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Studio 9 | Beitrag vom 03.04.2019

81-jährige DJ Wika"Wenn die Leute tanzen, ist das ein schönes Gefühl"

Von Martin Adam

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Polens älteste DJane: Wika Szmyt (81) in einem Warschauer Club (imago / Jaap Arriens)
Einmal die Woche legt Wirginia Szmyt als DJ Wika in Warschau Platten auf. (imago / Jaap Arriens)

Wirginia Szmyt arbeitete früher mit straffälligen Jugendlichen. Auf Rente hatte sie keine Lust, also schloss die Warschauerin einen zweiten Beruf als DJane an. Auch mit 81 Jahren legt sie in polnischen Clubs auf.

Ein Wochentag, 17 Uhr, das Warschauer "Hula Kula" ist gut gefüllt, und DJ Wika dreht die Platten. Das Publikum vor ihr, ihre Fans, sind um die 60 - und damit aus Sicht der DJ fast jugendlich. Denn DJ Wika ist 81 Jahre alt.

"Sonst sind hier über 1.000 Menschen auf dem Parkett, heute vielleicht so 500. Wir sind gerade in der Fastenzeit, und nicht alle wollen da tanzen. Dann sage ich halt, die Leute kommen zum 'Training'."

"Eine Brille, hier ist ein Brille. Hat die jemand verloren?", fragt sie ins Publikum und legt schon den nächsten Song auf. Gestern habe sie in Krakau gespielt, bis spät nachts, heute hier, erzählt sie und lädt für den nächsten Morgen in ihre kleine Plattenbauwohnung zum Tee.

Im ersten Berufsleben Sonderpädagogin

Zu Hause heißt DJ Wika Wirginia Szmyt. In ihrem Wohnzimmer hängen bunte Fotos von ihr als DJ neben kitschigen Landschaftsmalereien. Vor dem Turntable, auf dem Boden, hat sich eine dicke Katze zum Schlafen eingerollt. Wika erzählt, sie habe immer schon Musik geliebt, aber als sie jung war, in Vilnius, war dafür keine Zeit.

"Es war Krieg, wir mussten fliehen. Wir waren ohne zu Hause, arm und barfüßig. Verdammt, wir hätten nach Amerika gehen können, aber wir sind nach Polen gekommen. Musik studieren konnte ich in der Zeit nicht, deswegen habe ich einen anderen Beruf gewählt."

Also ist Wika Sonderpädagogin geworden und hat bis zur Rente mit straffällig gewordenen Jugendlichen gearbeitet. Das habe sie jung gehalten und als die Rente kam, hatte Wika keine Lust auf Alterssitz.

"Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das das Ende ist und die Rente nur Kleingärtchen, Bänkchen, Rosenkranz und Kirche bedeutet. Das war total daneben. Also habe ich angefangen, mich um Senioren zu kümmern. Heute ist das anders, aber die ersten Seniorenclubs in den 90er-Jahren, da war keine Sonne, keine großen Fenster. Stattdessen hat man uns den Keller gegeben, wahrscheinlich um schon näher an der Erde, am Grab zu sein."

Sie legt in Europas Metropolen auf

Wika lacht. Einmal habe sie einen DJ eingeladen, damit ihre Senioren tanzen können. Dem habe sie so zugeschaut und sich gedacht: "Das kann ich auch." 25 Jahre ist das her, seitdem legt sie einmal pro Woche auf - mindestens.

"Ich habe auch schon in Moskau, London und Budapest gespielt, jetzt habe ich eine Einladung nach Prag. Ich habe auch schon mal vor 10.000 Menschen aufgelegt und war unglaublich nervös. Aber wenn ich anfange und die Leute tanzen, dann ist das ein schönes Gefühl. Das sind alles Glücksmomente, für die man hart arbeiten muss."

So lange es geht, will sie weitermachen. Aber jetzt tun ihr erst mal die Füße weh, von der Party gestern. Überhaupt, sagt sie, müsse sie mal ein bisschen langsamer machen - mit 81. Und ein bisschen Zeit braucht sie auch für ihre vier Enkel. Denn nebenberuflich ist DJ Wika: Oma.

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