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Interview | Beitrag vom 20.05.2019

50 Jahre Mondlandung - ohne AstronautinnenWarum der erste Mensch auf dem Mond keine Frau war

Maiken Nielsen im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Jerry Cobb posiert neben einer Mercury Raumkapsel. Sie war eine TeilnehmerInnen des First Lady Astronaut Trainees (FLAT). (NASA)
Jerry Cobb posiert neben einer Mercury Raumkapsel. (NASA)

Der erste Mensch auf dem Mond hätte auch eine Frau sein können: 13 wurden von der NASA getestet – mit gleichen Ergebnissen wie die Männer. Letztlich habe der Zeitgeist den Flug einer Frau zum Mond verhindert, sagt die Autorin Maiken Nielsen.

Stephan Karkowsky: Im Juli jährt sich die erste Mondlandung zum 50. Mal, rechtzeitig zum Jubiläum kündigt die NASA nun die Mission "Artemis" an. Erstmals wollen die USA eine Frau zum Mond schicken. Das hätte man früher haben können. Artemis ist in der griechischen Götterwelt ja die Schwester von Apollo, und schon für die Apollo-Mission wurden auch Frauen getestet. Eine davon war Jerry Cobb, die hier in einem Interview von 1963 ziemlich frustriert ist.

Jerry Cobb: Ich wurde gebeten, als erste Frau die Astronautentests zu machen. Das war 1959. Damals wusste man schon, dass die Russen Kosmonautinnen ausbilden wollten. Also fragte man mich, und ich konnte nicht schnell genug ja sagen. 1960 machte ich die Tests, und in den letzten drei Jahren habe ich alles getan, um die USA zu überzeugen, Frauen in den Weltraum zu schicken, aber ich muss sagen, es kam nicht überraschend, als Russland dann seine Kosmonautinnen hochschickte.

Frauen sind leichter und verbrauchen weniger Sauerstoff

Karkowsky: Die wahre Geschichte der 13 US-Testpilotinnen, die nicht zum Mond durften, hat Maiken Nielsen zu einem spannenden Roman verarbeitet. Frau Nielsen, ich lerne bei Ihnen, dass 13 Frauen vor dem ersten Mondflug der NASA dieselben Tests durchlaufen und bestanden haben wie die Männer. Wie kam es denn dazu? Das war ja Ende der 50er, Anfang der 60er noch sehr ungewöhnlich, oder?

Nielsen: Das war total ungewöhnlich. Das war eigentlich auch eher ein Zufall. Der Raumfahrtmediziner Randolph Lovelace, der die Tests auch für John Glen und die anderen Piloten durchgeführt hat, hat immer mit dem Gedanken gespielt, auch mal eine Frau zu testen, nicht weil er so ein Feminist war, sondern weil er sich dachte, es liegt auf der Hand, die sind leichter, verbrauchen also weniger Sauerstoff, sind als Hausfrauen auch an Isolation und Einsamkeit gewöhnt und sind qua ihrer Gebärfähigkeit schmerzunempfindlicher.

Karkowsky: Wer waren denn diese 13 US-Pilotinnen, die vor dem ersten Mondflug der NASA diese Tests machen durften und an dem Programm teilnahmen, und wie genau entsprachen dann die Tests denen der Männer?

Nielsen: Die hatten genau die gleichen Tests wie die Männer, darin unterschied sich gar nichts, und das waren Frauen, die unterschiedliche Ausbildungen genossen hatten. Also teilweise waren es Athletinnen, die meisten von ihnen hatten aber einen technischen Hintergrund, waren also Ingenieurinnen, Pilotinnen, eine war Mathematikerin. Eine war achtfache Mutter und war auch schon 40, hat aber trotzdem hervorragende Testergebnisse erzielt. Also die war echt fit.

Karkowsky: War das die, die Ihnen am meisten imponiert hat?

Nielsen: Janey Hart und Jerry Cobb, die beiden, die fand ich absolut beeindruckend, aber eigentlich ist jede für sich wahnsinnig spannend. Es gab auch zwei eineiige Zwillinge, die auch immer zusammen geflogen sind in einer zweimotorigen Maschine – "twins in a twin" haben die Zeitungen damals getitelt.

