Deutsches Studienzentrum Venedig

Forschen an einem der schönsten Orte Europas

30:33 Minuten
Eine Gondel im Canal Grande bei Sonnenuntergang.
Das Deutsche Studienzentrum Venedig liegt direkt am Canal Grande. Seine Schönheit beeindruckt immer wieder Besucher und Besucherinnen. © imago / Panther Media / Sergii Kolesnyk
Von Noemi Schneider · 11.05.2022
Audio herunterladen
Seit 50 Jahren können Stipendiaten im Deutschen Studienzentrum Venedig ihren Forschungen nachgehen. Die Geschichte und Schönheit der Stadt hinterlassen dabei so viele Eindrücke – die viele ein Leben lang nicht mehr loslassen.

Und wohin gehen wir?
Durch Venedig.
Ist das ein Traum? Oder spazieren wir wirklich?
Wie du willst. Wahrscheinlich beides. Venedig ist doch immer ein Traum.
David Wagner, 2020.

Sowohl vom Bahnhof als auch vom Piazzale Roma erreicht man das Deutsche Studienzentrum zu Fuß in ca. 15 Minuten.
„Wir sind hier im Erdgeschoss vom Palazzo Barbarigo della Terrazza und da klingelt schon das Telefon.“
Die Kunsthistorikerin Petra Schaefer ist Alumna des Deutschen Studienzentrums. Sie lebt seit 25 Jahren in Venedig und ist am Centro (sprich: Dschentro), wie der Palazzo von allen genannt wird, als Assistentin der Direktorin, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Kunstförderung.
„Wir sind hier im Erdgeschoss vom Palazzo Barbarigo della Terrazza und hier ist von der Terrasse noch nichts zu sehen, wir stehen in der wunderbaren Eingangshalle und können mal vorgehen bis zur Wasserpforte. Denn dieser Palazzo aus dem 16. Jahrhundert, 1566 fertig gebaut, hat einen Eingang zu Lande und einen Eingang zu Wasser. Und, da hört man schon die Türen knallen, hin und wieder wird diese Pforte auch aufgemacht.
Hier stehen wir schon im Wasser heute. Weil natürlich der nahe liegende Canal Grande hier manchmal reinschwappt. Genau, gegenüber ist ein Transportboot. Hier hört man’s schwappen. Das ist die Pforte, das Hauptportal des Palastes, dessen Fassade ja nicht zum Canal Grande geht, sondern zum Rio von San Polo, und an diesem Wasserweg stehen wir jetzt.“
Der Palazzo Barbarigo della Terrazza in Venedig. Ein mehrstöckiges Gebäude steht direkt an einem Wasserkanal.
Am Palazzo Barbarigo della Terrazza am Canal Grande befindet sich das deutsche Studienzentrum in Venedig.© imago/imagebroker/Harald Wenzel-Orf
Links von der Wassertür in der Eingangshalle befindet sich die Wohnung des Hausmeisters Mario Fior. Der „Custode“ sorgt seit zwanzig Jahren für Ordnung im Palazzo und kümmert sich um alle praktischen Belange. Neben der Waschküche, einem Hauswirtschaftsraum und einem Gästezimmer beherbergt das Erdgeschoss auch das Archiv des Studienzentrums.
„Da kommt natürlich die Frage auf: Und wann benutzen wir die Wasserpforte? Immer dann, wenn der ein oder andere per Boot ankommt. Taxi-Boot oder wenn man rudert oder wenn ein Stipendiat oder eine Stipendiatin ein Kanu dabeihat, oder so.“ 

