Seit 02:05 Uhr Tonart
Sonntag, 20.06.2021
 
Seit 02:05 Uhr Tonart

Tonart | Beitrag vom 11.09.2017

Achava-Jazzpreis für Fractal Limit"Dieser Typ mit dem Kontrapunkt steht über allem"

Von Henry Bernhard

Das Jazzduo Fractal Limit (Sarah Hadley)
Das Jazzduo Fractal Limit (Sarah Hadley)

In Erfurt wurde der erstmals der internationale und transkulturelle Achava-Jazzpreis verliehen. Gewonnen hat ihn das Duo "Fractal Limit", bestehend aus dem armenischen Pianisten Vardan Ovsepian und der brasilianischen Sängerin Tatiana Parro. Bach sei ihr gemeinsamer Navigator, erklärt Ovsepian.

Soundcheck im Heizwerk Erfurt. Tatiana Parro und Vardan Ovsepian stellen sich auf den riesigen, akustisch nicht unproblematischen Raum ein. Parro und Ovsepian bilden zusammen das Duo "Fractal Limit". Der Nachhall ist lang, Ovsepians Läufe auf dem Flügel aber extrem schnell.

Es geht, meint der Pianist, es gebe keine deutlichen Echos, sondern eher einen verwischten Nachhall.

Die beiden sind zum ersten Mal in Deutschland – und dann gleich, um einen Preis zu bekommen. Der ACHAVA Jazz Award wurde am Samstagabend zum ersten Mal verliehen, als ein Höhepunkt des vom Freistaat Thüringen massiv geförderten "Achava"-Festival.

Wenn Lebenswelten sich vermischen

"Achava" heißt Brüderlichkeit und widmet sich – ausgehend von der jüdischen Kultur – dem interreligiösen und interkulturellen Dialog. Festivalchef Martin Kranz sieht Achava ausdrücklich jenseits der Beschränkung auf jüdische Themen.

"Für mich ist Achava ein Lebensgefühl, eine Idee, wie wir miteinander in dieser Welt leben wollen. Und dafür steht auch dieser Preis. Es geht darum, dass man sich trifft, dass man sich begegnet, aus verschiedenen Richtungen kommend, dass man miteinander mäandert und sich trifft.

Die Welten, unsere Lebenswelten heute, die vermischen sich, und sie müssen das auch tun; und sie werden sich immer weiter vermischen. Und wir müssen einfach nur darüber reden und uns Gedanken machen, wie das gut funktionieren kann in einer Welt, die eigentlich momentan eine andere Richtung geht, nämlich eine abschottende."

Der ACHAVA Jazz Award zeichnet – so die offizielle Ausschreibung – "ein künstlerisch herausragendes Band-Projekt aus, das den transkulturellen Charakter des Jazz ins Zentrum stellt". Inspirator dieses Preises ist der künstlerische Leiter von Achava und Professor für Jazz-Bass an der Musikhochschule Weimar, Manfred Bründl:

"Der Preis sucht nach Tiefgang, sucht nach Vermischungen, die vom Jazz ausgehen, Vermischungen zwischen Jazzelementen, improvisatorischen und kompositorischen Elementen und Vermischungen mit Volksmusik und europäischer Kunstmusik. Und zwar hörbar! Fast jede Band ist natürlich transkulturell und irgendwo auch international, aber ein jodelnder Japaner ist – ohne das jetzt falsch zu verstehen – nicht das, was wir suchen würden."

Gefunden hat die mit internationalen Musikern und Fach-Journalisten hochkarätig besetzte Jury unter der Leitung des israelischen Pianisten Omer Klein ein Duo, das schon in sich "transkulturell" ist. Tatiana Parro ist Brasilianerin, Vardan Ovsepian Armenier, der auch in Estland, Finnland und den USA studiert hat und heute in Los Angeles lebt.

Die Sache mit dem Kontrapunkt

Ovsepian webt die komplexen musikalischen Strukturen, auf dem Tatiana Parro mit ihrem klassisch brasilianischen Scat-Gesang reitet und mitunter schwebt.

Die klassisch-europäischen Einflüsse in Ovsepians Spiel sind dabei unverkennbar.

Vardan Ovsepian: "In my collaboration with Tatiana I feel that contra punctual music and the guy that Germany has produced, Mr. Bach, is under and on top of everything what we do. He is the main navigator. That’s what I feel in this particular collaboration. Also, because it’s an opportunity for me in a duet to be more active with my left hand. And that gives us lots of possibilities for the contra punctual way of playing in polyphony, where a few voices can happen at the same time."

Bei seiner Zusammenarbeit mit Tatiana Parro sei alles vom Kontrapunkt und diesem gewissen "Typen" aus Deutschland durchdrungen. Dieser Bach sei ihr gemeinsamer Navigator. In diesem Duett könne er, Ovsepian, viel mit seiner linken Hand gestalten, also polyphonisch spielen.

Der Gefahr der Beliebigkeit im Crossover ist er sich dabei jederzeit bewusst.

"There is! And for me that issue has been one of the major topics for me to think about for the past many years. Just because there are so many mixture of styles that are done by putting them on top of each other together without much of exactly organic mix."

Auf jeden Fall sehe er die Gefahr! Er mache sich seit Jahren darüber Gedanken, dass zu oft gedankenlos Stile einander übergestülpt werden, ohne dass sie eine organische Mischung ergäben.

"Aufmerksam kommunizierendes Duo"

Dieser Gefahr erliegt das Projekt "Fractal Limit" nicht. Ovsepian durchwirkt in seinem Spiel sehr sicher die verschiedenen Elemente der musikalischen Einflüsse vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Oder wie es in der Laudatio hieß:

Peter Schulze: "Als aufmerksam kommunizierendes Duo lassen sie akustische Miniaturen entstehen, die im Stil von Feinheit und Brillanz Ebenen der Emotion freilegen, die die Künstler wie das Publikum unmittelbar betreffen."

Die Emotionen bleiben jedoch bei Fractal Limit extrem kontrolliert, nie verlassen die beiden Musiker die vorgegebene Bahn, den gleichmäßigen, aber auf Dauer redundanten Fluss der fein ziselierten Kompositionen. Transkulturell – ja. Aber Jazzfans erhoffen sich doch zumeist auch mal einen Schritt neben der Spur.

Mehr zum Thema

Konzentrationslager Theresienstadt - Sie spielten ihre eigene Totenmesse
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 06.09.2017)

Anna Enquist: "Streichquartett" - Filigrane Verwebungen von Mensch und Musik
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 02.11.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur