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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.04.2014

70. GeburtstagEine Buttercremetorte und die Wirkung von Literatur

Der Schriftsteller Christoph Hein über Schreiben und politisches Engagement

Moderation: Liane von Billerbeck

Porträtfoto von Christoph Hein (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
Der Schriftsteller Christoph Hein (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)

Sein Beruf sei "ein Beschreiben der Dinge, die ich gesehen, gehört, erfahren habe", sagt Christoph Hein, der heute 70 Jahre alt wird. Wohl mit ein Grund, warum ihm in der DDR die Zensur zusetzte. Doch er schlug ihr immer wieder Schnippchen und bezeichnete den Eingriff in literarische Texte sogar in einer öffentlichen Rede als "volksfeindlich".

Liane von Billerbeck: "Der Fremde Freund", "Landnahme", "Der Tangospieler", "Horns Ende", "In seiner frühen Kindheit ein Garten", "Frau Paula Trousseau", "Weiskerns Nachlass" – allesamt Romane von Christoph Hein. Am 8. April 1944 im schlesischen Heinzendorf geboren, kann er heute seinen 70. Geburtstag feiern. Wir hatten ihn gestern hier im Studio und gratulieren ihm heute, weil man das ja, abergläubisch wie wir manchmal auch sind, nicht vorher tun soll. Christoph Hein, herzlich Willkommen!

Christoph Hein: Ich grüße Sie!

von Billerbeck: Sie kommen aus dem berühmten evangelischen Pfarrhaus. Dieses Schicksal teilen Sie ja mit einigen Kollegen. Was hat Ihnen diese Herkunft gebracht?

Hein: Vielleicht eine frühe Hinführung zur Schrift, zum Geschriebenen, zum Wort, das ist der Beruf des Vaters und irgendwie begreift man da etwas von der Macht und Allmacht des Wortes und vielleicht hat es damit zu tun. Es gibt ein Essay von dem englischen Poeten und Essayisten T. S. Elliot, der mal gesagt hat: Die ganze deutsche Literatur wurde von Juden und Pfarrerskindern gemacht. Vielleicht hat es damit zu tun.

von Billerbeck: Das Pfarrhaus hatte aber auch weiterhin eine Bedeutung, allerdings nicht im positiven Sinne. Es hat Ihre Biografie ja schon ziemlich heftig beeinflusst, weil sie eben kein Arbeiterkind waren, sondern ein Pfarrerskind.

Hein: Nicht Arbeiterkind, das wäre ja noch gegangen, aber Pfarrerssohn zu sein, war etwas schwierig. Mir wurde sehr schnell mitgeteilt, dass ich da eigentlich nicht gebraucht werde, und mit 13 Jahren erfuhr ich, dass ich keinesfalls auf eine Oberschule der DDR kommen darf. Und dann war halt die Folge, dass ich dann aus dieser sächsischen Kleinstadt, in der ich lebte, abgehauen bin nach Westberlin. Und hätte dann eben dort mein Abitur gemacht und studiert und so weiter – als Abgehauener hätte man natürlich auch mit dem West-Abitur im Osten keine Chancen gehabt –, da passierte es, dass ich in den Ferien, in denen ich meist zu meinen Eltern illegalerweise fuhr, durch den 13. August 61 geschnappt wurde. Ich war in Dresden, wachte auf, hörte Radio und wusste: Der Griechischunterricht ist vorbei. Und dann gab es halt eine längere Zeit der Bestrafung und das dauerte lange dann. Ich habe mehrere Jahre in verschiedenen Berufen gearbeitet. Es dauerte, ehe ich überhaupt auf der Abendschule das Abitur machen durfte, auch da wurde ich exmatrikuliert im ersten Jahr. Wahrscheinlich durch das Elternhaus hatte ich den Köhlerglauben, ich müsse studieren. Ich hätte natürlich auch das Schreiben und den Beruf eines Schriftstellers ohne das Studium machen können, aber man war so vom Haus aus trainiert, irgendwie Abitur und Studium gehört zum richtigen Menschen dazu. Man kommt aus der Herkunft nicht raus.

von Billerbeck: Sie haben Logik studiert, das spürt man irgendwie auch in den Texten, das ist ja eine eher nüchterne Sprache ohne Kitsch, also es ist eine Literatur, aber ohne Pathos. Könnte man sagen, Sie sind so was wie in Bachs Passionen der Evangelist, also eine Art Chronist der Gegenwart?

Hein: Ich verstehe schon meinen Beruf oder den des Autoren oder wie ich diesen Beruf auffasse als ein Beschreiben der Dinge, die ich gesehen, gehört, erfahren habe. Die Dinge, die für mich von Wichtigkeit sind, schön oder hässlich, ärgernd oder existenziell, die möchte ich schon so auf das Papier bringen und in einer ästhetischen Form, als Roman oder Stück, so beschreiben, dass ich da etwas von mir auch wiederentdecken kann. Und wenn ich das Gefühl habe, dass mit dem Text etwas von dem ausgedrückt ist, was ich beschreiben wollte, dann bin ich auch bereit, den Text herauszugeben, andernfalls keinesfalls, und da kann mich kein anderer auch da überreden.

