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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.07.2018

Adolf Muschg über seinen neuen RomanEine sehr japanische Situation

Moderation: Joachim Scholl

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Der Autor Adolf Muschg (imago stock&people)
Der Autor Adolf Muschg (imago stock&people)

"Heimkehr nach Fukushima" erzählt die Geschichte einer Reise in die gefährliche Nähe des Unglücksmeilers, in die trügerische Idylle, wo der Tod wartet. Doch "der Tod sitzt nicht nur in Fukushima sondern in jeder Liebe", sagt Muschg im Gespräch.

Joachim Scholl: Adolf Muschg ist 1934 geboren und seit Jahrzehnten nun schon einer der prominentesten Schriftsteller der Schweiz, allseits versierter Homme de lettres, als Literaturwissenschaftler, Essayist, Biograf, Dramatiker, inzwischen vor allem als vielfach preisgekrönter Romancier mit einem großen Werk, zu dem nun dieser ganz neue Roman tritt, "Heimkehr nach Fukushima". Heute erscheint das Buch, und Adolf Muschg ist uns nun aus einem Studio in Zürich zugeschaltet, wo er lebt. Guten Tag, willkommen im Deutschlandfunk Kultur, Herr Muschg!

Adolf Muschg: Guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: Wer in Ihrer Biografie stöbert, Herr Muschg, der stößt sofort auf vielfältige persönliche Beziehungen, die Sie mit Japan unterhalten. Sie sind mit einer Japanerin verheiratet, Ihr Sohn ist in Tokio geboren, hat dort lange gelebt. Sie selbst sind häufig nach und in Japan gereist. Auch im Frühjahr 2011 waren Sie dort, wenige Wochen nach der Reaktorkatastrophe. War das, diese Erfahrung, die Keimzelle jetzt für Ihr Buch?

Muschg: Ja, eine der Keimzellen. Wir waren damals vor allem unter unseresgleichen, das heißt Leuten, die ihren Flug nicht gecancelt haben nach Japan, und das waren nicht mehr ganz viele. Der Flieger war ziemlich leer, und man konnte sich so ein bisschen als Held auf einer gefährdeten Insel fühlen. Aber nach Fukushima selber haben wir uns natürlich nicht gewagt. Das haben wir ein paar Jahre später getan aufgrund einer Einladung über einen gemeinsamen Freund, den wir aus der Gegend erhalten hatten, ein Bürgermeister wünschte, sich mit mir darüber zu unterhalten, ob man vielleicht in dem Sperrgebiet der Katastrophe eine Künstlerkolonie einrichten könne. Und das war ein so faszinierender Gedanke, dort eine Boccaccio-Erzählinsel einzurichten, natürlich auf den ersten Blick schon absurd, denn die Japaner selber wollten ja nicht, vor allem die jüngeren, an diese Stelle zurückkehren, dass meine Frau und ich uns haben verführen lassen.

Eine dreifache Katastrophe

Scholl: Sehen Sie, jetzt sind sie schon vorgeprescht zu diesem Motiv, das mir beim Lesen des Buches so absurd im ersten Moment vorkam, dass ich dachte: 'Mensch, da musst du ihn fragen, ob das erfunden ist oder so eine Art Satire ist, oder ob das wirklich passiert ist.' Jetzt sind wir schon mitten drin, das heißt, Sie sind eigentlich auch zurückgekehrt nach Fukushima, so wie Ihr Romanheld Paul, der also Jahre später nach Japan fährt. Wie war denn diese, Ihre eigene Heimkehr in diese Region?

Muschg: Wir hatten ja eine dreifache Katastrophe, das heißt, die Japaner hatten sie. Auf einen Tsunami und ein Erdbeben kann man reagieren. Auf eine Atomkatastrophe, auf eine Kernschmelze zu reagieren, hat noch keine Zivilisation gelernt. Wir müssen es zudecken, in einen Bunker einschließen, von dem man nur hoffen kann, dass er dicht hält wie in Tschernobyl. Oder man kann das Land räumen und geräumt lassen, denn man hat es ja mit einem chemischen Abbau zu tun, mit einem radioaktiven, der Tausende, je nach Substanz, oder Hunderttausende von Jahren dauert. Also man kommt in eine ausgesprochene Grenzsituation, und das ist eigentlich das Spannende auch für den Romancier. Weil diese Situation hat etwas merkwürdig Typisches für das Schreiben. Das ist, ich möchte fast sagen, Liebe in Zeiten der Cholera ist ein altes Thema der Weltliteratur, und was ich da erzähle, ist mir natürlich auch erst hinterher in den Sinn gekommen. Das ist ein Treppenwitz, wie man so sagt, wenn man vom Rathaus kommt, ist man klüger. Aber einen Rat habe ich immer noch nicht, und das ist ein guter Ausgangspunkt für einen Roman.

