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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 23.01.2019

Ärztemangel auf dem LandDorfbewoher suchen Mediziner mit Werbeclip

Von Felicitas Boeselager

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Eine junge Frau sitzt am Ufer eines Sees und hält ein Schild, auf dem steht: "Arbeiten, wo andere Urlaub machen." (Screenshot: Deutschlandfunk Kultur)
Wird dem potentiellen Dorfarzt auch geboten: Seekulisse in Hahn-Lehmden (Screenshot: Deutschlandfunk Kultur)

In Hahn-Lehmden leben 1600 Menschen aber kein Arzt. Bei Hals- oder Kopfschmerzen müssen die Dorfbewohner weit fahren. Nun suchen sie einen Mediziner – mit einem Werbevideo. Ihre Argumente? Ein Golfplatz, ein Naturbad und eine starke Gemeinschaft.

"Moin", "Wir suchen Dich" – steht auf den Schildern, die die Hahn-Lehmder vor die Kamera halten. Das kurze Video, in dem sie zeigen, warum ein Arzt es in ihrem Ort gut haben wird, wurde inzwischen fast 10.000 Mal auf Facebook geteilt, hat über 600.000 Klicks. Auf einmal sind fast jeden Tag Journalisten in Hahn-Lehmden, erzählt der Pressesprecher der Gemeinde:

"Ich kann mich erinnern, das hatten wir zuletzt ein einziges Mal. Das war 2007, als der Astronaut Thomas Reiter gelandet ist und zurück kam von der ISS. Thomas Reiter ist ja Bürger der Gemeinde Rastede und wir haben damals einen großen Empfang zu seinen Ehren gemacht. Damals waren auch mehrere Fernsehsender vor Ort, die über dieses Ereignis berichtet haben. Aber der große Unterschied ist: Damals konnten wir damit rechnen und das konnten wir jetzt nicht."

Tausende Menschen ohne Arzt in Laufweite

Seit Anfang Januar gibt es in Hahn-Lehmden keinen Arzt mehr.

"Wir sind jetzt hier bei der ehemaligen Praxis Röcher und die Tür ist leider verschlossen. Da steht ein Schild hier, dass aus Altersgründen die Praxis geschlossen wurde und eben halt kein Nachfolger da ist im Moment. Und das ist für uns sehr bedauerlich."

Eine Karte zeigt einen roten Punkt, von dem aus Pfeile nach Niederlande, zur Nordsee und nach Hamburg zeigen (Screenshot: Deutschlandfunk Kultur)Irgendwo zwischen Niederlande, Nordsee und Hamburg liegt Hahn-Lehmden (Screenshot: Deutschlandfunk Kultur)

Renate Bolte führt durch ihren Heimat-Ort. Es ist ein kalter, sonniger Wintertag, Klinkerhäuser prägen das Bild. 1600 Menschen leben hier. Hahn-Lehmden wächst kontinuierlich, ständig wird neu gebaut, vor allem junge Familien zieht es hierher. Oldenburg, die nächste größere Stadt, ist ungefähr 20 Kilometer entfernt. Trotzdem gibt es keinen Arzt mehr und ein neuer Arzt muss schnell gefunden werden, sagt die 69-Jährige:

"Das Problem ist, dass wir wirklich keine Zeit haben, die Kassenärztliche Vereinigung, die in Niedersachsen ist, die also diese Zulassungsrichtlinien macht, sagt, dass nach einem halben Jahr dieser Arztsitz hier verschwindet."

Viele Praxen in der Stadt überlastet

Dann müssten die Hahn-Lehmder mehrere Kilometer fahren, um zum nächsten Arzt kommen:

"Es ist sehr umständlich, wenn man sich vorstellt, dass man mit einer Grippe, oder einer beginnenden Grippe, noch in ein Auto oder in einen Bus steigen muss, um überhaupt den Arzt zu erreichen, der stündlich von hier fährt und dann muss man noch warten, bis der Bus wieder zurückfährt, dann kann man sich vorstellen, wie schlimm es eigentlich für den Betroffenen ist, wenn er das alles auf sich nehmen muss."

