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Studio 9 | Beitrag vom 31.05.2015

70 Jahre FassbinderEin arbeitswütiger Autodidakt

Von Bernd Sobolla

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Der Regisseur, Produzent, Autor und Schauspieler Rainer Werner Fassbinder am 16.01.1981 in Berlin beim Galaempfang anlässlich der Uraufführung seines Films "Lili Marleen". Er wurde am 31.05.1945 in Bad Wörishofen geboren und starb am 10.06.1982 in München. (picture-alliance / dpa / Istvan Bajzat)
Rainer Werner Fassbinder beim Galaempfang anlässlich der Uraufführung seines Films "Lili Marleen" im Jahr 1981. (picture-alliance / dpa / Istvan Bajzat)

Über 40 Filme in 18 Jahren: Mit Arbeitswut und einer künstlerischen Ersatzfamilie baute Rainer Werner Fassbinder eine Art deutsches Hollywoodstudio auf – bis er 1982 starb. Heute wäre der gnadenlose Kritiker gesellschaftlicher Defizite 70 Jahre alt geworden.

"Ich wusste, ich werde Filme machen. Das wusste ich, seit ich zwölf war. Das war alles für mich nur eine Frage der Zeit. Habe da und da gespielt, habe das und das geschrieben, zwei Jahre auf der Schauspielschule. Und das, was mir am besten gefiel, auch weil ich davon am wenigsten wusste, also von der Herstellung – war Film."

Bereits als kleiner Junge sieht Rainer Werner Fassbinder hunderte Filme, weil ihn sein Schwiegervater loswerden will und mit ein paar Mark ins Kino abspeist. Die Lehrer stufen ihn als "schwer erziehbar" ein, mit 16 bricht er die Schule ab, schreibt erste Theaterstücke, Gedichte und Kurzgeschichten. Ein Autodidakt von der ersten Stunde an, einer, der sich nie unterkriegen lässt. Auch wenn ihn die Filmhochschule in Berlin zweimal ablehnt.

Umweg über das Action-Theater

Fassbinder schlägt den "Umweg" übers Münchener Action-Theater ein, das bald zum Anti-Theater wird, wo er Peer Raben als Regisseur ablöst und noch etwas unbeholfen sein Selbstverständnis als Regisseur ausdrückt:

TV-Moderatorin: "Also gegen das Theater überhaupt?"

Fassbinder: "Ne, ne, anti mehrere Dinge."

TV-Moderatorin: "Gegen welche Dinge?"

Fassbinder: "Och, gegen den Staat, gegen Gewalt, gegen Krieg."

In den zwei Jahren zwischen 1967 und 1968 schreibt und inszeniert Fassbinder fünfzehn Stücke, lernt, wie man Geschichten erzählt und mit Schauspielern arbeitet. 1969 dreht er mit dem Ensemble des Anti-Theaters "Liebe ist kälter als der Tod", seinen ersten Spielfilm, ein Gangsterfilm in der Münchener Zuhälterszene mit Referenzen an die Filmgeschichte.

"Haben Sie Stahlbrillen? / Ich weiß nicht. ... Wissen Sie, ich suche so eine runde Brille, wie sie der Polizist in 'Psycho' anhatte. Also der, der zum Auto von Janet Lee gekommen ist. Verstehen Sie?"

Auf der Berlinale fällt der Film durch.

Rückschläge halten ihn nicht auf

Doch Fassbinder hat keine Zeit, sich von solchen Rückschlägen beeindrucken zu lassen. Er treibt die Schauspieler an, manipuliert sie, gleicht einem brodelnden Vulkan, der alle, die ihn umgeben, fasziniert – auch wenn sich einige dabei verbrennen. Mit seinem nächsten Film "Katzelmacher" gewinnen er und sein Team den Deutschen Filmpreis in fünf Kategorien. Im nächsten Jahr, 1970, dreht er dann unglaubliche sieben Filme. Wobei er sich thematisch meist den kleinen Leuten widmet, die, arm an Liebe, um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen und gegen die Dynamik der sie umgebenden Gruppen meist verlieren.

Wobei Hanna Schygulla, die viele Hauptrollen spielt, meint:

"Vielleicht hätte er ja Liebesfilme drehen wollen. Wenn er nur diese Grunderfahrung gehabt hätte."

Rainer Werner Fassbinder ist bisexuell und kennt die Gefühle seiner Protagonisten. Als sich in "Angst essen Seele auf", die Putzfrau Emmi, gespielt von Brigitte Mira, in den deutlich jüngeren Marokkaner Ali verliebt, gerät sie noch weiter ins gesellschaftliche Abseits.

"Ich habe geheiratet. Komm rein! So, das ist mein Mann. Eledi Ben Salehm Mbarek Muhammad Mustafa. Ich nenne ihn Ali. / Mama! / Klirr! / Komm, Eugen! Hier bleiben wir nicht länger. In diesem Schweinestatt."

"Berlin Alexanderplatz" und Wirtschaftswunder-Trilogie

Mit der 14-teiligen Verfilmung von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" widmet sich Fassbinder dem aufkeimendem Nationalismus in der Weimarer Republik. Wobei Franz Biberkopf, genial von Günter Lamprecht interpretiert, dabei scheitert, ein anständiger Bürger zu werden. Und schließlich folgt Fassbinders Trilogie über die Zeit des Wirtschaftswunders, die er zwischen 1978 und 1982 dreht: "Die Ehe der Maria Braun", "Lola" und "Die Sehnsucht der Veronika Voss". Filme, in denen er die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft schildert, die die Schuld an Weltkrieg und Judenvernichtung verdrängt und mittels Korruption und Vetternwirtschaft wieder skrupellos Geschäfte macht.

In 18 Jahren dreht Fassbinder über 40 Filme. Das liegt an seiner Arbeitswut, aber auch an seinem Management. Denn die angebliche chaotische Ersatzfamilie, die er um sich aufgebaut hat, ist eine Art deutsches Hollywoodstudio: Fast alle Schauspieler sind immer verfügbar, jeder Mitarbeiter multifunktional einsetzbar; und im Zentrum steht der Mann, der die gesellschaftlichen Defizite gnadenlos zeigt und in die Luft jagt.

"Aus, aus, aus! Das Spiel ist aus."

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Lange Nacht, 30.05.2015)

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