Scholl: Im Roman wird oft die Verbindung Fukushima, Hiroshima und Nagasaki gezogen. Dreimal hat Japan jetzt schon eine atomare Katastrophe erlebt. Und im Buch werden die Atombomben und die Folgen als eine Art Familienschande für das Land beschrieben, über die man ungern spricht. Die Opfer sind einem geradezu peinlich. Setzt sich dieses Verhalten mit Fukushima fort, Herr Muschg?

Muschg: Es ist ein ganz komplizierter Vorgang. Man möchte fast sagen, die große Ausnahme, was die Bearbeitung der eigenen Vergangenheit betrifft, ist Deutschland unter allen Völkern das einzige, das gewissermaßen zur Reumut gezwungen wurde oder sich selbst dazu bestimmt hat. In Japan ist die Situation viel schwieriger, aber man kann sie im Grunde ganz gut verstehen. Natürlich war Hiroshima und der verlorene Krieg eine Schande. Aber für Japaner sind Ereignisse, die Opfer fordern und gar solche der eigenen Familie, die eigenen Väter, Großväter, aber auch natürlich die Mütter, die Ausgebombten. Das sind Themen, die man nicht mehr moralisch abhandeln kann. Und in Japan gab es noch die Sonderentwicklung, dass Hiroshima umfunktioniert wurde, übrigens aufgrund von westlichen Stichworten, "Atoms for Peace", wenn wir uns erinnern, in ein Symbol der eigenen Friedensfähigkeit. Und es ist das einzige Land der Welt, wo ich Atommeiler mit buddhistischen, also mit frommen Sätzen bedeckt gefunden habe. Also man redet im Grunde nicht darüber, aus Respekt gegenüber den Toten, die entkriminalisiert werden durch den Todesfall, aber auch, um die eigenen Leistung nicht zu entwerten. Das sind zwei ganz hohe Tabus. Mit den beiden anderen Katastrophen ist Japan fertig geworden wie mit jeder. Das waren die spektakulären, da kann man auch gleich was tun. Mit der atomaren Katastrophe wird wohl keine Zivilisation fertig, die auf einer so engen Insel zusammenwohnen, die man nicht als Ganzes evakuieren kann, aber eigentlich evakuieren müsste.

Eine Künstlerkolonie im Sperrgebiet

Scholl: Ihr Held, Paul Neuhaus, ist wie Sie, Herr Muschg, ein Schriftsteller, einer, der, das ist wohl der große Unterschied, als reich gepampertes Kind der Erbengeneration gar nicht schreiben muss. Er wird von einem japanischen Bürgermeister eingeladen, der in der Katastrophenregion Fukushima eine Künstlerkolonie gründen will. Er fliegt nach Japan, und als ich das las, dachte ich gleich: 'Das ist bestimmt satirisch erfunden.' Vorhin haben Sie schon erzählt, dass es genau so war. Sie selbst sind eingeladen nach Japan, um eine Künstlerkolonie in diesem atomar verseuchten Gebiet zu gründen. Das ist ja eigentlich kaum vorstellbar, oder?

Muschg: Wir können die Sache zynisch oder teilnahmsvoll betrachten. Zynisch betrachtet, kann man sagen, Japan kann Fukushima auf dem Hintergrund der nahen Olympiade 2020 gar nicht brauchen. Das muss aus den News weg. Und je mehr mitspielen bei diesem Versteckspiel, desto besser. Und eine internationale Belegschaft, der man ja nicht zumutet, dort ein Leben zu verbringen, sondern nur einen gut finanzierten Sommer oder Winter, die wäre ein solches Alibi. Wenn man es teilnahmsvoll betrachtet, und das ist selbstverständlich, dass das meine Fassung der Geschichte ist, dann muss man sagen: Was ist so anders an einem atomar verseuchten Gebiet außer der statistischen Absehbarkeit des eigenen Sterberisikos?

Wenn ich in eine Röhre, um einen Krebs zu behandeln, gestoßen werde, dann bekomme ich eine vielfache Ladung dessen ab, was die Leute in Fukushima in einer gewissen Distanz zum Zentrum erleiden müssen. Im Grunde wird man mit der eigenen Grenze konfrontiert, und der Umgang mit ihm wird eigentlich zum Test der Lebendigkeit. Das ist ein bisschen keine beschönigende Fassung, glaube ich, sondern es ist die wahre. Wenn man den Eltern zusieht, die eben nicht zurücksiedeln wollen, ist es um der Kinder willen. Die Kinder – man wünscht ihnen ein langes Leben, und das ist natürlich in einem atomar verseuchten Gebiet weniger als anderswo garantiert. Aber so gänzlich anders ist das Leben derjenigen, der Gefährdeten nicht gegenüber normalem Leben in Zürich oder Berlin, dass man gewissermaßen daraus eine moralisch-sittliche Frage machen kann. Wir sind in einer technisch infundierten Welt, überschwemmten Welt. Sie ist unser eigenes Produkt. Es ist alles nicht sichtbar, nicht hörbar. Es ist sogar das Paradox, man macht die paradoxe Erfahrung, dass Fukushima eine ausgesprochene Idylle ist, alles grün sprießt, wunderbar. Die Tiere sind da wie im Kinderbuch – auch wenn man die Wildschweine nicht im eigenen Haus wünscht. Aber das Haus ist ja leer. Also da hindurchfahren ist wie durch ein Märchenland fahren.