 Der Palazzo – ein überwältigendes Gefühl

Die meisten Stipendiatinnen und Stipendiaten kommen zu Fuß an, wie die Musikwissenschaftlerin Kira Henkel, die seit September im Studienzentrum lebt und arbeitet. An das überwältigende Gefühl, als sie den Palazzo zum ersten Mal betrat, erinnert sie sich genau.
„Unbeschreiblich erst mal. Man fühlt sich erst mal ...? Vielleicht auch ein bisschen fehl am Platz, weil das hier so groß ist und so herrschaftlich und ja, einfach so gänzlich anders, wie das, was man ansonsten so kennt, zumindest in meinem Fall, aber auch sehr, also ich hab mich trotzdem auch gleich sehr wohl gefühlt.“
Die 30-jährige Musikwissenschaftlerin ist eine von sechs Nachwuchswissenschaftler:innen, denen das Centro, ebenso wie zwei Künstlerstipendiaten das ganze Jahr über in wechselnder Besetzung als temporäre Wohn- und Arbeitsstätte dient. Die Gefühle, die alle bei ihrem ersten Aufenthalt im Palazzo Barbarigo della Terrazza, haben, kennt Marita Liebermann aus eigener Erfahrung. Seit 2017 ist die Romanistin und ehemalige Borsista, die Direktorin des Studienzentrums.

Das Finden einer Balance

„Ich denke, wenn man hier ankommt und zum ersten Mal hier ist, dann ist man schon wirklich überwältigt, und zwar in jeder Weise. Ich glaube, diesen Moment, den muss man sich auch gönnen und da glaube ich, kann auch jedes Projekt erst mal warten.
Aber dann ist es so, dass man die Zeit, die man hier hat, als etwas ganz Kostbares empfindet, insofern, dass sie auch in die jeweiligen Projekte eingeht und ich glaube, da würde man dann eben, so war’s bei mir, versuchen, so eine Art Balance zu finden zwischen Kontemplation und Kommunikation, also dieses Offene und Wahrnehmen und Einsaugen des Atmosphärischen, aber dann auch wieder das Versinken in der jeweiligen Arbeit, in dem jeweiligen Text, in seinen eigenen Materialien und gerade diese Spannung, ich glaube, dass macht es auch so besonders, hier am Studienzentrum zu sein und diesen besonderen Ort auch in seine Arbeit mitzunehmen.“

Künstlerisches Schaffen in familiärer Atmosphäre

Wie sehr das gelingt, belegt die eindrucksvolle Liste der wissenschaftlichen und künstlerischen Werke, die hier entstehen, in familiärer Atmosphäre, seit 50 Jahren.
„Es gibt natürlich auch diese Komponente, dass es in bestimmten Abständen immer Wechsel gibt, zwischen den einzelnen Bewohner:innen und Stipendiat:innen, aber es ist dennoch immer sehr familiär und man wächst als Gruppe sehr zusammen trotz der Unterschiedlichkeit und Diversität der einzelnen Personen und Persönlichkeiten. Man stellt sich immer wieder neu auf die anderen Personen ein, und das ist sehr bereichernd und sehr spannend auch, daher hat es schon auch einen Charakter einer WG, aber in einem dekadenten Sinn vielleicht.“
Von der Eingangshalle führt eine breite, mit rotem Samt bespannte Steintreppe in den ersten Stock, das repräsentative Piano Nobile. Auf halbem Weg im Zwischengeschoss, dem sogenannten Mezzanin, befindet sich die Stipendiaten-Küche, die gemeinschaftlich genutzt wird und zum interdisziplinären, interkulturellen und kulinarischen Austausch einlädt.
Der meterhohe überschwemmte Markusplatz in Venedig im Januar 1966.
Die große Flut: Der überschwemmte Markusplatz in Venedig im Januar 1966.© Getty Images/Gamma-Keystone
Vor der Gründung des Studienzentrums hatte Venedig eine der größten Katastrophen in der jüngeren Geschichte der Stadt erlebt: die große Flut 1966. In dieser wurde das historische Erbe der Serenissima schwer beschädigt.
Im Rahmen der Aktion „Rettet Venedig“ gründeten namhafte Wissenschaftler und Persönlichkeiten wie der Präsident der Max Plack-Gesellschaft Adolf Butenandt, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Erich Steingräber und der Byzantinist Hans Georg Beck 1970 den Verein „Deutsches Studienzentrum Venedig“, um die wissenschaftliche Erforschung der Kultur und Geschichte Venedigs zu unterstützen.
Überlegungen dazu hatte es schon vor 1966 gegeben. Die Fritz Thyssen Stiftung stellte Mittel für den Erwerb, Umbau sowie die Renovierungsarbeiten zweier Stockwerke im Palazzo Barbarigo della Terrazza am Canal Grande zur Verfügung. In den Räumlichkeiten fand das Studienzentrum seinen Sitz.
Auch in den Folgejahren sollte die Fritz Thyssen Stiftung ein wichtiger Kooperationspartner und Geldgeber bleiben, der neben dem Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung, das in den ersten Jahren die Dauerfinanzierung des Studienzentrums übernahm, den Betrieb in Venedig sicherstellte.