Hinzu kommt, erklärt Bolte, dass die Praxen in den umliegenden Orten heute schon überlastet sind. Man könne sich seinen Arzt nicht mehr aussuchen und müsste ewig in überfüllten Wartezimmern sitzen. Als Bolte das bewusst wird, startet sie im November vergangenen Jahres spontan eine Unterschriften-Aktion:

"Dann hatte ich irgendwie so eine Wut und bin auch gleich in den Ort gefahren, habe bei den Geschäftsleuten nachgefragt, ob ich das machen kann, die Listen auslegen und so weiter und erst dann bin ich nach Hause gefahren und dann war irgendwie der Plan schon gefasst."

Doftbewohner suchen mit Werbeclip einen neuen Arzt

Die Unterschriften-Aktion funktioniert. Bolte erreicht viel Aufmerksamkeit: 1600 Menschen unterschreiben, Bolte überreicht die Unterschriften dem Bürgermeister der Gemeinde Rastede, die Lokalpresse wird aufmerksam und immer mehr Menschen denken darüber nach, wie man einen Arzt nach Hahn-Lehmden locken kann. Beim Grübeln am Stammtisch kommt dann die Idee ein Video zu drehen. Es soll eine unkonventionelle Ausschreibung und Werbung für den Ort sein. Schnell sind alle zusammengetrommelt, zwei Nachmittage wird gedreht, das Video veröffentlicht und auf einmal rufen Menschen aus ganz Deutschland an, weil sie es gesehen haben.

Unter dem roten Hahn, dem Wahrzeichen von Hahn-Lehmden, auf dem Feuerwehrhaus steht Bolte umringt von ihren Mitstreitern. Väter, Mütter, Kinder, Rentner – alle haben sich beteiligt und sie alle freut die Aufmerksamkeit für das Video. Auch wenn es ihnen deutlich lieber wäre, wenn sie schon einen Arzt gefunden hätten, hatte das Video doch einen positiven Effekt:

"Ja, es ist eben so, dass man dann eben doch bemerkt, dass es sie noch gibt, diese Dorfgemeinschaft. Was sonst ja so ein bisschen in den Hintergrund rückt, aber in diesem Fall merkt man doch sehr stark: Sie funktioniert noch und das war eigentlich das Schönste an der Geschichte."

Viele gute Gründe: Golfplatz, Naturbad und Kita

Gefragt, warum es sich für einen Arzt lohne hier her zu ziehen, betonen alle Hahn-Lehmder ihre Dorfgemeinschaft – aber ihnen fallen noch viele andere Gründe ein:

"Der Golfplatz hier." "Ein echtes Naturbad." "Grundschule, Kita, Krippe." " Wir leben hier ja nicht irgendwo in der Wildnis."

Auch eine Praxis gebe es schon. Ein Neubau an der Hauptstraße, direkt gegenüber von der Apotheke. Aber auch hier gilt: Die Zeit drängt. Wenn das Gebäude erstmal fertig gestellt ist, dann wird der Vermieter es nicht ewig für einen möglichen Arzt frei halten wollen. Außerdem erklären sich alle dazu bereit bei Wohnungssuche zu helfen. Sven Spiekermann, der auch beim Video mitgemacht hat, hat noch einen ganz besonderen Vorschlag:

"Wir haben uns überlegt, zum Locken, als kleinen Anreiz, würden wir ihn dann das erste Jahr natürlich dann montags immer zum Pizzaessen in unsere eigene Pizzeria hier einladen."

Falls ein Arzt gefunden wird, soll es jedenfalls eine riesige Willkommensparty für ihn geben, mit rotem Teppich. Und wenn das nicht überzeugt, dann hilft ja vielleicht noch der Norddeutsche Charme:

"Wir suchen einen Arzt, komm zu uns, es ist schön hier."

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