Geraldine Cobb schnitt genauso gut ab wie die Männer

Karkowsky: Am Ende dann durfte aber keine der Frauen mitfliegen und Raumfahrtgeschichte schreiben, obwohl Geraldine "Jerry" Cobb bei den Tests genauso gut abschnitt wie die Männer, dass sie dann am Ende zu den besten zwei Prozent beider Geschlechter gehörte. Wer hat denn ihre Teilnahme verhindert und warum?

Nielsen: Das ist sehr komplex. Also was letztendlich dazu geführt hat, war wahrscheinlich in erster Linie der Zeitgeist. Niemand glaubte, dass Frauen das konnten. Jerry Cobb und Janey Hart haben dann auch 1962 eine Anhörung gehabt vor einem NASA-Subkomitee, und es gab sogar ein paar männliche Befürworter, die gesagt haben, hey, lasst es uns doch einfach ausprobieren, aber der überwiegende Teil der Männer, unter anderem auch John Glen, haben gesagt, wieso sollten wir denn Minderheiten testen, wenn wir schon eine Mehrheit haben, und mit Minderheiten meinten sie dann Frauen und / oder afroamerikanische Piloten.

Karkowsky: Und diese Anhörung vor dem Komitee, weswegen wurde die einberufen?

Nielsen: Darauf haben Jerry Cobb und Janey Hart bestanden. Janey Hart war nicht nur Hubschrauberpilotin und achtfachte Mutter, sondern sie war auch die private Pilotin von Rose Kennedy, und die war ganz gut vernetzt in Washington DC und hat gesagt, so geht das nicht weiter, wir möchten zumindest einmal angehört werden.

Karkowsky: Es ging also um Diskriminierung tatsächlich.

Nielsen: Ja, tatsächlich.

Karkowsky: Die ganze Geschichte dieser Frauen ist erst sehr spät bekannt geworden, da wundert man sich. 2016 erschienen zwei Sachbücher drüber, "Rise of the Rocket Girls" und "Hidden Figures", "Unerkannte Heldinnen", verfilmt mit Kirsten Dunst und Kevin Costner. Da ging es dann vor allen Dingen um die afroamerikanischen Frauen. Was glauben Sie, warum das so lange gedauert hat?

Nielsen: Ja, es braucht ja in der Regel eine Generation, um wirklich geschichtliche Ereignisse zu verarbeiten. Das sehen wir ja genauso in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit oder der DDR hier in Deutschland, und genauso war es dann auch in den USA. Die haben wirklich lange gebraucht, um dieses Kapitel aufzuarbeiten.

Der Großvater war Zeppelinnavigator

Karkowsky: Wie sind Sie auf diese Geschichte gestoßen, die Sie dann zu einem Roman verarbeitet haben?

Nielsen: Eigentlich durch meinen Vorgänger. Ich habe davor einen Roman geschrieben über meinen Großvater, der Zeppelinnavigator war, und bin dann mit Fliegerei ein bisschen näher bekannt geworden, ich wollte es unbedingt selbst ausprobieren, wie es sich anfühlt, zu fliegen, und habe dadurch Flugstunden genommen.

Und dann kam ich so darauf, wie Frauen in der Fliegerei in der Geschichte sich eingebracht haben oder auch nicht, und dann bin ich zufällig auf Jerry Cobb gestoßen, und da dachte ich, das ist ja der Wahnsinn. Das muss man aufschreiben.

Karkowsky: Und dann haben Sie sehr, sehr viel recherchiert. Wissen Sie denn, was aus den sogenannten Mercury 13 wurde, also aus diesen 13 Frauen, die das Training mitgemacht haben? Was hat dieser ganze Prozess mit denen gemacht – Training, die Hoffnung, die Kongressanhörung, die Ablehnung von vielen Seiten?

