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Kalenderblatt | Beitrag vom 27.08.2018

85 Jahre "Moorsoldaten"Ein Lied aus dem KZ geht um die Welt

Von Regina Kusch

Der Intendant des Deutschen Theaters in Berlin (DDR) und Nationalpreisträger Wolfgang Langhoff.  (picture-alliance / dpa)
Wolfgang Langhoff, späterer Indendant des Deutschen Theaters in Berlin (DDR), schrieb als KZ-Häftling mit Johann Esser den Text der "Moorsoldaten". (picture-alliance / dpa)

Mit dem "Moorsoldatenlied" wollten die Häftlinge des KZ Börgermoor protestieren – gegen die unmenschliche Behandlung durch die SS-Aufseher. Am 27. August 1933 im KZ uraufgeführt, erreichte es eine ungeahnte Popularität - auch bei den Soldaten.

"Die drei gleichlautenden Töne im ersten Takt sind bewusst monoton gehalten, um dieses schwere Los, den Marschschritt der Kolonnen im Moor zu versinnbildlichen."

Rudi Goguel komponierte das Lied "Die Moorsoldaten" im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg. Nach der Machtergreifung 1933 hatten ihn die Nationalsozialisten in "Schutzhaft" genommen, weil er Kommunist und damit Staatsfeind war.

"Das Lied entstand als bewusster Protestsong der Widerstandskämpfer gegen die Unterdrücker, um unsere höhere Moral gegenüber der Bestialität der SS öffentlich zu demonstrieren."

Mit Gesang gegen Unterdrückung

Die Strafgefangenen des Emsland-Lagers Börgermoor wurden als billige Arbeitskräfte bei der Kultivierung der Moore eingesetzt. Bewacht von SS-Aufsehern, waren sie brutalen Schikanen ausgeliefert. Nach der sogenannten Nacht der langen Latten, einer Prügelorgie der Lager-SS, bei der zahlreiche Häftlinge schwer verletzt wurden, beschloss eine Gruppe Gefangener um den Schauspieler und Theater-Regisseur Wolfgang Langhoff, mit einer kulturellen Veranstaltung ein Zeichen gegen die Verrohung im Lager zu setzen. Langhoff hatte gemeinsam mit seinem Mithäftling Johann Esser einen Text geschrieben, den Rudi Goguel vertonen sollte.

"Meine Kameraden erreichten, dass ich für drei Tage mit einer simulierten Verletzung in das Revier eingeliefert wurde, und dort habe ich nächtlich auf eingeschmuggeltem Papier dann einen vierstimmigen Satz geschrieben, der illegal im Waschraum einer Baracke einstudiert wurde."

"Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm."

Am 27. August 1933 fand der Lager-Theaterabend "Zirkus Konzentrazani" statt - mit Akrobatik, Kabarett und komischen Balletteinlagen. Zum Schluss trat ein 40-köpfiger Männerchor in die Manege, der mit dem "Moorsoldatenlied" endete, erinnerte sich Wolfgang Langhoff in seinem 1935 erschienen Roman "Die Moorsoldaten".

"Ich sah den Kommandanten. Er saß da, den Kopf nach unten und scharrte mit dem Fuß im Sand. Die SS still und unbeweglich. Ich sah die Kameraden. Viele weinten."

"Auf und nieder gehen die Posten,
Keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten,
Vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor"

"Kaum waren wir in der Baracke, stürzten ein paar SS-Männer herein. 'Jungens! … Das war wunderbar!' … Ein SS-Mann nahm mich beiseite und sagte: 'Das brauchen die anderen nicht zu wissen, aber kannst du mir das Lied mal aufschreiben? … Ich hab nämlich ein Mädel daheim, der will ich es schicken.'"

Große Beliebtheit trotz Verbot

Obwohl das Lied bereits zwei Tage nach seiner Uraufführung von der Lagerkommandantur verboten wurde, stimmten die Häftlinge es immer wieder auf den langen Märschen ins Moor an, weil SS-Wachleute es hören wollten. Bald schon wurde es auch in anderen Lagern des NS-Regimes gesungen. 1935 überarbeitete Hanns Eisler die Melodie für den Sänger Ernst Busch. Der kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco und verbreitete das Lied über die Grenzen Europas hinaus.  

"Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.
Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!"

Adaption durch die Friedensbewegung

In den Liederbüchern der westdeutschen Friedensbewegung der 80er-Jahre ist das "Moorsoldatenlied" ebenso zu finden wie im Kanon der Arbeiterlieder. Folksänger wie Hannes Wader oder Pete Seeger nahmen es in ihr Repertoire auf. Es gibt Jazz- und sogar Punk-Fassungen. Weltweit existieren heute mindestens 500 Versionen.  

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