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Tonart | Beitrag vom 13.11.2017

Ableton-Konferenz in BerlinMit Jupiters Frequenzen das Gehirn massieren

Von Florian Fricke

Im Hintergrund Jupiter, davor dessen Mond Europa in einer künstlerischen Darstellung (imago)
Wie klingt eigentlich Jupiter? Ein Berliner Duo greift Frequenzen des Riesenplaneten auf - hier sehen wir ihn hinter seinem Mond Europa. (imago)

In Berlin ist gerade die dritte Ausgabe der Loop Konferenz zu Ende gegangen. Auch dabei: Steffen Günther vom Künstlerduo Planetary Cymatic Resonance. Auch die Sounddesigner beschäftigen sich mit einem Oberthema der Konferenz: Rhythmus und Frequenz.

Am vergangenen Wochenende fand im Funkhaus Berlin zum dritten Mal die Loop Konferenz statt, veranstaltet von der Berliner Musiksoftware-Schmiede Ableton, deren Programm Live die Produktion von elektronischer Musik revolutioniert hat. Eins der Oberthemen, das immer wieder auftauchte, war Rhythmus und Frequenz.

Alles schwingt, alles pulsiert

Das ganze Universum besteht aus Schwingungen, alles pulsiert in seinem eigenen Rhythmus, so wie die Erde sich einmal am Tag um sich selbst dreht. Könnten diese natürlichen Schwingungen nicht irgendwie in unsere Musikwelt integriert werden? Und was würde das mit uns machen? Klingt esoterisch, aber letztendlich beruht der Ansatz auf reiner Physik und Neurowissenschaft.

Der Jupiter braucht für seinen Weg um die Sonne ungefähr 4332 Tage. Bildet man daraus den Kehrwert, ergibt das eine unglaublich langsame Frequenz, also eine Schwingung über mehr als zehn Jahre. Wenn man aber diesen Wert immer weiter vervielfacht, kommt man irgendwann in den Hörbereich des Menschen. Die 36ste Oktave von Jupiters Umlaufzeit ergibt dann endlich circa 183 Hertz oder den Grundton Fis.

Auf dieser Stimmung beruht eine Improvisation des Berliner Duos Planetary Cymatic Resonance, das heißt, ihre elektronischen Instrumente wurden auf diesen Grundton gestimmt. Steffen Günther, die eine Hälfte des Künstlerduos, bekennt:

"Das ist mir persönlich extrem wichtig. Ich bin da so ein bisschen der Korinthenkacker des Projekts, ich geh da immer in die Nachkommastellen rein. Und je genauer, desto besser, dann ist meine Rationalität befriedigt."

Günther studiert Audiodesign an der Hochschule für populäre Künste in Berlin. Sein Partner bei Planetary Cymatic Resonance ist Timo Preece aus Kalifornien, ebenso Sounddesigner, zudem mit einem Abschluss in Musikethnologie.

Letzte Stimmtonkonferenz 1939

Seit gut drei Jahren befassen sich die beiden mit dem Thema Frequenzen in der Musik und wie sie unser Gehirn beeinflussen können. Denn die Musik, die uns umgibt, ist sozusagen gleichgeschaltet. 1939 wurde auf der letzten internationalen Stimmtonkonferenz festgelegt, dass der sogenannte "Kammerton a" mit 440 Hertz zu schwingen hat. Steffen Günther hat damit so seine Probleme.

"Wir finden, die Leute könnten darüber nachdenken, einfach auch mal die Grundtöne ihrer Musik, die sie selber produzieren, machen, oder auch der sie zuhören, mal zu ändern und mal zu gucken, ob das vielleicht was anderes in ihnen macht."

Dancefloor (imago/UIG)Steffen Günther will "Menschen, die sich in Trance tanzen wollen, unterstützen. " (imago/UIG)

Es gibt scheinbar eine Wechselwirkung zwischen den Hirnwellen und Schallfrequenzen, denen wir uns aussetzen. Unser Hirn sendet ständig Hirnwellen aus. Steffen Günther erklärt:

"Zum Beispiel im Tiefschlaf, wenn wir im Delta sind, das ist ungefähr null bis vier Hertz. Darüber liegt der Theta-Bereich, das ist ein traumartiger Zustand, in dem Kinder oft sind, so intuitive Ausbrüche passieren da. Dann oberhalb von diesem Theta-Bereich, von acht bis zwölf Hertz, liegt der Alphabereich, das ist die Schnittstelle zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein."

Fünf Bandbreiten von Hirnwellen

Dazu kommen noch Beta- und Gamma-Bereich, also insgesamt fünf Bandbreiten von Hirnwellen, die wir im Laufe eines Tages durchlaufen. Bleiben wir in einer stecken oder bekommen von einem Bereich zu wenig ab, dann ergibt das meistens ein Krankheitsbild. Kindern zum Beispiel, die unter ADHS leiden, mangelt es oft an Gammawellen. Das lässt sich behandeln, denn das Gehirn kann sich auf Frequenzen einschwingen, die es wahrnimmt. Steffen Günther deutet die Möglichkeiten an:

"Ja, ein Rhythmus, egal welcher Art, ob es ein Lichtflackern ist oder ein taktiles Vibrieren, wie wenn man jetzt im Zug fährt und der fährt konstant die Geschwindigkeit, man hat immer die Schienen unter sich – du-düt, du-düt, du-düt – das ist ja auch ein sehr meditativer Zustand, in dem man dadurch gelangen kann."

Es gibt insgesamt drei Methoden, wie man Frequenzen in der Musik verstecken kann, die eine Wirkung auf unser Gehirn ausüben. Bei den binauralen Beats zum Beispiel werden beiden Ohren Töne mit leicht unterschiedlicher Frequenz zugeführt. Will man also den Theta-Bereich des Hirns beeinflussen, der zwischen vier und acht Hertz liegt, dann gibt man auf das eine Ohr 100 Hertz, auf das andere 106 Hertz. Die sechs Hertz Differenz erzeugt unser Stammhirn.

Musik-Wirksamkeit im EEG gemessen

Eine befreundete Neuro-Wissenschaftlerin der beiden in der Schweiz konnte jedenfalls mittels eines EEG messen, dass ihre Musik wirksam ist. Für Steffen Günther ist das erst der Anfang: Musik kann sich auch negativ auf den Menschen auswirken, ohne dass es so geplant war. Gerade im Club-Bereich setzen sich die Besucher heftigen Lautstärken aus und nehmen Musik sehr intensiv wahr. Warum also nicht die heilsamen Bereiche des Frequenzspektrums gezielt nutzen?

"Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Leute, die gerne in 'ne Trance gehen wollen, durch Tanzen, dass die dabei unterstützt werden, dass es konstruktiv mit ihrem eigenen Körper in Resonanz geht und nicht Frequenzen benutzt werden, die unter Umständen sogar körperlich destruktiv wirken."


Lust bekommen? Hier hören Sie zwei Stunden lang auf den Mondbewegungen basierende Frequenzen:

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