Sieben der ersten Astronautinnen-Trainees 1995. Darunter auch  Jerry Cobb und Janey Hart.  Von links: STS-63 Pilotin Eileen Collins, Gene Nora Jessen, Wally Funk, Jerrie Cobb, Jerri Truhill, Sarah Ratley, Myrtle Cagle und Bernice Steadman.  (NASA)Sieben der ersten Astronautinnen-Trainees bei einer Zusammenkunft im Kennedy Space Center 1995. Von links: STS-63 Pilotin Eileen Collins, Gene Nora Jessen, Wally Funk, Jerrie Cobb, Jerri Truhill, Sarah Ratley, Myrtle Cagle und Bernice Steadman. (NASA)

Nielsen: Also die haben fast alle ihre Jobs verloren, um für die Tests freigestellt zu werden, die Woche in Albuquerque, bekamen keine von ihnen Urlaub, und die meisten waren ja in der Luftfahrtindustrie beschäftigt, und das war sowieso sehr schwierig für Frauen damals. Also wurde denen glatt gekündigt, und Jobs bekamen sie hinterher auch nicht mehr.

Also eine sehr, sehr begabte Pilotin und Mathematikerin, Sarah Gorlick, die hat nie wieder einen Job gefunden, und die wurde dann Buchhalterin in der Firma ihres Vaters.

Karkowsky: Und weil alle 13 ja auch nicht offiziell im NASA-Programm drin waren, hat die NASA sie auch nie entschädigt, oder?

Nielsen: Genau so ist das, ja.

Karkowsky: Erst zwei Jahre nach dieser Anhörung im Kongress wurde dann das Geschlechterdiskriminierungsverbot in amerikanische Gesetze übernommen. Was, glauben Sie, wie groß ist der Anteil der Mercury-13-Frauen daran?

Nielsen: Das hat schon eine Rolle gespielt. Ob das jetzt letztendlich ausschlaggebend war, weiß ich gar nicht. Die waren für ein paar Jahre, ich würde mal sagen bis 1963, relativ bekannt. Als Tereschkowa dann als erste Frau ins All gestartet ist, gab es natürlich in einem Teil der amerikanischen Presse so einen kleinen Aufschrei, warum nicht unsere Mädchen, warum die, aber die verschwanden relativ schnell auch aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Es muss wieder mehr Gerechtigkeit geben

Karkowsky: Jetzt ist Ihr Buch natürlich ein Roman, aber für alle, die neugierig geworden sind, und das sind hoffentlich viele, und diesen Roman lesen wollen: Wie viel darin entspricht den historischen Fakten?

Nielsen: Ich habe nur eine Mutter-Tochter-Geschichte hineinfiktionalisiert, der Rest entspricht komplett den historischen Fakten. Ich wollte eine Geschichte erzählen mit all den Gefühlen und all den Gedanken, und das wollte ich den anderen Frauen nicht aufdrücken, also habe ich eine Figur erfunden, die sozusagen die Quintessenz der Mercury 13 darstellt in all ihrer Sportlichkeit, ihrem Mut und ihrer Motivation, und das ist die kleine wilde Juni.

Karkowsky: 50 Jahre nach der Mondlandung von Apollo 11 kommt nun Apollos Schwester Artemis 1 mit der ersten Frau auf den Mond. Es könnte 2024 schon soweit sein. Was ist mit Ihnen, würden Sie mitfliegen wollen?

Nielsen: Ja, total gerne, obwohl ich habe ganz, ganz häufig davon geträumt, wie es ist, auf den Mond zu fliegen, und irgendwie ist es trotzdem immer ein kleines bisschen ein Albtraum, weil ich mich frage, komme ich von dort auch wieder weg?

Karkowsky: Für wie wichtig halten Sie das denn, dass dann vielleicht auch endlich mal auf dem Mond Geschlechtergerechtigkeit herrscht?

Nielsen: Ich glaube, letztendlich kommt es darauf an, dass überhaupt wieder mehr Gerechtigkeit herrscht. Es geht nicht nur mehr um Frauen und Männer, es geht generell darum.

Wir erfahren ja seit einigen Jahren so einen Backlash in der Geschichte, dass Demokratie und Gleichberechtigung vielleicht in vielen Ländern nicht mehr den Stellenwert spielen wie noch vielleicht vor zehn Jahren, und ich finde es sehr wichtig, daran zu erinnern.

Aber in der Raumfahrt gibt es da schon viele, viele Fortschritte. Auf der ISS arbeiten Astronauten aus aller Welt friedlich zusammen, und ich glaube, das wäre eine schöne Zukunftsvision für unseren Planeten.

Maiken Nielsen: "Space Girls"
Wunderlich / Rowohlt, Hamburg 2019
512 Seiten, 22 Euro

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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