Afghanistan

    Der Westen hat alle Hebel aus der Hand gegeben

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    Eng gedrängte Flüchtende aus Afghanistan werden in einem Airbus der Bundeswehr von einem Koordinator mit Informationen versorgt.
    Die Bundeswehr evakuiert Menschen aus Afghanistan. Wie lange dies noch möglich bleibt, ist offen. © picture alliance/dpa/Bundeswehr/ Marc Tessensohn
    Thomas Wiegold im Gespräch mit Axel Rahmlow · 18.08.2021
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    Isolieren oder verhandeln – wie soll der Westen auf die Machtübernahme der Taliban reagieren? Der Journalist Thomas Wiegold sieht nur noch geringe Möglichkeiten, die Situation in Afghanistan zu beeinflussen.
    Die USA und ihre Verbündeten wollen noch Zehntausende aus Afghanistan ausfliegen. Inwieweit dies noch möglich ist, ist fraglich: Alles außerhalb des Flughafens von Kabul wird bereits von den Taliban kontrolliert. Auch deswegen hat Deutschland bereits seinen Ex-Beauftragten für Afghanistan nach Katar geschickt, um dort mit Abgesandten der Taliban zu verhandeln.
    Hoffen hier die Besiegten auf den guten Willen der Sieger? "Das sieht fast so aus", sagt der Journalist Thomas Wiegold, der sich schwerpunktmäßig mit internationaler Verteidigungs- und Sicherheitspolitik befasst: "Die Hebel, die der Westen in den vergangenen Jahren noch hatte, die hat er alle aus der Hand gegeben."
    Was die westlichen Staaten den Taliban in Verhandlungen noch anbieten könnten, ist für Wiegold nicht ersichtlich. Lediglich in finanzieller Hinsicht könne man wohl Druck ausüben, denn: "Auch eine Regierung der Taliban wird Geld brauchen."
    Ob die neuen afghanischen Machthaber sich diesem Druck auch fügen, sei hingegen fraglich, zumal unter finanziellen Sanktionen weniger die Taliban, sondern die Bevölkerung leide.

    Kein "sicherer Hafen für Terrorismus" mehr

    In einer Hinsicht sieht Wiegold die Taliban allerdings in Zugzwang: Als "sicherer Hafen für internationalen Terrorismus" würden sie künftig nicht mehr erscheinen wollen:
    "Sie wissen genau: Wenn von ihrem Land internationaler Terrorismus ausgeht, dann werden vor allem die USA nicht zögern, sehr hart und sehr kurz zuzuschlagen. Nicht mit Besetzung, nicht mit Truppen am Boden, sondern vor allem mit Luftschlägen. Die Taliban werden alles tun, um das zu vermeiden."
    Die USA hätten deutlich gemacht, dass ihr Krieg gegen den Terrorismus mit dem Abzug aus Afghanistan keineswegs vorbei sei: "Es gibt genügend US-amerikanische Basen für Kampfflugzeuge und Drohnen in der Region. Sie können jederzeit wieder aus der Luft zuschlagen."

    Die zweifelhaften Versprechen der Taliban

    Teile der Taliban signalisieren bereits die Bereitschaft zu einer etwas liberaleren Politik im Innern – zumindest im direkten Vergleich zum rigorosen Regiment, mit dem die Taliban das Land noch vor 20 Jahren im Griff hatten.
    Wiegold rät zu abwartender Skepsis, ob diese Ankündigungen auch tatsächlich umgesetzt werden – insbesondere in abgelegenen Regionen, wo internationale Medien kaum noch präsent seien. Aber schon jetzt zeichne sich ab: Wo der Westen wenig Einblick hat, sollte man auf solche Versprechen wenig geben.
    (thg)
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