50 Jahre Leiharbeit

Immer auf dem Schleudersitz

06:56 Minuten
Ein Mann beugt sich mit einem Schweißgerät über eine Metallplatte, wobei Funken fliegen.
Laut Bundesagentur für Arbeit sind von 100 Beschäftigten zwei in der Leiharbeit tätig. In der Metall- und Elektroindustrie sind es besonders viele. © imago / Michael Matthey
Nicole Mayer-Ahuja im Gespräch mit Ute Welty · 21.06.2022
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Seit 50 Jahren gibt es Leiharbeit in Deutschland. Es sind oft prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Doch in der Kranken- und Altenpflege sehen viele Leiharbeit sogar als Vorteil an. Die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja erklärt, wo der Haken ist.
Ob Fleischverarbeitung, Paketzustellung oder Metallindustrie: Leiharbeit hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als prekär, handelt es sich doch oft um schwere, gering bezahlte Arbeit, die auch noch unsicher ist. Gerade bei der betrieblichen Integration habe Leiharbeit "ein grundsätzliches Problem", sagt die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja.
Den Arbeitsvertrag habe man bei dem einen Unternehmen, arbeite aber in einem anderen, dem sogenannten Entleihbetrieb. "Damit steht man immer zwischen zwei Unternehmenskontexten", erklärt die Professorin an der Georg-August-Universität Göttingen. Es sei nie ganz klar, ob man wirklich Kollegin oder Kollege sei oder wie lange man bleibe. Das führe dazu, dass viele Beschäftigte "auf ziemlich wackeligen Füßen" stehen.

Ist Leiharbeit besser als ihr Ruf?

Allerdings haben Kranken- und Altenpflegende in den letzten Jahren für sich Vorteile in der Leiharbeit entdeckt. In der Pflege gebe es im Moment ein "besonderes Phänomen", räumt Mayer-Ahuja ein: nämlich einen massiven Personalmangel. Unter den Bedingungen könne es für Beschäftigte "rational" sein, auf die Bindung an ein Unternehmen zu verzichten. Wenn man sich flexibel unterschiedlichen Kliniken zur Verfügung stelle, könne man die eigenen Konditionen verbessern.
"Das bedeutet in der Pflege zum Beispiel, dass man sich aussuchen kann, zu welchen Arbeitszeiten man arbeitet, für welche Unternehmen man überhaupt arbeitet", erklärt die Soziologin. Doch sie warnt auch: "Die Nachteile schlagen in dem Moment durch, wo die Mangelsituation auf dem Arbeitsmarkt wegfällt." Eine langfristige Bindung an ein Unternehmen sorge dafür, dass man in schlechteren Phasen "eine bestimmte Sicherheit" und einen verlässlichen Arbeitsvertrag habe.

Kaum Karriere mit Leiharbeit

Leiharbeit gibt es in Deutschland seit 1972: Damals stimmte der Bundestag für das sogenannte Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, kurz AÜG. Gedacht war es, um kurzfristige Personalengpässe auszugleichen. Doch Leiharbeit habe "ihr Gesicht einigermaßen verändert", so Mayer-Ahuja. Sie sei zu einem dauerhaften Arbeitsverhältnis geworden. Die Chancen, sich hochzuarbeiten, seien aber nicht besonders groß.
Gerade große Unternehmen wollten dauerhafte "Flexibilitätspuffer" haben. So seien in der Finanzkrise 2008-09 oder durch die Corona-Pandemie Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter als erstes abgemeldet worden, um die Stammbelegschaft zu stabilisieren: "Das macht deutlich, dass man immer so einigermaßen auf dem Schleudersitz sitzt, wenn man unter Leiharbeitsbedingungen arbeitet."

Fortschritte in der Metall- und Elektroindustrie

Eine starke Lobby hat Leiharbeit grundsätzlich nicht. Doch Mayer-Ahuja sieht auch Fortschritte: "Gerade in der Metall- und Elektroindustrie, wo besonders viele Leiharbeiterinnen und -arbeiter arbeiten, hat die IG Metall angefangen, die Leiharbeitbeschäftigten zu mobilisieren." Denn durch die "prekären Ränder" mit schlechterem Verdienst und größerem Arbeitsdruck setze man auch die Beschäftigten in der Stammbelegschaft "ungeheuer unter Druck", betont die Expertin: "Eine Gewerkschaft ist gut beraten, auch in den Teilen des Arbeitsmarktes präsent zu sein, weil sonst die Standards nicht zu halten sind."
(bth)

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