"Ein Husarenstreich, für den ich ihn sehr bewundere"

von Billerbeck: Die deutsche Literatur in der DDR, die Sie mitgeprägt haben, die hat ja stets Aufgaben übernommen, die die Presse, also wir Journalisten, nicht erfüllt haben. Als Schriftsteller in der DDR, der davon erzählt, wie es ist, haben Sie es immer mit der Zensur zu tun bekommen. Ihr Roman "Horns Ende", der ist 1985 ohne Genehmigung erschienen. Wie war das möglich?

Hein: Der Roman macht … Aus irgendeinem Grund war der besonders ärgerlich für die Zensur und der Verleger Faber versuchte immer wieder, den Roman herauszubekommen, ein grünes Licht zu bekommen. Ich bat dann den Westverlag Luchterhand, mit der Westausgabe noch zu warten, die waren auch schon fertig, weil es eine enorme Provokation für die DDR-Regierung gewesen wäre, wenn der Roman im Westen erschienen wäre, bevor er im Osten gekommen ist. Das hieße, er würde im Osten nie kommen. Luchterhand ließ sich auch freundlicherweise darauf ein. Bei einer Buchmesse, wo ich mit dem Verleger hingefahren war, las ich dann aus einem älteren Buch etwas vor und dann kam ein Herr auf mich zu und sagte, wenn ich ihm das Exemplar des Buches, aus dem ich gerade gelesen habe, mit einer Widmung gebe, dann würde er mir "Horns Ende" geben. Da habe ich gesagt, wie soll denn das gehen? Na, sagt er, machen Sie es doch! Und dann habe ich es gemacht, und dann gab er mir den vollständigen Roman "Horns Ende" in einem falschen Cover, in einem Karl-May-Cover.

Der Verleger Faber stand neben mir und war ganz fiebrig, wollte auch so ein Exemplar haben und erklärte mir, es kann nur in der Druckerei gewesen sein, dass einer der Drucker, der das für sich privat haben wollte, dieses falsche Cover und den fertig ausgedruckten Satz von "Horns Ende" zusammengefügt hat, auf die Knöpfe gedrückt hat, um ein Exemplar für sich zu drucken - wobei natürlich, wenn auf die Knöpfe gedrückt wird, gleich ein paar 100 oder so entstehen. Faber freute sich richtig. Ich hatte einen Riesenbammel, weil ich wusste: Wenn das bekannt wird, wenn die "FAZ" zum Beispiel darüber eine wunderbare Glosse schreibt, würde das die DDR unheimlich kränken, weil in der Nazizeit hat die kommunistische Partei mit diesen falschen Covern ihre Parteischriften verbreitet. Und wenn das nun gegen sie verwandt wird – das wäre das Ende für den Roman. Ich hatte dann Glück: Es wurde eigentlich nicht bekannt, die Geschichte.

Und ein halbes Jahr später dann, '85 schon, hatte Faber die Faxen dicke. Er war wochenlang, monatelang da immer wieder zur Zensurbehörde gezogen, bis zu Kurt Hager, um da grünes Licht zu bekommen, und hat es nie bekommen. Und dann hat er eines Tages ohne mich zu informieren in der Druckerei angerufen und denen gesagt, er habe grünes Licht. Die Druckereileute hatten natürlich keinen Grund, diese Aussage zu bezweifeln oder nachzufragen. Sie druckten aus, das Buch wurde ausgeliefert, es war in zwei Tagen vergriffen, ehe das ganz hohe Haus davon erfahren hatte, war also die Auflage unter den Leuten – und dann ging es natürlich um Fabers Kopf, ob er dann noch als Verlagsleiter tragbar ist und so weiter. Insofern ist "Horns Ende" das meines Wissens einzige Buch, was ohne Druckgenehmigung und gegen die Entscheidung der Zensurbehörde erschienen ist, und das verdanke ich diesem Verleger Elmar Faber, das hat er auf seinen Kopf genommen. Es war ein Husarenstreich, für den ich ihn sehr bewundere.

von Billerbeck: Die Zensur war ja allgegenwärtig, auch wenn sie ja meist nicht so genannt wurde. Berühmt geworden ist eine Rede, die Sie auf dem 10. Schriftstellerkongress der DDR gehalten haben, 1987. Zitat: "Die Zensur ist volksfeindlich, sie ist ein Vergehen an der so oft genannten und gerühmten Weisheit des Volkes. Die Leser unserer Bücher sind souverän genug, selbst urteilen zu können. Die Zensur ist ungesetzlich, denn sie ist verfassungswidrig, und die Zensur ist strafbar, denn sie schädigt in hohem Maße das Ansehen der DDR und kommt einer öffentlichen Herabwürdigung gleich."

