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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.04.2019

Ärztemangel in Sachsen-Anhalt Eine Gemeinde vergibt Stipendien

Von Anastasija Roon

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Ein Stethoskop liegt auf einem Tisch.  (imago images / Westend61 / Andrew Brookes)
"Eine Stadt ohne Ärzte ist ganz schnell keine Stadt mehr, weil die Leute wegziehen", sagt Bürgermeister Nico Schulz. (imago images / Westend61 / Andrew Brookes)

In Sachsen-Anhalt fehlen auf dem Land Ärzte und Ärztinnen. Wie in vielen Gemeinden sollen auch in Osterburg finanzielle Anreize junge Menschen in die Provinz locken. Aber nur Geld wird das Problem der medizinischen Unterversorgung nicht lösen.

"Ja, Doktor Schröter. Hallo, guten Tag"

Die Hausarztpraxis von Volkmar Schröter befindet sich in einer Denkmal geschützten Scheune in der Kirchstraße. Das Wartezimmer ist voll, Hausarzt Schröter ist beliebt. An vollen Tagen behandeln er und sein Team bis zu 100 Patientinnen und Patienten.

"Allerdings ist unser Zeitkontingent auch befristet, so dass wir an Grenzen der Machbarkeit stoßen. Insbesondere da auch für Praxen, die mittlerweile über keinen Nachfolger verfügen, die Patienten versorgt werden müssen."

Osterburg hat 10.000 Einwohner, es gibt 20 Arztpraxen. Noch muss man allerdings sagen. Denn der Altersdurchschnitt der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte liegt bei über 60 Jahren. Viele werden bald in den Ruhestand gehen. Wer behandelt dann die kranken Menschen in Osterburg? Eine Frage, die sich auch Osterburgs Bürgermeister Nico Schulz gestellt hat. Er hörte von Stipendien der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen-Anhalt für angehende Medizinstudierende. Tolle Sache, dachte Schulz. Nur:

"Warum soll sich denn der Arzt, der sich an dieses Stipendium bindet nach Osterburg kommen?" 

700 Euro im Monat für Medizinstudierende

Also beschloss Schulz, selbst Stipendien zu vergeben, gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung. 700 Euro im Monat bekommen junge Medizinstudierende, und das sechs Jahre lang. Im Gegenzug müssen sie sich allerdings verpflichten, sich nach dem Studium in Osterburg niederzulassen. Drei Stipendien will Schulz insgesamt vergeben, das kostet die Gemeinde knapp 100.000 Euro. Viel Geld für eine Gemeinde wie Osterburg. Aber auch eine gute Investition in die Zukunft, sagt Bürgermeister Schulz:

"Eine Stadt ohne Ärzte ist ganz schnell keine Stadt mehr, weil die Leute wegziehen. Und daran hängen nachher auch so viele finanzielle Aspekte, die Zuweisung die man bekommt, kriegt man ja für die Gesamtzahl der Einwohner, die man hat. Von daher sind diese hunderttausend Euro… hören sich jetzt erstmal viel an, aber wenn die dazu beitragen, die Einwohnerzahl stabil zu halten, vielleicht sogar wieder wachsen zu lassen, dann ist sogar ein finanzieller Vorteil auch damit verbunden in Zukunft."

Lena Grünthal ist die erste Stipendiatin der Gemeinde. Sie studiert an der Uni Magdeburg im vierten Semester Medizin, ist 21 Jahre alt und kommt aus Osterburg. Sie musste nicht lange überlegen, ob sie das Angebot annimmt:

"Wenn man nach Osterburg kommt oder generell auf’s Land ist es auch noch schön, dass man nicht diese Anonymität der Großstadt hat. Also dort kennt man sich schon viel. Ich wusste schon vor dem Stipendium, dass ich wieder zurückgehen möchte. Weil ich eben so verankert dort bin."

Interessenten, aber zu wenige Studienplätze

Letztes Jahr konnte das Stipendium nicht vergeben werden. Dabei gab es durchaus Interessenten, sagt Schulz, aber zu wenige Studienplätze:

"Selbst ein ehemaliger Schüler, der einen 1,0-Abschlus hatte, hat es noch nicht geschafft im Oktober einen Medizinstudienplatz zu erhalten. Das zeigt eigentlich das Grundproblem. Und da muss eigentlich die Politik ran und mehr Mittel und Möglichkeiten schaffen, dass sich die Absolventenzahlen erhöhen. Das können wir nicht als Stadt."

Fakt ist aber auch, dass nicht genug junge Ärztinnen und Ärzte bereit sind, sich auf dem Land niederzulassen. Der Weg in die Forschung oder ins Ausland ist für junge Menschen oft attraktiver. Für Lena Grünthal dagegen ist klar: Sie will Hausärztin werden. Und zwar in Osterburg.

"Dass man die Patienten begleitet. Wenn man sie natürlich nur im Krankenhaus zur OP hat, hat man das gar nicht so, als wenn man jetzt Hausarzt ist und vielleicht auch die ganze Familie behandelt. Dort auch einfach bestimmte Sachen kombinieren kann, wenn ich zum Beispiel weiß, in der Familie gibt’s grad Stress, kommt das Kind jetzt wegen Bauchschmerzen, weil es wirklich Bauchschmerzen hat oder weil es zu Hause vielleicht psychischem Druck ausgesetzt ist und ich find das schön, dass man auch Menschen ihr Leben lang begleiten kann."

Wichtig ist der persönliche Kontakt

Auch für Bürgermeister Schulz spielt der persönliche Bezug eine wichtige Rolle. Nicht nur bei der Studienplatzvergabe, sondern auch bei der Suche nach potentiellen Landärztinnen und Landärzten:

"Ganz wichtig ist, glaub ich, wirklich der persönliche Kontakt, der persönliche Bezug, dass die jungen Studenten den Bürgermeister, die Stadt mit ihren Möglichkeiten kennenlernen. Dass sie merken, dass ihnen hier auch geholfen wird, wenn sie mal hier nach Osterburg kommen wollen."

Schulz will Studierende langfristig an Osterburg binden. Deshalb finanziert die Stadt nicht nur das Studium, sondern auch die anschließende Facharztausbildung von Lena mit 200 Euro im Monat. Keine große Summe, aber…

"Wir wollten eben auch diese moralische Verbindung weiter am Laufen halten, auch wenn es nur in Anführungszeichen 200 Euro ist. Damit eben diese Verbindung nicht abreißt. Das ist mehr ein symbolischer Beitrag."

Die Arztpraxis als sozialer Treffpunkt

Zurück in der Hausarztpraxis. Die Sprechstunde ist fast rum. Auch heute war wieder viel los. Die Arbeit in einer Landarzt-Praxis ist anstrengend, keine Frage. Doch es ist auch etwas Besonderes.

"Für manche Patienten ist es vielleicht sogar ein gewisser sozialer Kontaktpunkt, die Arztpraxis. Wenn sie die Woche über alleine sind, am Wochenende alleine sind und die Arztpraxis aufgesucht wird am Montagmorgen, um endlich wieder Leute zu treffen, vielleicht auch hier längere Zeit zu warten, aber dann haben sie immer noch mehr erlebt, als das ganze Wochenende."

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