Einzigartige Erfahrung in der Lagunenstadt

Heute wird das Centro, nach wechselnden Zuständigkeiten, hauptsächlich von der Staatsministerin für Kultur und Medien finanziert. 1972 zogen erstmals geisteswissenschaftliche Stipendiaten in den Palazzo Barbarigo della Terrazza ein, sieben Jahre später kamen die Künstlerstipendiaten hinzu. Sie alle teilen eine einzigartige Erfahrung mit der Lagunenstadt.
„Ich glaube, das Einzigartige, was jeder Mensch erlebt, wenn er oder sie in Venedig ist, ist diese ganz, ganz eigene Atmosphäre, die entsteht durch die Omnipräsenz des Wassers und wenn man hier Stipendiat ist, dann hat man das Glück, dass man Venedig in ganz, ganz vielen verschiedenen Situationen erleben kann also ganz anders, als wenn man Touristin oder Tourist ist, wo man ja dann in der Regel sich dann doch einfügt in größere Mobilitätszusammenhänge; hingegen, wenn man hier im Studienzentrum lebt, um hier zu forschen und an seinen Projekten weiterzuarbeiten, dann ist man unter Umständen morgens ganz früh oder abends eher spät in den Gassen, wenn die Gassen nur ganz wenigen Menschen gehören, dann ist diese Atmosphäre einfach sehr, sehr eingängig.
Man behält das, ich glaube, für sein ganzes Leben in irgendeiner Form. Man legt es nicht ab, wenn man Venedig verlässt und es wird auch ganz schnell wieder aktiviert, wenn man wieder hier ist“, sagt Marita Liebermann. 

Spuren der ehemaligen Besitzerfamilie Barbarigo

Am Treppenaufgang liegt der Salone, ein hoher rechteckiger Saal im Renaissance-Stil. Die berühmte Gemäldesammlung der Familie Barbarigo, die einst die Wände zierte, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts veräußert und befindet sich heute im Besitz der Eremitage in Sankt Petersburg.
Von der bemalten Holzbalkendecke hängen zwei große weiße Lüster aus Muranoglas. Der Saal wird hauptsächlich als Veranstaltungsort für Symposien, Konzerte, Konferenzen, Vorträge und Tagungen genutzt. Auf der linken Seite erhellt eine Fensterfront mit Balkon zum Rio San Polo den Raum. Über den Flügeltüren auf der Stirnseite verweisen in Stein gefasste Wappen auf die ehemaligen Bewohner des Palazzos.
„Es ist eine ganze Ahnenreihe, die man hier sieht, und das erste Wappen, das einem ins Auge fällt, wenn man die Treppe hochkommt, ist natürlich das Wappen der Barbarigo-Familie, das ist die Familie, die diesen Palast gebaut hat. Die war berühmt für zwei Dogen, nämlich Marco und Agostino, und Agostino ist der berühmtere, denn Agostino Barbarigo nahm Ende des 15. Jahrhunderts die Krone Zyperns in Empfang.
Katharina Cornaro, die verwitwete Königin von Zypern, übergab die Krone und somit die Macht Zyperns an die Republik Venedig. Da gibt es hier ein wunderbares historisierendes Gemälde von Guarana, in dem wir eben diesen Agostino Barbarigo in seiner Dogenpracht sehen, wie er von der schwarz verhüllten Witwe diese Krone in Empfang nimmt.“

