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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.02.2014

50. Jubiläum"Sie werden einen hohen Generationenbeitrag leisten müssen"

Der Sozialforscher Jürgen Schupp über die Generation Babyboomer

Moderation: Christine Watty

Für ein Foto liegen viele Babys zusammen auf der Neugeborenenstation im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle in ihren Bettchen, aufgenommen am 05.01.2011. (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)
Eine große Heterogenität sagt Jürgen Schupp der Generation der Babyboomer nach. (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)

Mehr Singles und mehr Geschiedene - das unterscheide die zwischen 1953 und 1969 Geborenen von den Älteren, sagt Sozialwissenschaftler Jürgen Schupp. Ihre Erwerbsverläufe seien brüchiger, was geringere Renten nach sich ziehe.

"Ich glaube, dass die Boomer als Generation Eigenschaften haben wie sozial, verantwortungsvoll, kooperativ, auf konsensuale Lösungen aus. Sie sind uneitel, sie sind moderat, sie sind gut im Moderieren von Gegensätzen, sie sind wahrscheinlich eher Zweifler als harte Entscheider, sind eher Pragmatiker als Theoretiker, sind undogmatisch, kritisch, flexibel, stellen sich selbst in Frage, sind keine glatten Karrieretypen, sondern brechen immer auch mal aus. Das sind so die Eigenschaften."

Christine Watty: …sagt der Autor Bernhard von Becker über die Babyboomer-Generation, die man so zwischen 1953 und 1969 verortet und deren stärkster Jahrgang der von 1964 ist, und dieser Jahrgang wird in diesem Jahr 50 Jahre alt und zum Jubiläum befassen wir uns im Radiofeuilleton mit dieser Generation und wollen heute mit Jürgen Schupp, dem Leiter des Sozio-oekonomischen Panels über die Außen- und Selbstwahrnehmung der 64er-Generation sprechen. Guten Tag, Herr Schupp.

Jürgen Schupp: Guten Morgen!

Watty: Zunächst aber mal: Wenn man die Beschreibung von Bernhard von Becker hört und all diese schönen Eigenschaften, die dem Jahrgang '64 zugeschrieben werden, von sozial, verantwortungsvoll, kooperativ, uneitel, moderat, dann wird man fast neidisch. Sie sind selbst 1956 geboren, damit auch dieser Generation der Babyboomer angehörig. Finden Sie sich in von Beckers Beschreibung wieder?

Schupp: Das klingt natürlich alles sehr charmant. Wieso sollte man sich da nicht wiederfinden in solchen positiven Beschreibungen? Die Frage ist, ob sie tauglich sind, eine ganze Generation zu charakterisieren. Da wäre ich doch eher skeptisch. Es gibt auch ganz andere Stimmen, die dieser Generation unter dem Stichwort "vereint im Abstieg“ sehr kritisch Generationen vergleichend eine Bewertung der Lebensläufe dieser Kohorte vornimmt.

Was auf jeden Fall klar ist: es ist der geburtenstärkste Jahrgang. Von daher ist auch die Heterogenität mit am größten. Die Unterschiede und auch dann letztlich das positive Stichwort "kooperationsbereit" und Ähnliches mehr, das ist ja ein Spiegel der Situation, die diese Generation von der Schule begonnen machen musste, dass Lehrermangel da war und viele Schüler. Das charakterisiert diese Generation. Sie ist sozusagen auch vereint im Bildungsaufstieg. Es ist die Generation, wo die Abiturientenquote von Mädchen und Jungs ungefähr gleich war. Die Mädchen haben in dieser Generation, was die formale Qualifikation betrifft, im Verlauf der Bildungsexpansion quasi gleichgezogen.

Von daher waren dann die Einmündungsprozesse in den Beruf, in den Studienort schwieriger. Es gab die ZVS, die Studienplätze waren knapp, es wurde verlost beziehungsweise man musste sich bewerben und Ähnliches mehr. Die Knappheit hat natürlich mit dazu geführt, dass die Konkurrenz und dann möglicherweise auch das findige Herauskristallisieren von Strategien, wie man mit so einer Situation gut umgehen kann, dass das die Generation geprägt hat.

