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Studio 9 | Beitrag vom 12.03.2020

Abbiegeassistenten in LkwTechnik, die Leben rettet

Von Felicitas Boeselager

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Ein LKW in Wien, der mit einem Abbiegesystem – einer Kamera unter dem rechten Außenspiegel – ausgestattet ist. (picture alliance/dpa/APA/picturedesk.com/Hans Klaus Techt)
Ein Lkw in Wien, der mit einem Abbiegesystem – einer Kamera unter dem rechten Außenspiegel – ausgestattet ist. (picture alliance/dpa/APA/picturedesk.com/Hans Klaus Techt)

2017 starben 37 Menschen auf deutschen Straßen, weil sie von Lkw-Fahrern übersehen wurden. Dabei gibt es längst Abbiegeassistenten für Lkw, die das Leben für die anderen Verkehrsteilnehmer sicherer machen. Bisher ist die Technik aber nicht vorgeschrieben.

"Wieso piept der jetzt nicht? Das sollte so nicht passieren."

LKW-Fahrer Denny Jarosch schaut verärgert auf den Monitor seines Navigationssystems. Eigentlich müsste es hier blinken und ein Piepton ihn vor dem Fahrradfahrer auf seiner rechten Seite warnen.

"Eigentlich ist er sehr zuverlässig."

Beim ersten Versuch streikt der Assistent

Jarosch fährt für die Bremer Firma Hansewasser, in seinem LKW ist seit rund einem halben Jahr ein Abbiegeassistent verbaut. An diesem Tag führt er ihn gemeinsam mit einem Kollegen auf dem Parkplatz der Firma vor - und ausgerechnet beim ersten Versuch streikt der Assistent.

In seinem Führerhaus sitzt Jarosch hoch über der Straße, mehrere riesige Spiegel sind an den Seiten befestigt, es sieht so aus, als müsse er hier einen guten Überblick haben, wäre da nicht …

"... der tote Winkel, da passt ein ganzes Auto, oder eine größere Gruppe von Menschen rein."

Seit 14 Jahren fährt Jarosch Lkw, erst als Fernfahrer, inzwischen ist er meistens im Stadtverkehr unterwegs.

"Und da sind halt einfach diese Verkehrseinflüsse jetzt auch mit diesen E-Scootern, die kommen aus der Ecke geschossen, oder Fahrradfahrer, die kommen manchmal so schnell vorgefahren, das kriegt man manchmal gar nicht mit. Und wenn wir irgendwo gegen fahren, dann geht es für den anderen selten gut aus und das wollen wir nicht."

Mahnwache für eine getötete Fußgängerin in Berlin im Sommer 2018. Auf einer Kreuzung sitzen Menschen mit Blumen und Plakaten. (imago images/Christian Mang)Mahnwache für eine getötete Fußgängerin in Berlin im Sommer 2018. (imago images/Christian Mang)
Besonders gefährlich sind Situationen, in denen ein Lkw rechts abbiegen will und ein Fahrradfahrer oder Fußgänger im toten Winkel steht. 37 Menschen sind in Deutschland im Jahr 2017 gestorben, weil ein Lkw-Fahrer sie schlicht nicht gesehen hat.

Um diesen toten Winkel einsehbar zu machen, gibt es sogenannte Abbiegeassistenten.

"Wenn ich jetzt den Blinker rechts setze, dann schaltet sich das hier um, sodass ich den ganzen Bereich dargestellt bekomme. Und sobald sich jemand in diesen Bereich begibt und sich bewegt, gibt es akustisches Signal."

Das heißt es piept und …

"... wenn was piept, dann ist irgendwas nicht richtig."

Neues EU-Gesetz gilt ab 2022

Hansewasser hat seinen Fuhrpark im Januar komplett umgerüstet, das hat pro LKW 1000 Euro gekostet, insgesamt 22.000 Euro. Pressesprecher Oliver Ladeur versteht nicht, warum es um Abbiegeassistenten überhaupt eine Diskussion gibt:

"Es geht um die Sicherheit, es geht um Menschenleben und auch um die Sicherheit unserer Mitarbeiter, denn ein Mitarbeiter ist hinterher auch krank, der wird ja seines Lebens nicht mehr froh."

Ab 2022 müssen alle neu zugelassenen Lkws mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet sein, das ist ein EU-Gesetz. Schon jetzt gibt es Fördertopfe vom Bund, um bereits zugelassene Lkw nachzurüsten, die reichen aber nicht aus, sagt Andreas Hölzel vom ADAC:

"Damit auch die Bestandsfahrzeuge, die jetzt im Verkehr befindlichen Fahrzeuge, auch mit solchen Systemen ausgestattet werden, das wäre schon sehr, sehr wichtig."

Abbiegesysteme mit unterschiedlichen Funktionen

Die Abbiegeassistenten, die bisher auf dem Markt sind, funktionieren ganz unterschiedlich. Manche haben nur Kameras verbaut, andere haben zusätzlich Radarsensoren, oder benutzen Infrarot. Wichtig sei vor allem, dass sie zuverlässig sind und möglichst wenig Fehlwarnungen produzieren, sagt Hölzel:

"Das heißt, er darf jetzt nicht ohne eine konkrete Gefährdung auslösen, denn sonst nimmt die Akzeptanz des Assistenzsystems beim Fahrer ab. Aber je nach Konzept, soll er einfach den Fahrer warnen, informieren, oder im Idealfall dann auch das Fahrzeug stoppen."

Abbiegeassistenten, die gleichzeitig auch eine Notbremsung machen, sind aber noch nicht serienreif.

Jarosch probiert es nochmal, wieder fährt sein Kollege mit dem Fahrrad in den toten Winkel.

"So, jetzt sehen wir den Kollegen in diesem Bereich, jetzt steht er natürlich, jetzt hört es auf, aber sobald er in den Bereich kommt, hören wir das akustische Signal."

Beim zweiten Versuch hat es dann doch geklappt und beim dritten auch. Fehlalarme, wie Hölzel sie beschrieben hat, hatte Jarosch noch keine. Er ist sehr zufrieden mit dem System und fühlt sich sicherer.

"Ich bin 14 Jahre unfallfrei und das soll auch so bleiben, toi, toi, toi."

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