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Lesart | Beitrag vom 20.04.2020

50. Todestag von Paul CelanZum Märtyrer stilisiert

Andrea Gerk im Gespräch mit Helmut Böttiger

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Das undatierte s/w-Porträt aus den 1960er Jahren zeigt den Lyriker Paul Celan (1920-1970). Der deutschsprachige Künstler aus Rumänien wurde bekannt durch die 1952 erschienene Gedichtesammlung "Mohn und Gedächtnis".  (picture alliance / Richard Koll)
Paul Celan in einem Porträt aus den 60er Jahren. (picture alliance / Richard Koll)

Das Werk des Dichters Paul Celan ist vielfach missverstanden worden und nur vor dem Hintergrund seiner Biographie verständlich. Das zeigt eine neue literaturwissenschaftliche Studie, die der Kritiker Helmut Böttiger verfasst hat.

Als Paul Celan sich 1970 in der Seine ertränkte, war von seiner Biographie nichts bekannt. Hierin sieht der Literaturkritiker Helmut Böttiger die Haupt-Ursache für ein vielfaches Missverstehen des Werks von Paul Celan in Deutschland. "Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist" heißt Böttigers neues Buch, das nu aus Anlass des 50. Todestages von Paul Celan im Galiani Verlag erscheint.

In der Literaturwissenschaft habe man sich nach seinem Tod "mit allen möglichen Methoden, die sich als Mode-Diskurse abwechselten", über ihn "hergemacht", sagt Helmut Böttiger. Die weite Verbreitung von Celans Gedicht "Todesfuge" in Deutschland bis in die Schulbücher hinein erklärt Böttiger mit einer Funktionalisierung des Gedichts:

Symbolfigur und Märtyrer

"Mit der Todesfuge hat Celan das Gedicht geschrieben, das immer zitiert wurde als Symbol für die Massenvernichtung an den Juden in den Konzentrationslagern. Celan wurde da zu einer Art Symbolfigur, zu einem Märtyrer. Die Deutschen konnten dieses Gedicht lesen, und indem sie das Gedicht dann auch ergreifend und schön fanden, konnten sie sich von ihrer Schuld freisprechen. Man konnte dann die Vergangenheit bewältigen."

Helmut Böttiger betont die biographische Prägung von Celans Dichtung. Die Ermordung seiner Eltern, sein eigenes zufälliges Überleben, seine Selbstvorwürfe, die Eltern nicht gerettet zu haben - das seien die Erfahrungen, in denen die Dichtung von Celan verankert sei.

Zugleich sei der Dichter ästhetisch und kulturell im Wien der Jahrhundertwende und der Sprachtradition von Friedrich Hölderlin und Stephan George verwurzelt. "Celan stand für die entscheidende Barbarei im 20. Jahrhundert, indem er als überlebender Jude sprach. Die Zeitgeschichte ist bei ihm nicht wegzudenken. Dieses Überleben als Jude und dann ein deutschsprachiger Dichter in der Bundesrepublik sein zu wollen, das brachte ihn in Konflikt mit den literaturpolitischen Debatten der 1950er und 1960er Jahre." Dieser "Grundkonflikt" habe ihn bis zu seinem Lebensende beschäftigt.

Von den falschen Freunden vereinnahmt

Zugleich habe Celan sich als "Linker" bezeichnet. Er habe politisch mit der "Gruppe 47" sympathisiert, sei mit Heinrich Böll und Günther Grass befreundet gewesen. Sein Literaturbegriff aber war dem entgegengesetzt. "Mit Böll hat er sich zerstritten, weil er diese engagierte Literatur ablehnte. Und er wurde sehr bewundert und gefeiert von kulturkonservativen Kreisen, die durchaus vom Nationalsozialismus noch kontaminiert waren."

Celan sei von den Nachfahren der Stephan-George-Schule und den Heidegger-Schülern gefeiert worden, weil er "diesen deutschen, hohen Ton" weiterzutragen schien. "Er wurde von den falschen Freunden vereinnahmt, die alles negierten, was mit seiner jüdischen Herkunft zu tun hatte und seiner Thematik, dass er als ein überlebender Jude schrieb, das wurde von den Heidegger- und Stephan-George-Adepten ausgeklammert. Gleichzeitig hat er seine politischen Freunde verachtet wegen ihres Literaturbegriffs, die hat er als Zeitungsleser verspottet", sagt Böttiger.

Aufgrund seiner "in jeder Beziehung individuellen Biographie" konnte Celan keine Schüler haben, so Böttiger. "Man kann diesen Ton, der biographisch beglaubigt ist, nicht einfach kopieren." Heute allerdings knüpften die interessantesten Lyriker in gewisser Weise an ihn an: Thomas Kling und Marcel Bayer nähmen vor allem "die Klanglichkeit, den Formenreichtum, das Fragmentarische und Atonale aus Celans Dichtung auf und diesen sehr suggestiven Klang, den Celan immer radikaler vorantreibt bis in die späten Gedichte".

Produktives Nicht-Verstehen

Böttigers Faszination für Paul Celan begann schon in seiner Schulzeit Anfang der 1970er Jahre. Damals entdeckte er einen Band mit ausgewählten Gedichten von Paul Celan, der in der "edition suhrkamp" erschienen war:

"Ich habe das aufgeschlagen und habe nichts verstanden", erinnert sich Böttiger. "Dieses Gefühl des Nicht-Verstehens" sei für ihn "äußerst produktiv" gewesen. "Dieses Urgefühl - ich will etwas wissen, was ich nicht ganz kapiere, wo mir aber klar ist, da ist etwas, was mich brennend interessiert - das hat mich ziemlich lange beschäftigt und ich habe tatsächlich dann in jedem Jahrzehnt ein kleines Buch über Celan geschrieben."

(ruk)

Helmut Böttiger: Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist
Galiani Verlag, Berlin 2020
208 Seiten, 20 Euro

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