Seit 01:05 Uhr Tonart
Dienstag, 11.05.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.10.2020

30 Jahre WiedervereinigungDie ostdeutsche Realität ist vielfältig

Valerie Schönian im Gespräch mit Vladimir Balzer

Die Autorin und freie Journalistin Valerie Schönian steht in Berlin an einer Straße. (Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa)
Die Journalistin Valerie Schönian hat die DDR nicht mehr miterlebt. Sie ist ein Nachwendekind – und hat doch ein ausgeprägtes Ostbewusstsein, wie sie sagt. (Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa)

Was zeichnet ein "Ostbewusstsein" aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Journalistin Valerie Schönian. Dabei geht es auch um Machtverhältnisse und Klischees, die die Berichterstattung über den Osten noch 30 Jahre nach der Wende prägen.

"Ich werde ganz oft gefragt: 'Was hast du noch mit dem Osten zu tun?' Sogar meine Eltern haben mich das gefragt", erzählt die Journalistin Valerie Schönian. "Da sage ich dann immer: Na ja, der Osten hat nicht aufgehört zu existieren mit der DDR. Also nur weil es plötzlich diesen Einigungsvertrag gab, heißt das nicht, dass plötzlich dieses Land und diese Menschen andere wurden." 

In ihrem aktuellen Buch beschäftigt sich die Journalistin mit dem "Ostbewusstsein", also der Frage, "warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet", wie es im Untertitel heißt. 

Die Autorin Valerie Schönian zeigt ihr neues Buch "Ostbewusstsein". (Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa)Valerie Schönian wünscht sich einen inklusiveren Blick auf die Ostdeutschen. (Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa)

Nur wenige Tage vor der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurde Schönian in ein Land geboren, das anschließend aufhören sollte zu existieren. Das war vor 30 Jahren, dennoch sei der Osten ein anderer Sozialisations- und Erfahrungsraum geblieben, meint sie. Außerdem bleibe sie immer die Tochter ihrer Eltern. Diese hätten nun mal in zwei Systemen, inklusive einer Diktatur, gelebt, erklärt Schönian. 

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Die Berichterstattung über den Osten sei klischeebeladen und einseitig, findet sie. Dabei sei die ostdeutsche Realität von Vielfalt geprägt. Doch diese werde kaum abgebildet. Das liege auch daran, dass die überregionalen Medien von westdeutschen Chefredakteuren geleitet würden. Diese einseitigen Berichte machten aber wütend und lösten "eine Art kollektiven Prozess ostdeutscher Identitätsfindung" aus, so Schönians These.

Es geht um Macht und Sichtbarkeit

"Aber es ist nicht nur eine Gefühlssache. Es geht da um Machtfragen, um Repräsentationsfragen, um Verteilungsfragen", sagt sie. Das Fehlen der ostdeutschen Erzählung löse deswegen ein Gefühl aus, weil die politische, wirtschaftliche und die Diskursmacht westdeutsch geprägt sei. Von daher gehe es beim Ostbewusstsein darum, "Macht umzuverteilen und alle Perspektiven und Erzählungen sichtbar zu machen, die zu diesem Land gehören".

Schönian erzählt von ihrer ersten Lesung in Westdeutschland: Nach einem eineinhalbstündigen Vortrag über Ostbewusstsein und ostdeutsche Vielfalt habe die erste Frage aus dem Publikum gelautet: "Aber wie ist denn jetzt Pegida entstanden?" Auch wenn die Frage berechtigt sei, so sei es doch sehr bezeichnend für das aktuelle Verhältnis zwischen Ost und West, dass ausgerechnet diese Frage als erste gestellt worden sei – nach einem Vortrag über den "anderen Osten", sagt sie.

"Für mich ist es so", sagt Valerie Schönian, "dass es ganz selbstverständlich ist, dass die Einheit vielfältig ist. Und jeder Unterschied, den ich sehe, der bestätigt für mich nur diese Vielfältigkeit."

(ckr)

Mehr zum Thema

30 Jahre deutsche Einheit - "Ich dachte, das geht schief"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 03.10.2020)

Ost-West-Beziehungen - In Liebe vereint?
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 03.10.2020)

Schriftstellerin Helga Schubert - Der kleine Sieg über die Diktatur
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 03.10.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 34Auf der Bühne mit Behinderung: Theater und Inklusion
Lucy Wilke & Paweł Duduś in dem Stück „Scores that shaped our friendship”. (Theresa Scheitzenhammer)

Die Nominierung der Schauspielerin Lucy Wilke zum diesjährigen Theatertreffen macht die Fragen nach der Vereinbarkeit von Theaterarbeit und Behinderung wieder aktuell: Was fehlt zur ganzheitlichen Barrierefreiheit? Mit Lucy Wilke suchen wir nach konkreten Handlungsansätzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur