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Tonart | Beitrag vom 03.09.2019

Adam Green: "Engine of Paradise"Neues aus der Ironiehölle

Dirk Schneider im Gespräch mit Andreas Müller

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Der amerikanische Sänger und Songwriter Adam Green bei einem Konzert 2016. (dpa / picture alliance / Isabel Schiffler)
Die großen politischen Probleme scheint der amerikanische Sänger und Songwriter Adam Green einfach zu ignorieren. (dpa / picture alliance / Isabel Schiffler)

Anfang der Nullerjahre begeisterte Adam Green mit seinen kurzen Songs und absurden Texten. Auf seinem neuen Album sind die Songs immer noch verdammt kurz und die Texte irgendwie dadaistisch. Muss man das hören?

Andreas Müller: 2003, ein kleiner wuschelhaariger Anfangzwanzigjähriger aus New York singt eine böse, traurige Ballade über das gleichaltrige Pop-Sternchen Jessica Simpson. In Deutschland ist man begeistert von diesem Typen, der sich auch noch als Urenkel der Kafka-Verlobten Felice Bauer entpuppt.

Adam Green heißt er, mit dem Duo Moldy Peaches gehört er zu den Begründern des sogenannten Anti-Folk. Green bringt mehrere Alben heraus mit seinen extrem kurzen Balladen und der Musik Scott Walkers als Leitstern, und Ende der Nullerjahre hatte man dann auch in Deutschland irgendwie genug davon - in den USA war Green ja nie so richtig erfolgreich. 

Aber Green macht weiter, was soll er auch anderes machen, und so langsam ist er so lange dabei, dass es schon wieder interessant werden könnte. "Engine Of Paradise" heißt sein neues Album, das diesen Freitag erscheint, und mit Dirk Schneider möchte ich jetzt darüber reden, ob sich die Beschäftigung damit lohnt.

Dirk Schneider: Ja, lohnt sich die Beschäftigung mit Adam Green noch? Adam Green macht das, was er so oder ähnlich schon immer gemacht hat, amerikanischen Oldschool-Schlager mit schrägen Texten, die wahrscheinlich in irgendeiner Creative-Writing-Technik entstehen, ihr Sinn erschließt sich jedenfalls meistens nicht so recht. Wenn wir in die aktuelle Single reinhören, hören wir den Adam Green, den wir jetzt seit über 15 Jahren gut kennen.

Andreas Müller: "Freeze My Love", die aktuelle Single von Adam Green, 2:20 kurz, die anderen Songs sind auch nicht länger, wahrscheinlich?

Dirk Schneider: Nein, Adam Green hat noch nie einen langen Song geschrieben, er sagt, er wolle die Aufmerksamkeitsspanne seiner Hörer und Hörerinnen nicht überstrapazieren und würde hart daran arbeiten, seine Songs so kurz zu halten.

Ich glaube ja nicht wirklich, dass das der Grund ist. Das ganze Album ist, mit seinen neun Songs, so auch nicht länger als 23 Minuten geworden. Das ist ja nicht schlimm.

Green scheint aber auch zu wissen, dass er alleine mit seiner Musik nicht mehr so viel Interesse erweckt, zu seinem letzten Album "Aladdin" hatte er begleitend einen Film gedreht, den man sich komplett auf Youtube ansehen kann, und das ist dann schon wieder beeindruckend: eine irre Low-Budget-Produktion, die komplett in bunt bemalten Pappkulissen spielt, mit einer abstrusen Science-Fiction-Handlung, Green spielt den Sänger Aladdin, der einem Firmenimperium gehört und da in Ungnade fällt. Dann gibt es noch so einen eitlen König, der seine Herrschaft sehr willkürlich ausübt.

Das ist insofern beeindruckend, als dass das richtig Arbeit gemacht haben muss, der Film geht immerhin 80 Minuten. Es ist aber schwer auszuhalten, das Ganze ist die totale Ironiehölle.

Ein Comic zum Album

Andreas Müller: Und zum neuen Album "Engine Of Paradise" gibt es jetzt einen Comic.

Dirk Schneider: Genau, der heißt "War on Paradise", es geht darin um einen gewissen Pausanias, der an das Ende er Zeit reist, um Gott, eine Hermaphroditin, darum zu bitten, die Welt vor der nuklearen Katastrophe zu verschonen. Hier verhandelt Green dann wieder die Themen, die in seinen Liedern nicht vorkommen, aber auch das eben höchst ironisch.

Ich glaube ja dass Green, der in Brooklyn lebt, sich in so einer Hipsterblase befindet, umgeben von lauter Leuten, die viel Zeit und keine Geldprobleme haben, und insofern auch relativ unberührt sind von den Problemen unserer Gegenwart.

Green stammt ja aus einer Generation, die mit ihrer Kunst noch vor Trump angefangen hat, vor MeToo, einer Zeit, als Klimawandel und die großen Fluchtbewegungen noch als Zukunftsszenarien wahrgenommen wurden, eigentlich einer Zeit auch großer Langeweile, in der Ironie noch Hochkonjunktur hatte.

Und auf seinem Album hat Green auch mit Leuten dieser Generation zusammengearbeitet, Florence Welch von Florence and the Machine, Jonathan Rado von Foxygen, James Richardson von MGMT - alles so Namen, die heute noch einen gewissen Klang haben, von denen man sich 2019 aber eigentlich nur fragt, ob sie sich jetzt nochmal neu erfinden, oder ob man sie einfach langsam vergessen kam - Florence Welch vielleicht mal ausgenommen.

Green spielt sich selbst

Andreas Müller: Also musiziert und tüftelt dieser Mann einfach so vor sich hin - lässt sich da nicht irgendein Antrieb, irgendein Thema drin erkennen?

Dirk Schneider: Fällt mir, ehrlich gesagt, schwer. Die Songs gehen manchmal so in die Richtung: Ich werde älter, mein Leben ändert sich. Green ist ja auch Familienvater, er hat eine vierjährige Tochter. Ich hatte ja mal irgendwann gedacht, dass Green als kleiner, schmächtiger New Yorker, der sich in der Welt nicht zurechtfindet, so eine neue Woody-Allen-Figur werden könnte, aber dazu fällt diesem Mann viel zu wenig zu seiner Umgebung ein, er scheint ja auch nicht an der Welt zu leiden.

Adam Green scheint einfach er selbst zu sein, oder eben auch nicht, denn eigentlich scheint er sich selbst auch die ganze Zeit nur zu spielen, aber vielleicht gibt es da bei einem langgedienten New Yorker Hipster auch keinen Unterschied mehr.

Man könnte das natürlich auch wieder als Statement begreifen in einer Zeit, in der jeder Heini mit Gitarre sich zum Regierungsgegner stilisiert, einfach die ganze große Politik zu ignorieren - die weiße Mittelschicht steht ja sowieso immer unter Verdacht, Betroffenheitskitsch zu machen, wenn sie sich dieser Themen annimmt.

Das macht Adam Greens Werk jetzt noch nicht interessant. Aber wer weiß, vielleicht erschließt sich Adam Greens Werk auch nochmal ganz neu, wenn wir all die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen, die ja derzeit auch die Popmusik schon auch interessant machen, wenn die alle zu ende geführt sind, oder wenn wir sie irgendwann aufgegeben haben werden, vielleicht wird dann diese Art von Nihilismus, die Adam Green betreibt, wieder interessant. Ich hoffe es nicht, aber wer weiß.

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