Gebäude mit einer besonderen Atmosphäre

Besagtes Gemälde hängt im Kaminzimmer, einem der drei Bibliotheksräume, die in einer hintereinanderliegenden Zimmerflucht vom Salone abgehen. Auf der anderen Seite führt eine Flügeltür in den Salotto, das Musik- und Lesezimmer, dessen Wände mit aufwendig restaurierten goldenen Rubelli-Wandbehängen aus den 1920er-Jahren verkleidet sind.
Auf dem Verputz darunter, unsichtbar für den heutigen Betrachter, befinden sich seit 1999, als die Textiltapete restauriert wurde, Graffitis mit den Forschungsthesen ehemaliger Stipendiaten – ein Projekt des damaligen Künstlerstipendiaten Christian Jankowski. Nur in Ausnahmefällen wie diesem ist es Kunststipendiaten gestattet, an den denkmalgeschützten Palast selbst Hand anzulegen.
Die besondere Atmosphäre des jahrhundertealten Gebäudes dient allen als Inspirationsquelle, und nicht selten werden der Palazzo, Angestellte und Stipendiaten zum Gegenstand künstlerischer Arbeiten, wie in einem Gedichtzyklus des Berliner Lyrikers Tom Schulz.

Palazzo Barbarigo della Terrazza

(...) Mario, der Kustode, beschneidet Palmblätter oder stutzt die Saison-
Pflanzen in Kübeln und Trögen.
Von diesem Moment ist die Welt simultan, ihre Symmetrie beherrscht
die Vorgänge um den Palast.
Innen die dunklen Täfelungen, das in den Büchern Geschriebene.
Im Bleisatz.
Die Wissenschaftlerinnen arbeiten Tag und Nacht, sie waschen
die Blutwurzel, sie gerben die Häute.
Wenn sie von Blütezeit sprechen, meinen sie einen rückwärts
ablaufenden Film mit stummen Bildern.
Eine Musik erklingt.
In einer Sekunde endet das 18. Jahrhundert.
Das Ende der Oper ist das Ende der Klassen.
Wir zeichnen den Niedergang anhand der ausbleibenden Schiffe.
Ich stehe am Fenster, eine Frau winkt von der Terrasse, schwarz
und vom Leuchten erfasst.
Die ersten Schwalben rufen die Strömung. (...)
Tom Schulz, Reisewarnung für Länder, Meere, Eisberge.

Die japanisch-deutsche Komponistin Yasuko Yamaguchi ließ sich von der Atmosphäre des Palastes zu ihrer Komposition „canti del gabbiano e il silenzio della laguna di notte“ inspirieren: „Gesänge der Möwen und das Schweigen der Lagune in der Nacht“.
Vom Salotto aus, dem Musik- und Lesezimmer mit den goldenen Wandbehängen, gelangt man in die Bussola, einen kleinen Wintergarten, für Direktorin Marita Liebermann ein Lieblingsort zum Entspannen:
„… aber relativ klein, gar nicht so herrschaftlich, aber man sitzt da so in diesem Dazwischen, also ist halb im Palazzo und halb schon auf dem Canal Grande beziehungsweise auf dem angrenzenden Rio. Und man sieht das Licht von draußen, aber man kann auch rein in den Palazzo gucken. Ich liebe diesen Ort.“
Ein Gondolieri steuert eine Gondel auf der Wasserstraße Canal Grande in Venedig bei Sonnenuntergang.
Ein Ort zum Denken und zum Träumen: die Wasserstraße Canal Grande bei Sonnenuntergang.© picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert
Und von dieser Bussola aus betritt man die Terrasse: das spektakuläre Schau- und Herzstück des Palazzo am Canal Grande.
„Ist etwas laut heute, weil gegenüber gearbeitet wird, da wird die Fassade restauriert am Palazzo gegenüber. Ja, jetzt laufen wir und laufen und laufen, bis wir vorne an der Balustrade sind, denn das ist eine der größten Terrassen am Canal Grande und man hört, es wird sofort lauter.
Transportboote, die Müllabfuhr, eine Möwe, die fliegt, und dahinten das Gondel-Traghetto, das diese beiden Stadtteile verbindet, wir befinden uns hier im San Polo-Stadtviertel und diese Gondelfähre führt direkt rüber ins San Marco-Viertel und dann ist man eigentlich auch relativ schnell drüben, bei dem, was wir von hier aus sehen, nämlich den Markusplatz und den Glockenturm vom Markusplatz“, sagt Petra Schaefer.
Natürlich ist selbst ein solcher Ort nicht vom Lärm des profanen Alltags verschont, aber ungeachtet dessen ist die Terrasse des Deutschen Studienzentrums in Venedig ein Traum.
„Diese Terrasse hat eine ganz charmante Lage, wir schauen nämlich hier links auf die Kurve, die zur Rialto-Brücke führt, und hier rechts kommt die nächste Kurve, und hier am Ende auf die Fassade der Universität Ca’Foscari und den wunderbaren Zwillingspalast Guistinian, und da sieht man jetzt gerade, wie ein Vaporetto in diese S-Kurve des Canal Grande hineinfährt Richtung Accademia und dann bis vor zur Punta della Dogana und bis zum Markusplatz.“

