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Tonart | Beitrag vom 09.10.2020

80 Jahre John LennonDer Trouble-Beatle

Von Klaus Walter

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John Lennon-Graffito mit Atemschutz auf einer Weltkarte mit "All you need is love"-Sprüchen (imago images / Cover-Images)
Schon immer den Spagat zwischen Mainstream und Eigensinn geschafft: John Lennon, hier auf einem Graffito in Prag. (imago images / Cover-Images)

Am 9. Oktober wäre John Lennon 80 Jahre alt geworden. Der Beatles-Sänger trug ab Mitte der 60er zum Imagewechsel der Band bei: Die Songs wurden nachdenklicher und auch privater - bis das lyrische Ich kaum noch von der Person Lennon zu trennen war.

John Lennon ruft um Hilfe, die Beatles 1965, "Help". Der Text ist ein Downer, die Musik spricht eine andere Sprache. Super catchy, euphorisierend, optimistisch. John Lennon blickt zurück im Zweifel. Er spielt in der größten Band des Planeten, aber es fehlt ihm an Selbstbewusstsein, sagt er. Und klingt dabei wie der Muhammad Ali des Pop.

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John Lennon fleht um Hilfe und verbreitet damit allerbeste Laune. Ein Fall von kognitiver Dissonanz? "Help" ist der Titelsong des gleichnamigen Spielfilms, eine turbulente Komödie mit Slapstick-Humor. Ein Fall von Text-Bild-Schere. Nicht der Einzige bei John Lennon 1965.

Noch eine traurige Geschichte zu einer ansteckenden Beatlesmelodie: "You've Got to Hide Your Love Away". Der da seine Liebe verstecken muss, ist keine "sie", auch wenn Lennon von einer "she" singt. Es geht um Brian Epstein, den Manager der Beatles, und seine verbotene, versteckte Liebe zu: John Lennon. Eine schwule Liebesaffäre bei den Fab Four? Mitte der Sechziger? Ein Unding!

Grübler und Infragesteller

John Lennon ist noch keine 25, als er "In My Life" aufnimmt, die melancholische Lebensbilanz eines Frühreifen und Frühreflektierten, wieder zu einer unwiderstehlichen Beatlesmelodie. Drumherum tobt die Beatlemania, die vier Typen aus Liverpool sind das größte Pop-Phänomen der Swinging Sixties, und zwischen Exzess und Massenhysterie gibt Lennon den Zweifler, den Grübler, den (In)Fragesteller.

Den Trouble-Beatle.

Das Private ist politisch, heißt es in der 68er-Revolte. Bei Lennon gilt: Das Private ist popistisch. Er riskiert erste Schritte heraus aus dem Corporate Image der Band.

Wenn er 1965 "ich" sagt, in erster Person Singular, dann ist dieses Ich meilenweit entfernt von dem Ich aus "From Me to You" oder "She Loves You (yeah yeah yeah)". Mitte der Sechziger nutzt Lennon den Erfolg der Beatles, um die engen Konventionen der Pop-Sprechhaltungen hinter sich zu lassen. Lennon redet von singulären, privaten Ich-Problemen, ohne das Beatlemania-Wir zu torpedieren oder zu verraten.

Lennon auf kaltem Entzug

Bald lernt er Yoko Ono kennen, die ihn in seiner Emanzipation bestärkt. Und bald wird die Band zu klein für vier große Egos. Nach der Trennung der Beatles geht Lennon weiter auf dem Weg vom Wir zum Ich. Das lyrische Ich aus dem Song ist vom Lennon-Ich aus dem richtigen Leben kaum noch zu trennen, wenn der Junkie Lennon in "Cold Turkey" seinen kalten Entzug besingt.

Lyrisches Ich und reales Ich verschwimmen, wenn Lennon in "Mother" von seiner Mutter singt, die ihn früh im Stich gelassen hat. Mit den Beatles hat John Lennon die Sprechmöglichkeiten des Pop-Subjekts entscheidend erweitert. Allerdings trägt er damit auch eine Mitschuld an der epidemischen Verbreitung des sogenannten Singer-Songwriter-Wesens. Bei dem ist die eigene Person immer die erste Person und der Blick auf die Welt endet nicht selten am eigenen Nabel.

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