Das waren jetzt nur Ausschnitte aus dieser Rede. Auch solche Reden mussten bekanntlich vorher eingereicht werden und sie unterlagen auch der Zensur. Wie haben Sie es geschafft, das zu umgehen?

Hein: Ja, ich wusste natürlich, was passieren würde, wenn ich das einreiche. Also ein halbes Jahr vor dem Kongress bekam ich die Anfrage, ob ich da eins dieser Hauptreferate halten würde. Ich sagte ja. Irgendwann dämmerte es den Schriftstellerverbandschefs, dass das vielleicht doch nicht so ein guter Einfall von Ihnen war und sie wollten die Rede haben, so vier Wochen vorher, mit der Begründung, sie brauchen sie für die Übersetzer. Die Rede war 30 Seiten lang. Ich besaß zu der Zeit schon einen Computer. Und da habe ich in einer Nacht dann alle bösen, schlimmen Worte gestrichen und aus den 30 Seiten habe ich ein sinnloses Konglomerat von 10 Seiten gemacht, habe das eingereicht, behauptet, das sei meine Rede, vom Verband riefen die mich entsetzt an, was das denn solle, das ist ja gar nicht lesbar, da sage ich, ja, das ist mein Konzept, ich lese nach Konzept, und dann konnten sie eigentlich nichts machen.

Dort hatte ich sie reingelegt. Ich habe die Rede nicht vorher abgegeben, ich konnte sprechen. Nun hatte ich allerdings die andere Schwierigkeit: Ich hatte eine Redezeit von 15 Minuten, 20 Minuten, aber meine Rede war eine Stunde lang, und da ich wusste, jederzeit kann man mich aus rein formalen Gründen unterbrechen. Um das zu verhindern, war mir klar, so nach fünf bis zehn Minuten musste die Rede doch so spannend sein, dass die Kollegen heftigst protestieren würden, wenn ich da unterbrochen werde, sodass ich also auch das beim Aufbau der Rede mit zu beachten hatte. Und danach konnte ich dann eine Stunde lang ungestört diese Rede halten.

"Nicht Strukturen schaffen, von denen wir wieder abhängig sind"

von Billerbeck: Eine zweite Rede ist vielen in Erinnerung, die am 4. November 1989 vor Hunderttausenden auf dem Berliner Alexanderplatz, auf der Sie vorgeschlagen haben, Leipzig, die Stadt der Montagsdemos, den Titel "Helden der Stadt Leipzig", den Titel "Heldenstadt der DDR" zu verleihen. Sie haben aber auch vor zu viel Euphorie, vor zu viel eigener Begeisterung gewarnt nach den Demonstrationen. Und das klang für einige so ein bisschen nach Spielverderber. Warum war das für Sie so wichtig, zu warnen?

Hein: Ich hatte gewarnt, dass wir nicht Strukturen schaffen, von denen wir wieder abhängig sind und denen wir unterworfen sind, gegen die wir uns nicht wehren können - wie es offenbar der Regierung zuvor, die ja mal irgendwie mit etwas Hoffnungen oder mit Utopien angefangen hatte und im Grunde in so einem grauen Zwangskorsett endete -, dass uns das nicht passiert, dass wir nicht wieder ausgeliefert werden. Ich weiß, in der Euphorie waren solche mahnenden Worte nicht erwünscht, aber wir sehen ja wieder, wie stark wir in den Strukturen stecken. Wir alle, inklusive der Regierung, können uns gegen die Banken nicht wehren, wir sind dem allen unterworfen, das sind wieder die sogenannten Sachzwänge, denen wir zu folgen haben, eine fürchterliche Abhängigkeit von diesen Strukturen, die wir mal im besten Wissen und Gewissen geschaffen haben.

von Billerbeck: Sie haben auch im Dezember 2013 ein Papier mit unterzeichnet, diese weltweite Schriftstellerinitiative gegen Überwachung, die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter, die Aushebelung der Demokratie durch flächendeckende Überwachung aller Lebensbereiche. Sie haben Reden gehalten und Bücher geschrieben gegen die Zensur. Wie schätzen Sie die Wirkung solcher Initiativen ein?

Hein: Ach, das hat mal … Ein alter Freund von mir ist der Kurt Vonnegut, der Leiter leider auch schon tot ist, der war mal Präsident des internationalen PEN und der wurde mal gefragt nach der Wirkung von Literatur. Seine Antwort würde ich dann an der Stelle gern zitieren, er sagte: "Stellen Sie sich eine Buttercremetorte vor von einem Meter Durchmesser, die Sie aus einer Höhe von einem Meter auf die Erde fallen lassen." So etwa sei die Wirkung von Literatur.

von Billerbeck: Christoph Hein, heute wird er 70, war bei uns zu Gast. Man könnte ja noch zwei Stunden weiterreden – danke, dass Sie da waren!

Hein: Ich danke Ihnen, Frau von Billerbeck!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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