Watty: Sie sagen es ist schwierig, so eine ganze Generation zu beschreiben. Kommen wir mal zum Hintergrund Ihrer Arbeit. Das Sozio-oekonomische Panel ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, so heißt es, deren Daten für die Sozialberichterstattung und die Politikberatung genutzt werden. Was hat denn dieses Panel über den Jahrgang '64 festgestellt? Und vielleicht muss man diese Frage sogar unterteilen: Was hat es denn festgestellt 1984, als die Arbeit begann, und jetzt, 2014, 30 Jahre später?

Die Erwerbsverläufe der 64er sind "viel mehr verfranst"

Schupp: Diese Generation ist sozusagen älter geworden und von daher können wir eine solche Frage, was ist das Spezifische dieser Generation, eigentlich nur im Vergleich mit einer anderen Generation machen. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Ich vergleiche die 64er mit der älteren Generation. Dazu gibt es auch verschiedene Studien, die in der Vergangenheit gemacht wurden, wo sozusagen der Übergang in die Rente, wie wird denn die Rentensituation der heutigen Babyboomer sich darstellen im Vergleich zu den Vorgänger-Kohorten. Und da kommt als Ergebnis heraus, dass sozusagen die Erwerbsverläufe dieser 64er viel brüchiger sind, viel mehr verfranst, kleine Etappen auch geringfügige Beschäftigungsformen, das, was mit flexibler Arbeit heute beschrieben wird. Das wird die Generation sein, in deren Renten dies seinen Niederschlag hat und im Saldo geringere Rentenanwartschaften wahrscheinlich daraus resultieren als aus den Generationen vorher.

Wenn man nun vergleicht, inwieweit sind die 64er jetzt anders als die Vorgängergenerationen, kann man natürlich auch auf andere Charakteristika schauen. Ein Beispiel, was wir jetzt aktuell noch mal uns angeschaut haben: wie sieht es denn aus im Alter jetzt 50 - da sind wir noch im Feld gegenwärtig mit unseren Daten -, als die 64er im Alter von 46 und 48 Jahren waren, und haben verglichen in dem Zeitraum 2010, 2012. Wenn sie heute 50 sind, dann waren sie vor zwei Jahren eben 48, und wir haben drei Jahre unserer Stichprobe zusammengenommen, um robustere Aussagen treffen zu können, und haben eine Zeitreise angetreten und sind drei Jahre dann historisch zurückgegangen. Im Jahr 2007, 2009 haben wir uns dann die 61er-Generation angeschaut und dann noch mal drei Jahre zurück in der Zeitreise 2004 bis 2006 die 58er-Geborenen.

Und schauen uns jetzt an: wie sieht der Familienstand dieser Generation aus, der einfache Indikator verheiratet, zusammenlebend, verheiratet mit seinem Partner, und da stellt man fest, dass die 58er, die auch mit meine Generation prägen, noch zu 72 Prozent in diesem Alter wohl gemerkt verheiratet sind, die 61er, da sinkt das schon auf 68 Prozent, und bei den 64ern sind es gerade noch 60 Prozent, noch die Mehrheit, aber Sie sehen an diesem einen Indikator, dass sich da ein Wandel auch vollzogen hat hin zu anderen Lebensentwürfen. Ein Lebensentwurf ist alleine zu bleiben, aber der andere natürlich auch: sie sind nicht mehr verheiratet, weil sie jetzt geschieden sind. Der Anteil der Geschiedenen hat zugenommen, aber gleichzeitig auch der Anteil der Singles. Das macht deutlich, dass die Heterogenität in dieser Generation im Vergleich zu den Kohorten, die etwas älter sind, zunimmt.

Watty: Ist das gut oder schlecht? Die Babyboomer wurden ja in Krisenzeiten erwachsen und das hat erstaunlicherweise nicht zu so einer Zukunftsangst geführt, sondern offenbar, weil dieses Gefühl da war, was ja auch Bernhard von Becker beschrieben hat, wir sind so viele und wir schaffen das schon irgendwie, so bestimmt, dass vielleicht daraus auch resultiert diese Heterogenität, die Sie beschreiben, dass verschiedene Lebensentwürfe möglich sind, dass berufliche Flexibilität auch okay ist, und dass man nicht diesen ganz geraden sicherheitsbewussten Weg gehen muss.

