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Lesart | Beitrag vom 16.01.2021

Adam Kucharski: „Das Gesetz der Ansteckung"Auch Bad-Banks waren Superspreader

Von Vera Linß

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Buchcover: "Das Gesetz der Ansteckung" von Adam Kucharski (Hirzel Verlag / Deutschlandradio)
Das Buch wurde zwar vor Corona geschrieben, hat an Aktualität aber nichts verloren, im Gegenteil. (Hirzel Verlag / Deutschlandradio)

Die Finanzkrise 2008, die Verbreitung von Fake News und Gewaltausbrüche haben Ähnlichkeit mit der aktuellen Pandemie, schreibt der Mathematiker und Epidemiologe Adam Kucharski in „Das Gesetz der Ansteckung“. Er sagt auch, was wir daraus lernen können.

Coronaviren, eine Bankenpleite, Fake News und Waffengewalt in Chicago – was könnten die gemeinsam haben? Scheinbar nichts. Ein Irrtum, denn Experten wissen längst: All diese Phänomene zeichnet aus, dass sie ansteckend sind und deshalb besonders bedrohlich.

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Doch warum kommt es zur Ausbreitung, was treibt sie an und wie genau läuft sie ab? Über solche Details werde in den Medien viel zu wenig berichtet, kritisiert der Epidemiologe Adam Kucharski. Mit seinem Buch will er deshalb ein breiteres Publikum über die Grundmuster von Virusepidemien aufklären. Und zeigen: Das Wissen über Ansteckungen kann helfen, auch andere gesellschaftliche Gefahren zu bekämpfen.

Mit Mathematik gegen soziale Infektionen

Die wichtigsten Werkzeuge dabei: Daten und mathematische Modelle. Wie die ersten Berechnungen von Infektionen entstanden sind, zeigt der Wissenschaftler, der selbst Mathematik studiert hat, in einem historischen Rückblick. Gekonnt verwebt er Geschichten und Theorie miteinander. Er schildert die Suche nach einer Idee gegen die Ausbreitung von Malaria. Er beschreibt, wie der spätere Nobelpreisträger Ronald Ross im 18. Jahrhundert mit seinen Analysen den Grundstein dafür legt, die Tropenkrankheit zu besiegen. Und er erklärt die vier Hauptphasen einer Epidemie: Auslöser, Wachstum, Maximum und Rückgang. Verweise auf Studien und Grafiken helfen, die Prozesse zu verstehen.

Geschrieben hat Adam Kucharski, derzeit Professor an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, das Buch noch vor der Coronapandemie. An Aktualität hat es aber nichts verloren, im Gegenteil. Wäre es doch schon früher auch auf Deutsch erschienen! R-Wert und Superspreader wären längst Allgemeingut und viele (umstrittene) Schutzmaßnahmen jedem einleuchtend, so schlüssig erklärt der Epidemiologe statistische Zusammenhänge – etwa zwischen der Kontaktzahl, wie stark man vernetzt ist und dem Infektionsverlauf.

Gewalt verbreitet sich wie Cholera

Doch was heißt das nun für die Gesellschaft jenseits der Virusbekämpfung? Überraschend, was Adam Kucharski zusammenträgt. Seit über 15 Jahren denkt man in der Finanzwelt über Ansteckung nach und nutzt inzwischen auch epidemiologische Analyseverfahren. Die Krise 2008 etwa ähnelte einer Seuche. Entscheidend sei die Rolle von Superspreadern gewesen, also von Banken wie den Lehman Brothers, die andere massenweise "infizierten" – ein Fazit, aus dem sich lernen ließe.

Aufschlussreich auch: die geringe Ansteckung von Onlineinformationen. Selbst die beliebtesten Facebook-Inhalte seien zehnmal weniger ansteckend als die Masern. Stattdessen sorgten bekannte Persönlichkeiten oder Medien immer wieder dafür, dass Ideen – auch Fake News – populär würden. Tötungsdelikte in US-Städten ließen sich dagegen mit Cholerafällen in Bangladesch vergleichen, so groß sei die soziale Ansteckung. Das Positive: In Chicago habe man aus dieser Erkenntnis ein erfolgreiches Interventionsprogramm entwickelt und damit die Ausbreitung der Waffengewalt unterbrochen.

Dass er sich viel mehr solcher praktischen Umsetzungen wünscht, daraus macht Adam Kucharski kein Hehl. Zu Recht! Sein faktenreiches und ambitioniertes Buch zeigt, wie viel Fortschritt Erkenntnisse über epidemiologische Zusammenhänge bringen können.

Adam Kucharski: "Das Gesetz der Ansteckung – Was Pandemien, Börsencrashs und Fake News gemeinsam haben"
Aus dem Englischen von Karsten Petersen
Hirzel Verlag, 2020
320 Seiten, 26 Euro

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