Commissario Brunetti ist auch ganz nah

Wer die Verfilmungen von Donna Leons Venedig-Krimis vor Augen hat, mag die Faszination all derer ahnen, die auf diese Terrasse treten. Im Film wohnt Commissario Brunetti genau gegenüber am Rio San Polo. Der Blick von seiner verhältnismäßig kleinen Dachterrasse führt direkt auf die Terrasse des Deutschen Studienzentrums – 14 Meter breit, 24 Meter lang, begrünt und mit einem Brunnen in der Mitte. Zweifellos einer der schönsten Orte Europas.
„Ich kann da nur ein persönliches Erlebnis mit meinen Eltern erzählen. Meine Mutter ist großer Comissario Brunetti-Fan und war natürlich hin und weg und hat auch erst mal ein Foto von dieser Terrazza gemacht, das sie dann weitergeleitet hat, bevor sie ein Foto hier von der Terrazza auf den Canal Grande gemacht hat.“
Erzählt die Stipendiatin Kira Henkel. Vor allem im Sommer ist die Terrazza vor und nach der Arbeit der Lebensmittelpunkt der Stipendiaten. Wenn sie aber einen Lieblingsort wählen müsste, würde sich die Musikwissenschaftlerin für die Bibliothek entscheiden.
„Weil das doch auch wirklich besonders ist – die Möglichkeit zu haben, quasi aus dem Bett in die Bibliothek fallen zu können und sich hier ganz frei und ohne Einschränkung bewegen zu können und hier sitzen zu können und arbeiten zu können. Ich würde sagen, ja, die Bibliothek.“

Bibliothek mit Kostbarkeiten

Die Präsenzbibliothek des Studienzentrums umfasst derzeit etwa 14.000 Bände und spiegelt das Forschungsspektrum der Stipendiaten wider: Byzantinistik, Geschichte, Rechts-, Kunst-, Architektur-, Literatur-, Stadtgeschichte, Musikwissenschaft. Ergänzt werden die Bestände durch Publikationen der Partnerinstitutionen des Deutschen Studienzentrums wie der Villa Massimo in Rom oder des Deutschen Kunsthistorischen Instituts in Florenz. Hinzu kommen die hauseigenen Publikationen des Centro, die wissenschaftlichen Reihen – „Studi“, „Venetiana“, „Quaderni“.
Michaela Boehringer ist die Bibliothekarin des Studienzentrums.
„Unsere Bibliothek ist auf Venedig-Forschung ausgerichtet, und die Kostbarkeiten, wenn man es jetzt von Venedig aus anschaut, sind Publikationen, die nicht unbedingt auf Italienisch sind und die ziemlich auf dem neuesten Stand der Forschung sind, und diesen neuesten Stand der Forschung verdanken wir immer unseren Stipendiatinnen und Stipendiaten, die uns mitteilen, was sie brauchen für ihre Forschung, und die Publikationen schaffen wir gerne an und sind dadurch auch immer ziemlich aktualisiert.“
Während die Künstlerstipendiaten sich und ihre Arbeiten in moderierten, zweisprachigen Artist-Talks der Öffentlichkeit präsentieren, stellen die Nachwuchswissenschaftler:innen ihre Forschungsprojekte zur Geschichte und Kultur Venedigs und der ehemaligen venezianischen Gebiete intern, in Kolloquien, im Mitarbeiter- und Stipendiatenkreis, vor.
Der Historiker Stefan Laffin präsentiert seine Forschungsergebnisse zur Gründungsgeschichte des Studienzentrums und rekonstruiert die individuellen und institutionellen Handlungsabsichten deutscher und italienischer Akteure, die im Mai 1972 in die offizielle Eröffnung des Studienzentrums mündeten.
Zum Thema Brücken werden das ganze Jahr über Konferenzen, Vorträge, Studienkurse und Workshops veranstaltet.

