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Interview | Beitrag vom 04.06.2019

30 Jahre friedliche RevolutionSolidarność ebnete den Weg zur Freiheit

Wolfgang Templin im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Menschen malen eine Mauer auf der Danziger Werft im Rahmen der "Freiheits- und Solidaritätstage" an. Hier nahm vor 30 Jahren die friedliche Revolution ihren Anfang. (dpa / picture alliance / Michal Fludra)
Menschen malen eine Mauer auf der Danziger Werft im Rahmen der "Freiheits- und Solidaritätstage" an. Hier nahm vor 30 Jahren die friedliche Revolution ihren Anfang. (dpa / picture alliance / Michal Fludra)

Polen feiert 30 Jahre freie Wahlen, doch die PiS-Regierung ist derzeit eher demokratiefeindlich. Der Bürgerrechtler Wolfgang Templin blickt jedoch mit Hoffnung auf das Land: Polen werde auf dem Weg, den es vor 30 Jahren begonnen hat, fortschreiten.

Stephan Karkowsky: Unsere Nachbarn in Polen waren der DDR genau ein Jahr voraus: mit den ersten freien Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg heute vor 30 Jahren, weshalb Polen heute kräftig feiert, den 30. Jahrestag der friedlichen Revolution. Mitfeiern wird auch der Schriftsteller und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin, ehemals Leiter der Friedrich-Böll-Stiftung in Warschau und Polen in starker Freundschaft verbunden.

Wir erreichen Sie in einem Polen, von dem europäische Politiker heute vor allem in Sorge sprechen, wegen der demokratiefeindlichen Politik der PiS-Regierung. War das nicht das Ziel vor 30 Jahren, eine Demokratie zu errichten nach westlichem Vorbild?

Wolfgang Templin: Das war das Ziel, und ich teile die Sorge, aber ich teile noch viel stärker die Hoffnung von vielen, dass Polen auf diesem Weg, den es vor 30 Jahren begonnen hat, fortschreiten wird. Das es ein starker, wichtiger, stabiler Partner für den europäischen Integrationsprozess und für uns als deutsche Nachbarn bleiben wird.

"Die Stadt wimmelt von Menschen aus ganz Europa"

Karkowsky: Woher nehmen Sie diese Hoffnung?

Templin: Aus dem, was mich hier in Polen schon in den letzten Wochen, Monaten und aus dem, was mich jetzt hier in Danzig umgibt. Wir haben eine unglaublich starke europäische Präsenz an diesem Tag hier in Gdansk. Mein Hotel, und nicht nur dies, ist völlig ausgebucht.

Die Stadt wimmelt von Menschen aus ganz Europa, von Polen, die eigentlich mit den Kräften verbunden sind, die für die Umwälzung vor 30 Jahren standen, die diesen Weg Polens mitgetragen haben, Gewerkschafter, Nichtregierungsorganisationen, Politiker, Künstler, Intellektuelle, die haben sich hier in Danzig versammelt. Alle ehemaligen Präsidenten Polens, bis auf den vorletzten, sind hier. Donald Tusk wird kommen.

Es wird also ein Tag sein, der die Rückschau, die Würdigung, die Freude, aber auch die Spannung der Auseinandersetzung beinhaltet, die wir jetzt erleben.

In Danzig wird der friedlichen Revolution vor 30 Jahren gedacht. Die nahm hier mit Demonstrationen der Gewerkschaft "Solidarność" ihren Anfang. (dpa /  Beata Zawrzel/ NurPhoto)In Danzig wird der friedlichen Revolution vor 30 Jahren gedacht. Die nahm hier mit Demonstrationen der Gewerkschaft "Solidarność" ihren Anfang. (dpa / Beata Zawrzel/ NurPhoto)

Karkowsky: Danzig also als Geburtsort der Solidarność-Bewegung. Was war es eigentlich genau, was die friedlichen Revoluzzer 1989 in Polen antrieb? Erinnern Sie uns noch mal.

Templin: Ich habe diesen Prozess seit über 40 Jahren begleitet, also seit Ende der 70er. Danzig ist ja mehr als 1989, Danzig ist die Geburtsstunde der Solidarność. Der stolze polnische Ausruf. "Alles begann in Gdansk" ist keine Überhöhung.

