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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 20.01.2017

Adoptivkind und Autorin Miriam SteinAbschied von der Angst

Moderation: Katrin Heise

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Die Kulturjournalistin und Buchautorin Miriam Stein. (Rasmus Weng Karlsen / Suhrkamp Verlag)
Die Kulturjournalistin und Buchautorin Miriam Stein. (Rasmus Weng Karlsen / Suhrkamp Verlag)

Die Autorin Miriam Stein wurde als Baby in einem Schuhkarton auf der Straße ausgesetzt. Wir sprechen mit ihr unter anderem über die Angstkrankheit ihrer Adoptivmutter, die sie in ihrem neuen Buch "Das Fürchten verlernen" beschreibt, und ihren Umgang mit der eigenen Familiengeschichte.

Ängste vor Terror, Alter oder sozialem Abstieg scheinen unsere Gesellschaft immer mehr in ihren Bann zu ziehen.

Die Journalistin und Autorin Miriam Yung Min Stein weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr Menschen unter solchen Ängsten leiden können. Über das Leben mit ihrer angstkranken Mutter und darüber, wie man sich von Ängsten befreit, hat sie einen Roman geschrieben. Als das Familienleben wegen der Panikattacken ihrer Mutter, auseinanderzubrechen drohte, hätten sie und ihre Geschwister die Organisation des Alltags übernommen. Sie selbst sei damals neun Jahre alt gewesen, erzählte Miriam Stein "Im Gespräch".

"Ich glaube das ist total normal, dass wenn die innere Normalität komplett kollabiert, dass man nach außen irgendwas aufrecht erhalten muss. Ich glaube das ist so was, was man lernt. Ich halte das gar nicht für richtig. Ich glaube letztendlich wäre es viel besser gewesen, wenn wir alle einfach einmal komplett durchgedreht wären, weil dann hätte man uns helfen müssen."

"Mädchen sind also besonders oft ausgesetzt worden"

Womöglich hat sie die Geborgenheit besonders vermisst, die ihr ihre von Angst befangene Mutter nicht geben konnte. Denn Miriam Stein ist ein Adoptivkind aus Südkorea und wurde als Baby in einem Schuhkarton auf der Straße ausgesetzt. In den 70-Jahren habe in dem heutigen Tigerstaat Südkorea bittere Armut geherrscht.

"Ich bin an der Kreuzung gefunden worden in einer Stadt, namens Degu, das ist eine große Provinzstadt südlich von Seoul und das war damals durchaus gang und gäbe, es gab keine Verhütung, es gab keine Aufklärung. Das heißt Familien bekamen 7, 8, 9, 10, 11, 12 Kinder. Dann ist die konfuzianische Tradition sehr patrilinear, das heißt mehr als ein, zwei Mädchen braucht man nicht, weil sie den Familiennamen nicht weitertragen. Mädchen sind also besonders oft ausgesetzt worden, aus dem pragmatischen Grund, weil es einfach nichts zu essen gab."

Die Geschichte ihrer Adoption hat Miriam Stein in dem Buch "Berlin-Seoul-Berlin" festgehalten. Die inzwischen 39-Jährige hat als Jugendliche und junge Erwachsene selbst unter starken Ängsten gelitten. Ihre künstlerische Arbeit und das Schreiben hätten ihr sehr dabei geholfen, diese zu überwinden.

"Da ist ein Stück Identität weggebrochen"

"Natürlich in dem Moment, wo man ausgesetzt wird, egal wie klein man ist, ist ein Teil der eigenen Identität einfach in Frage stellt. Und das konnten im Grunde meine Eltern, die mich adoptiert hatten, aufgrund der schweren Krankheit meiner Mutter einfach sehr schwer abfedern. Da ist ein Stück Identität weggebrochen, das nie wieder zurückgekommen ist.

Die Arbeit, die ich zum Beispiel mit der Theatergruppe Rimini Protokoll gemacht habe und auch mit den beiden Büchern, die ja bei einem noch nicht ganz vierzigjährigen Mensch zweimal um das eigene Leben gingen, was ja viel ist, das hat offensichtlich dieses Loch ersetzt."

Heute lebt Miriam Stein mit Mann und Sohn in Berlin und  arbeitet für die Modezeitschrift "Harper´s Bazaar".

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Suche nach der eigenen Herkunft
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 11.12.2008)

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