Die Veranstaltungsreihen befassen sich mit den verschiedenen Semantiken des Begriffs „Brücke“, mit seiner kulturellen, anthropologischen, ästhetischen Bedeutung ebenso wie mit seiner historischen, politischen und ökonomischen Dimension. Eines der ersten zu behandelnden Themen sind die Gesichter der Migration – von der Flucht bis zum Tourismus.

Federführung hat Direktorin Marita Liebermann. Brücken – in Venedig ein nahe liegendes Thema.
„Einerseits dieses Konkrete, also was Brücken aus so einer Stadt machen, wie man sich über Brücken bewegt, also auch die Ästhetik, das damit verbundene soziale Leben zum Beispiel, gibt es ja auch in Venedig Brücken, etwa den berühmten Rialto, der schon immer ein Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens auch war, der Stadt, daneben aber interessiert mich ganz besonders, und da, glaube ich, sind Brücken eben auch ein Sinnbild für Kommunikation, die vielen symbolischen oder auch strukturellen Elemente, die Brücken umfassen, also dass Brücken zwar Verbindungen schaffen, aber in diesen Verbindungen nicht oder nicht notwendigerweise auch Einheit, sondern dass eben die beiden Ufer immer getrennt bleiben, aber zugleich auch verbunden.“
Zeitgenössische Darstellung der Rialto-Brücke in Venedig um ca. 1780.
"Brücken sind auch ein Sinnbild für Kommunikation." Hier eine zeitgenössische Darstellung der Rialto-Brücke ca. 1780 von Francesco Guardi.© picture alliance/Heritage Art/Francesco Guardi
Die Nachwuchswissenschaftler:innen wohnen in einfach ausgestatten Zimmern im Palazzo. Tagsüber arbeiten sie in der Bibliothek und den Archiven der Stadt. Jeweils zwei Künstlerstipendiaten teilen sich für den Zeitraum von drei Monaten eine vom Studienzentrum extra angemietete, voll ausgestattete Wohnung mit großzügigen Arbeitsräumen und Blick über den Canal Grande im Obergeschoss des Palazzo.
Künstlerstipendien enden nach drei Monaten, Wissenschaftlerstipendien haben eine Länge von bis zu zwei Jahren. Aber viele kommen wieder und bleiben dem Centro verbunden. Die Münchner Künstlerin Sophie Schmidt kehrte bereits ein halbes Jahr nach ihrem Stipendium zur Eröffnung ihrer ersten eigenen Ausstellung in Venedig zurück und präsentierte ihre vor Ort entstandenen Bilder.
50 Jahre nach seiner Gründung ist das Centro ein integraler Bestandteil der venezianischen Kulturszene. Veranstaltungskooperationen und Partnerschaften mit wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen der Stadt tragen zum deutsch-italienischen Austausch und Dialog bei.
Anfang September, wenn der Canal Grande zum Austragungsort der Regata Storica, der großen Ruderregatta, wird, öffnet der Palazzo seine Pforten zum alljährlichen festlichen Empfang des Studienzentrums für eine prominente Gästeschar aus Politik, Wissenschaft und Kunst.