Schupp: Das denke ich auch. Die Sicherheit in die klare Planbarkeit des Lebens und was auch abgesichert war durch feste Glaubenssysteme wie die Kirche, oder aber auch die Gewerkschaftsbewegung, oder auch die 68er-Generation, die geprägt war mit dem Rebellieren gegen die Elterngeneration, die im Zweiten Weltkrieg viele Sünden auch begangen hat, diese Abgrenzung, da sind die 64er durch. Sie brauchen nicht mehr diesen Kampf, diesen ideologischen Kampf antreten, sondern sind viel pragmatischer, ihren Weg in die Gesellschaft und ihren Platz in der Gesellschaft für sich selbst zu entdecken.

Watty: …, sagt Jürgen Schupp, der Leiter des Sozio-oekonomischen Panels, im Radiofeuilleton in Deutschlandradio Kultur. Wir sprechen über den Jahrgang 1964. Sie haben auch auf das Thema Rente hingewiesen. Kann man das den Babyboomern vorwerfen, dass sie jetzt quasi diesbezüglich eher schlechter stehen und vielleicht dann doch zu sorglos in diese Zukunft geschritten sind mit diesem Wir-Gefühl und es geht schon alles und das wird schon?

Schupp: Mit dem Vorwurf, da wäre ich jetzt doch etwas vorsichtig. Die Gesetze, die gegenwärtig verfasst werden, da sind vielleicht auch ein, zwei der Generation der Babyboomer selbst dabei. Aber das sind ja doch die Entscheidungen, die da aufgebürdet werden, die in die Zukunft verlagert werden, die jetzt die gegenwärtige Rentensituation verändert, begünstigt, und wer das zu bezahlen hat, da ist natürlich die Entscheidung, wir legen das mal auf die Beitragszahler, das ist natürlich eine Ohrfeige für die Generation der Babyboomer.

Geringere Renten und hohe Beitragssätze

Sie wird für die Vergünstigungen, die beschlossen werden, mit aufkommen müssen durch höhere Beitragssätze jetzt ihres laufenden Einkommens. Sie werden nicht bloß geringere Renten haben, sondern auch in ihrer aktiven Zeit wird ihr Beitragssatz nicht gesenkt werden, was ja eigentlich intendiert war, sondern sie werden einen hohen Generationenbeitrag leisten müssen. Von daher ist das schon eine Generation, die auf der einen Seite sieht, sie muss eigentlich auch privat vorsorgen, weil das gesetzliche Rentensystem nicht mehr die Leistungen hervorbringen wird, die noch für die Elterngeneration gegolten hat, aber andererseits sind auch ihre Belastungen wesentlich höher, was die Beiträge betrifft, plus sie sind in der Erwerbsform, wo ohnehin auch die gesetzlichen Ansprüche viel geringer sind.

Watty: Ist die Babyboomer-Generation - letzte Frage - eigentlich auf eine ganz erstaunliche Art und Weise mit der heutigen jungen Generation vergleichbar, nicht besonders politisch engagiert, dafür dieses große Wir-Gefühl, was man heute natürlich den jungen Leuten durch die Vernetzung im Internet etc. nachsagen könnte? Sehen Sie da Parallelen jetzt schon, oder müssen wir da noch mal in 20 Jahren fragen?

Schupp: Da müssen wir wahrscheinlich noch ein bisschen Geduld haben, diese Frage abschließend bewerten zu können. Was die jüngere Generation viel stärker prägt noch als meine Generation, wo das begonnen hat, das ist die Internationalisierung, sozusagen die Transnationalisierung, dass man Teile seines Lebens auch im Ausland verbringt, dass die Grenzen offen geworden sind, dass es dazugehört, dass man im Ausland eine Ausbildung macht oder eine Phase verbringt. Das prägt, denke ich, noch viel stärker die nachfolgenden Generationen. Sie werden noch internationaler werden und globaler, die nächsten Generationen. Inwieweit das auch zu einer noch größeren Offenheit führt und diese charmanten Eigenschaften, die Sie am Anfang eingeführt haben, für die nachfolgenden Generationen zutreffen werden, das ist in der Tat eine völlig offene Frage.

Watty: Dann fragen wir Sie einfach noch mal in ein paar Jahren. Danke an Jürgen Schupp, den Leiter des Sozio-oekonomischen Panels.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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