nicht.

Tipp: "Der verlorene Frieden", eine sechsteilige Feature-Reihe über Afghanistan - hier alle Teile zum Hören.

Skeptisch macht, dass immer mehr Menschen das Land verlassen – oder es tun könnten nach dem Winter, in Richtung Nachbarrepubliken. Es wären jene ohne Aussicht auf Evakuierung als ehemalige Ortskräfte westlicher Militärs und Geberländer, die eigentlichen Verlierer der vergangenen 20 Jahre. Sie würden dann mit den Füßen abstimmen, anstatt zu rebellieren.
Wer Hunger hat, könnte auch aufbegehren. Aber das ist kein historischer Automatismus. Immerhin: Der Wettbewerb um knapp werdende Ressourcen, nicht nur um Mehl, Öl, Zucker und Brot, um Benzin, Arbeit und Bildung könnte sich über kurz oder lang als Fliehkraft erweisen, die auch die Einheit der Taliban untergräbt. Dann womöglich, wenn Mittel- und Unterbau der Bewegung selbst zu Opfern der Verteilungskämpfe würden. Die Einnahmen aus Grenzverkehr, Opiumhandel und Bodenschätzen unterliegen ebenfalls der aktuellen Krisenkonjunktur. 
Dass es Bruchlinien unter den Taliban gibt, ist bekannt. Selbst wenn diese klarer zutage treten sollten, bedeutet dies nicht gleich ihren Fall. Dafür fehlt zum Beispiel ein bewaffneter Widerstand von Innen. Den IS in Afghanistan aufzupäppeln, hüten sich die Anrainer und Großmächte. Sie fürchten mehr Ärger als Nutzen davon, mit der Ausnahme von Pakistan vielleicht.

Ohne Hilfsgelder hat die Not kein Ende

Zurzeit hilft das Phänomen IS den Taliban dabei, gegen allerlei Unbill vorzugehen – nur nicht gegen den drohenden Hungerwinter. Ohne Hilfe und Geld der internationalen Staatengemeinschaft nimmt die Not aber kein Ende, gestehen die Taliban ein. Ob und welche Zugeständnisse sie dabei bereit sind zu machen, bleibt unklar.
Die Hilfsgüter, die jetzt im Auftrag von UN-Organisationen im Land verteilt werden, reichen dabei nicht aus, um mehr als 20 Millionen Menschen zu erreichen, die Not leiden, rund 60 Prozent der Bevölkerung.

Kooperation mit den Taliban ist Realität

Mit den Milliarden an US-Dollar von Weltbank und Internationalem Währungsfonds stecken die Geberländer von 2001 in einer Zwickmühle: Führen sie den Banken und der afghanischen Wirtschaft nach Art eines Marshall-Plans rasch frisches Geld zu, stützt dies die Taliban. Halten sie das Geld zurück, spitzt sich die Not von Millionen Afghanen nur noch zu.
Der Westen gibt sich verbal kompromisslos und ist faktisch doch mit jedem Tag mehr mit den neuen Machthabern in Kabul im Gespräch. Noch folgen weder Berlin oder Washington einem klaren Plan. Eine Ankündigung lautet: Deutschland will sein Versprechen über weitere Evakuierungen umsetzen. Weitere Hilfe im Land sollte vor allem eine neue afghanische Zivilgesellschaft stärken. Das Regime nur von außen zu verändern, wäre ein Fehlschluss, wie die jüngste Geschichte lehrt.

Martin Gerner ist freier Autor, Korrespondent und Dozent. Er berichtet seit Jahren über Flüchtlingsrouten im Mittelmeer und auf dem Balkan sowie aus Konflikt- und Krisengebieten wie Afghanistan und Irak. Am Hindukusch bildet er seit 2001 junge Journalistinnen und Journalisten beim Aufbau der neuen Pressefreiheit aus. Sein Dokumentarfilm „Generation Kunduz“ wurde weltweit ausgezeichnet.

Porträt des Journalisten Martin Gerner
© privat
Mehr zum Thema