Ohne diesen Beginn der Solidarność im Jahre '89 wäre die Bewegung, unsere Bewegung in der DDR und in allen anderen Blockländern nicht mit dieser Kraft, nicht mit diesem Optimismus und dem Glauben an das eigentlich Unmögliche durchgedrungen.

Wir hatten die ganzen 80er-Jahre das polnische Beispiel und damit auch Gdansk vor Augen, und Juni '89 ist eigentlich eine Erfüllung, ist nicht der Anfang, sondern die Fortsetzung dessen, was begonnen hat. Und das hat uns unglaublich mit geholfen, vorangetrieben und dann zu dem beigetragen, was bei uns immer im Mittelpunkt steht, den Fall der Mauer.

Um die Interpretation der Vergangenheit ringen

Karkowsky: Sie sagen es, der Runde Tisch wurde in Polen erfunden und sogar zum Vorbild für ähnliche Prozesse in Ungarn und dann auch in der DDR. Wie denken die Polen denn heute über die Zeit vor 30 Jahren? Wird da leidenschaftlich drüber gestritten, oder sind sich alle einig?

Templin: Es wird mehr als leidenschaftlich darüber gestritten. Man kann ohne Überhöhung sagen, hier ist die polnische Gesellschaft geteilt, zerrissen förmlich, in der Wahrnehmung dessen, was eigentlich damals war.

Auch die Regierungsseite – in Warschau werden ja auch noch offizielle Ereignisse damit verbunden sein und Würdigung – muss diesen Runden Tisch letztlich positiv würdigen, um dann aber sofort die nicht gelingenden Seiten des Runden Tisches, also die Protagonisten, die auf der anderen postkommunistischen Seite waren, dann in die schwarze Ecke zu stellen, also den Kompromiss, der immer verschiedene Seiten hat, mit einer anderen Tendenz zu versehen als diejenigen, die hier in Danzig die Gestalter dieses Kompromisses würdigen und sagen, es ging nicht anders als ein solcher Kompromiss.

Die Wahlen konnten noch nicht völlig frei sein, um diesen Kompromiss überhaupt auf die Beine zu kriegen. Der überwältigende Sieg der Solidarność in diesen Wahlen ebnete dann den Weg für die weitere Entwicklung, und die ist in ihren Ergebnissen und dem, was wir heute haben, natürlich hoch umstritten.

Verschiedene Definitionen von Demokratie

Karkowsky: Polen also als Vorbild für ein freies Osteuropa. Wie kommt es denn dann, dass vielen Polen Freiheit, Demokratie und Menschenrechte heute weniger wichtig zu sein scheint denn je? Liegt das daran, dass Demokratie allein nicht den Kühlschrank füllt?

Templin: Nein, wir müssen hier aufpassen, dass unsere Sicht, unser Verhältnis zu Formen der Rechtsstaatlichkeit, Demokratie nicht in eine Zensur umschlägt, die vielen, was in Polen jetzt strittig ist, nicht entspricht.

Wolfgang Templin im Gespräch im Funkhaus von Dlf Kultur in Berlin (Deutschlandradio/Jan Petersmann)Wolfgang Templin im Funkhaus von Dlf Kultur in Berlin (Deutschlandradio/Jan Petersmann) Polen streiten sich nicht darüber, dass sie keine Demokratie mehr haben wollen, dass ihnen nur der Kühlschrank wichtig ist, sondern die einen sagen, wir haben eine ganz andere Form von demokratischer Entwicklung genommen als ihr. Das geht nun wiederum nicht, wenn man enge Partner sein will.

Andere polnische Protagonisten sagen, Maßstäbe von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, freien Medien kann man nicht beliebig national interpretieren in Europa. Wir gehören zusammen, und in dieser Verteidigung unserer gemeinsamen Werte sehe ich hier in Danzig viele.

Andere auf der anderen Seite des Streites, wie kann man dieses System, die eigene nationale Identität verstehen, wie geht man damit um, sind in einer scharfen Kontroverse. Wenn wir die in zivilisierter Form aushalten, wenn wir uns der stellen als Nachbarn, ohne unser Modell als das einzig mögliche anzunehmen und dennoch zu verteidigen, dann ist eigentlich die Chance für die nächsten Monate.

Wir haben Parlamentswahlen in Polen, alles steht im Zeichen dieser Wahlen. Jeder, der sagt, die sind eigentlich schon entschieden mit dem bisherigen Abschneiden der PiS, der irrt. Polen ist immer für Überraschungen gut.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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