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Tonart | Beitrag vom 06.02.2019

ÄgyptenEin Popsong gegen Genitalverstümmelung

Von Cornelia Wegerhoff

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Sahar Elzoghbi steht auf der Bühne und lächelt. (Prism/AZEMA/Juba)
"Du fühlst, dass Du für einen Wandel sorgen kannst", sagt die Musikerin Sahar Elzoghbi. Mit einem Song protestiert sie gegen Genitalverstümmelung in Ägypten. (Prism/AZEMA/Juba)

Trotz Verbot wird in Ägypten noch immer an vielen jungen Mädchen die Genitalverstümmelung durchgeführt. Mit einer Kampagne versuchen die Vereinten Nationen, auf den Gewaltakt aufmerksam zu machen. Dazu gehört auch ein Popsong.

"Ghir Enta", ein Liebeslied aus Algerien – das ist einer der vielen Songs, den die Ägypterin Sahar Elzoghbi schon erfolgreich mit ihrer Band gecovert hat. Mit eingängigen Hits wie diesen füllt die 23-Jährige in ihrer Heimatstadt Alexandria und Umgebung die Säle:

"Wir spielen alle möglichen Genres, Weltmusik", erzählt Sahar Elzoghbi. "Und dann… haben die uns eingeladen."

"Ich habe das als meine Pflicht empfunden"

Das ägyptische Büro des UNFPA, dem Bevölkerungsprogramm der Vereinten Nationen, war im vergangenen Jahr auf Sahar Elzoghbi aufmerksam geworden. Sie wurde gefragt, ob sie sich vorstellen kann, ihre Stimme einer Kampagne zu leihen. Vier Bands wurden eingeladen, jeweils einen Song zu singen. Es geht um Familienplanung im überbevölkerten Ägypten, die Vermeidung von Kinderehen – und um weibliche Genitalverstümmelung.

Sahar Elzoghbi sagt sofort zu: "Ich habe das als meine Pflicht empfunden. Und als wir dann mit den anderen Bands bei einem Meeting saßen und die Themen verteilt wurden, dachte ich, es ist besser, wenn ich das Thema Genitalverstümmelung in einem Song anspreche. Wenn das von einer Frau kommt, ist das angebrachter."

Das ungewünschte Geschlecht

Die ägyptische Songwriterin Amal Moustafa schrieb eigens für Sahar ein Lied: "Ya helwa enti", "Du meine Süße" - eine einfühlsame Hymne an eines der Millionen Mädchen, die in Ägypten bereits verstümmelt wurden.

"Es ist eine Geschichte, die an dem Tag beginnt, an dem sie geboren wurde", erklärt Sahar Elzoghbi. "Die Eltern hatten sich einen Jungen gewünscht statt ein Mädchen. So ist das meistens auf dem Land. Und so ist sie vom ersten Tag an eine Last für ihre Familie. Die zweite Strophe erzählt, wie sie das Mädchen zur Beschneidung zwingen, zur Verstümmelung ihrer Genitalien."

Eigentlich ist die Genitalverstümmelung verboten

Die weibliche Beschneidung, oft die Entfernung des gesamten äußeren Genitals, wird in Ägypten immer noch häufig praktiziert - trotz strafrechtlicher Verfolgung und der eindeutigen Verurteilung durch höchste islamische Würdenträger. Meistens sind es noch kleine Mädchen, die ohne Betäubung, zum Teil mit Rasierklingen oder Glasscherben beschnitten werden.

Der ägyptische Kurzfilm "I came from pain" hat das lebenslange Trauma betroffener Frauen dokumentiert. "Sie haben meinem Körper Gewalt angetan", erzählt darin eine Frau. "Sie haben etwas getan, zu dem sie kein Recht hatten."

Die Zahl der Genitalverstümmelungen sinkt - langsam

Bei 90 Prozent liegt die Zahl der betroffenen Ägypterinnen älterer Generation, sagt die Kairoer Gesundheitsexpertin Vivian Fouad. Sie freut sich über den Popsong, der das Tabu-Thema anspricht. Doch erst Jahrzehnte lange Kampagnen und die strafrechtliche Verfolgung hätten in Ägypten tatsächlich Verhaltensänderungen bewirkt:

"Die letzte ägyptische Erhebung hat ergeben, dass unter den 15- bis 17-Jährigen Mädchen 61 Prozent beschnitten sind. Das sind immerhin 13 Prozent weniger als fünf Jahre zuvor."

Aber jeder Fall sei einer zu viel. Und die Zahlen schwanken je nach Region dramatisch, so Vivian Fouad. Fehlende Bildung und Armut seien wichtige Indikatoren: "In Qena in Oberägypten, einer sehr armen, unterentwickelten Region, sind 90 Prozent aller 15-Jährigen Mädchen betroffen."

Kostenlose Konzerte in ländlichen Regionen

Sahar Ezoghbi ist deshalb auch in Oberägypten aufgetreten. Die vom UNFPA organisierte Tournee führte sie in den vergangenen Monaten vor allem in Städte in ländlichen Regionen. Dort wurden die Anwohner zu den kostenlosen Popkonzerten eingeladen.

"Die Bühne war offen gestaltet", erzählt Sahar Ezoghbi. "Da konnten die Leute auch direkt von der Straße vorbeikommen und zuhören."

Die Reaktionen seien durchweg positiv gewesen, berichtet Sahar. Betroffene Frauen hätten sie nach dem Konzert dankbar angesprochen: "Du fühlst, dass Du für einen Wandel sorgen kannst."

Am Ende ihres Songs singt Sahar Ezoghbi: "Wir werden den Teufelskreis durchbrechen."

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