Erinnerung an ermordete jüdische Einwohner

Ein Stolperstein wird im venezianischen Straßenpflaster verlegt. Die Beteiligung an der Verlegung von Stolpersteinen in der ganzen Stadt, die an das Schicksal der deportierten und ermordeten jüdischen Einwohner Venedigs erinnern, gehört auch zur Arbeit des Deutschen Studienzentrums. Und die Beteiligung am internationalen Holocaust-Gedenktag im Januar, dem Giornata della memoria.
Das Centro hat sich zu einer bedeutenden Institution im deutsch-italienischen Kulturaustausch entwickelt. Wer dort gelebt und gearbeitet hat, weiß, wie sehr die Jahreszeiten und das Wetter den Alltag im Palazzo prägen. Die traumhafte Wasserlage hat Vor- und Nachteile.
Im Sommer – die schwüle Hitze, die Mücken werden zum lästigen Dauerthema. Im Winter kriecht die Feuchtigkeit durch die Gemäuer und es schwappt Wasser in den Palast. Das Rekordhochwasser im November 2019 verschonte auch das Deutsche Studienzentrum nicht. Das Erdgeschoss stand zeitweise bis zu 70 cm im Salzwasser.
„Die ganze Waschküche unter Wasser, alles kaputt, natürlich und der ganze Wein unter Wasser ... und die untersten zwei Reihen des Archivs, aber glücklicherweise waren das nicht so wichtige Dokumente. Die haben wir dann alle hochgeschafft, haben sie Blatt für Blatt hinten im Kaminzimmer ausgelegt, und wir haben alle gearbeitet ohne Ende und dann hat man natürlich auch gesehen, was es in der ganzen Stadt für Schäden gegeben hat. Das waren sehr spezielle Tage.“
Tage, die trotz der Katastrophe auch durch die große Solidarität und Hilfsbereitschaft der Stadtbewohner untereinander in Erinnerung bleiben.
Der überschwemmte Markusplatz in Venedig im November 2019.
Die nächtste große Flut: Der überschwemmte Markusplatz in Venedig im November 2019.© picture alliance/dpa/MAXPPP/Pierre Teyssot
In der Nähe des Palazzo liegt die Bar Nomboli. Im Nomboli gibt es alle Neuigkeiten zur italienischen Fußballliga, der Seria A, außerdem die besten Tramezzini der Stadt, die der Wirt Francesco seit über drei Jahrzehnten zubereitet. Das Geheimnis seiner Tramezzini? Ist das Brot.
Seit Jahrzehnten hat Francesco die Stipendiaten im Deutschen Studienzentrum kommen und gehen sehen und sie bedient. Früher sei mehr getrunken worden, sagt er. Früher schon mal einen Ombra, einen Weißwein zum Tramezzino. Heute gibt’s Cappuccino zum Tramezzini. Mamma Mia!
Die Arbeit eines Tages ist zu Ende, die Nachwuchswissenschaftler:innen verlassen die Archive und Bibliotheken, die Künstler:innen ihre Atelierräume. Abend im Palazzo Barbarigo della Terrazza. Die Abende sind lang. Im Sommer wird auf der Terrazza diskutiert, bis der Mond hoch über dem Campanile von San Marco steht und es Sternschnuppen regnet.
Im Winter, wenn die Stadt im Nebel verschwindet, wird der Salotto zum Wohnzimmer, dort steht neben einem Fernseher, der eher selten benutzt wird, auch ein Flügel, und in der Regel findet sich jemand aus dem Stipendiatenkreis, der Lust hat zu spielen – wie der Münchner Altphilologe und Organist Peter Isépy, der tagsüber in der Biblioteca Marciana Handschriften studiert.
Deutsch-italienische Gespräche, Prosecco, Pizza, Gelächter und Musik: das Ende eines Tages im centro tedesco di studi veneziani, im Deutschen Studienzentrum in Venedig.

Es sprachen: Eva Meckbach, Mirko Böttcher und Cathlen Gawlich
Ton:
Christiane Neumann
Regie:
Beatrix Ackers
Redaktion:
Winfried Sträter

Abonnieren Sie unseren Weekender-Newsletter!

Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche, jeden Freitag direkt in ihr E-Mail-Postfach.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung!

Wir haben Ihnen eine E-Mail mit einem Bestätigungslink zugeschickt.

Falls Sie keine Bestätigungs-Mail für Ihre Registrierung in Ihrem Posteingang sehen, prüfen Sie bitte Ihren Spam-Ordner.

Willkommen zurück!

Sie sind bereits zu diesem Newsletter angemeldet.

Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mail Adresse.
Bitte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung.
Mehr zum Thema