Scholl: An einer Stelle heißt es, "Fukushima ist schon fast beängstigend malerisch und war was?" Herr Muschg, wir möchten aber unbedingt noch auf einen Kollegen zu sprechen kommen, der nämlich mit Ihrem Helden Paul förmlich mitreist, nämlich in Form der Bücher von Adalbert Stifter, den Österreicher des 19. Jahrhunderts. Ein nicht eben leicht zu lesender Autor, Kenner schnalzen mit der Zunge dafür. Eigentlich sollte Ihr Roman nämlich "Stifter in Fukushima" heißen, wenn ich richtig orientiert bin. Was hat denn dieser alte Österreicher dort verloren?

Muschg: Fast alles. Die Frage ist sehr gut, was hat er dort verloren. Ich würde fast sagen, den eigenen Leib. Wenn Sie Stifter lesen, und ich habe mich jetzt bis zur Süchtigkeit wieder ein bisschen auf ihn eingelassen, man kann nur entweder weglaufen oder süchtig werden bei Stifter, was er nicht nennt, was nicht vorkommt in seiner Erzählung, ist der eigene Körper. Von Liebe ist die Rede, von Liebespaaren auch, von jeder Art von Sinnlichkeit außer derjenigen, die an den eigenen Körper gebunden ist. Es ist also wahrscheinlich der beste und der faszinierendste Naturdichter deutscher Sprache, aber die eigene Natur, die sinnliche Natur kommt nicht vor. Es gibt eine Leerstelle, die man jetzt nicht psychologisch analysieren muss, aber die für mich eine Verwandtschaft hat mit der Lage in Fukushima. Und etwas kühn gesagt, diese Stelle versuche ich in meiner Erzählung zu besetzen. Liebespaare, Liebe in Zeiten der Cholera – wenn ich mir überlege, welche Geschichte von Kleist mir den tiefsten Eindruck gemacht hat, dann ist es das Erdbeben von Chile, wo eine Liebe stattfindet, nur weil es das Erdbeben gegeben hat, weil die Welt außer Rand und Band ist. Und die Provokation in Fukushima ist, dass es aussieht wie eine Landschaft, die Stifter gemalt haben könnte – er ist ja auch ein Maler gewesen –, eine reine Idylle. Und in dieser Idylle sitzt der Tod. Und der Tod sitzt aber nicht nur in Fukushima in jeder Idylle oder in jeder Liebe, sondern eigentlich überall und immer. Und das Triviale dieser Wahrheit, das zugleich das Entsetzliche ist, das wir nicht berühren wollen, diese Mischung hat mich fasziniert, das macht den Stoff gewissermaßen elektrisch geladen.

Eine literarische Antwort auf eine Frage aus der Realität

Scholl: Es wird viel Stifter zitiert, eine einschlägige Stelle kehrt mehrmals wieder. Da ist von einer "heiteren Blumenkette" die Rede, die durch die "Unendlichkeit des Alls hängt und ihren Schimmer in die Herzen sendet". Ihr Held Paul bekommt auch einen besonderen Schimmer ins Herz gesendet, er erlebt nämlich eine existenziell dramatische Liebesgeschichte. Davon dürfen wir natürlich nichts verraten und die Spannung nehmen, Herr Muschg. Ich möchte Sie trotzdem noch mal fragen, wie Sie dann auf das Ansinnen dieses Bürgermeisters reagiert haben. Ihr Held Paul wird eine Zukunft in Japan haben, das dürfen wir, glaube ich, vielleicht wirklich verraten.

Muschg: So viel er noch hat davon.

Scholl: So viel er noch davon hat. Aber wie haben Sie denn auf die ja doch freundliche Anfrage reagiert? Höflich abgelehnt?

Muschg: Das war eine sehr japanische Situation, es war nicht nötig. Als er mich gesehen hat und meine Fragen gehört, hat sich die Frage eigentlich von selbst erledigt. Er hat schon genau gemerkt, dass er wahrscheinlich einen Vorwand gebraucht hat, um mit einem Menschen außerhalb seines Kreises über ein Märchen zu reden, wie ich einen Vorwand gesucht habe, mit einem Mann, der mitten in einer schrecklichen Wahrheit lebt, über diese Wahrheit zu reden. Diese Künstlerkolonie hat sich in der Realität sehr rasch erledigt, aber nicht in meiner Geschichte. Meine Geschichte ist gewissermaßen die Antwort, die ich dem Bürgermeister, dem realen, nicht gegeben hatte.

Scholl: Vielen Dank nach Zürich, Adolf Muschg, alles Gute für Sie und Ihr Buch!

Muschg: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Adolf Muschg: "Heimkehr nach Fukushima"
C.H.-Beck-Verlag, München 2018, 244 Seiten, 22 Euro

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