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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.05.2011

"25 Jahre würde ich dem Gletscher in dieser Form noch geben"

In Garmisch-Partenkirchen bedroht der Klimawandel die Wirtschaft der Region

Wolfgang Seiler im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Die Zugspitze bei Garmisch-Partenkirchen (Deutschlandradio - Ulf Dammann)
Die Zugspitze bei Garmisch-Partenkirchen (Deutschlandradio - Ulf Dammann)

Garmisch-Partenkirchen hängt sehr stark vom Wintersport ab. Dass diese Einnahmequelle irgendwann einmal versiegen wird, kann man schon heute jedes Jahr am Zugspitz-Gletscher erkennen. Der Klima-Experte Wolfgang Seiler sieht die Zukunft im Sommer-Tourismus.

Stephan Karkowsky: Mit großen Planen werden ab heute wieder Teile der ZugspitzGletscher abgedeckt. Damit will man vor allem verhindern, dass das Eis rund um die Tragmasten der Zugspitzbahn an den Ausstiegsstationen schmilzt, nicht dass irgendwann die Skifahrer sich da im freien Fall befinden. Seit ein paar Jahren aber wird uns dieses Spektakel als Maßnahme gegen den Gletschertod verkauft und damit als Kampf gegen den Klimawandel. Ob sich das Gletschersterben an der Zugspitze mit Isomatten überhaupt verhindern ließe, darüber spreche ich mit Wolfgang Seiler, dem ehemaligen Leiter des Instituts für Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen und dem heutigen Umweltbeauftragten der Gemeinde. Guten Morgen, Herr Seiler!

Wolfgang Seiler: Grüß Gott!

Karkowsky: In welchem Zustand ist denn Deutschlands einziger Gletscher derzeit überhaupt?

Seiler: Also, in einem sehr schlechten Zustand, aber das ist nicht das Ergebnis jetzt der letzten fünf Jahre, sondern das geht schon über mehrere Jahrzehnte. Durch den Klimawandel schmilzt der Gletscher vor sich hin und man kann das also sehr deutlich sehen.

Karkowsky: Ist das denn überhaupt noch ein richtiger Gletscher? Ihr Karlsruher Kollege Hannes Vogelmann hat dieses Eis mal Toteis genannt …

Seiler: Ach, es ist ein kleiner Rest eines Gletschers, der auch nicht sehr groß war. Also die Schweizer Kollegen würden sich halbtot lachen, wenn wir dieses Eisfeld, das noch existiert, einen Gletscher bezeichnen.

Karkowsky: Nun haben wir schon aufgeklärt: Diese Isomatten, die auch heute wieder da ausgelegt werden, die haben vor allen Dingen einen wirtschaftlichen Hintergrund, man will den Touristenbetrieb dort erhalten können. Würde das denn überhaupt funktionieren, einen Gletscher flächendeckend mit Sonnenschutzfolie zuzukleben und ihn so vor dem Abschmelzen zu bewahren?

Seiler: Nein, das geht nicht. Was wir machen können, ist, dass Sie diesen ganzen Abschmelzvorgang zeitlich verzögern, das heißt also, den Gletscher länger am Leben zu erhalten und damit natürlich auch wirtschaftlich nutzen zu können. Und dann muss man auch noch berücksichtigen, dass ja nur ganz kleine Gebiete abgedeckt werden. Aber auch hier noch eine zusätzliche Maßnahme, die in der Regel vergessen wird zu erwähnen: Die Bayerische Zugspitzbahn schiebt nach Beendigung der Wintersaison den Schnee, der rechts und links von dem Gletscher liegt, auf den Gletscher, verdichtet ihn, um sozusagen das Abschmelzen des Gletschers zeitlich hinauszuzögern.

Karkowsky: Dennoch, Sie sagen, es ist kein ewiges Eis, es ist ein endlicher Gletscher. Wie lange geben Sie dem Eis auf der Zugspitze noch?

Seiler: Ich würde mal schätzen, das ist natürlich schwierig abzuschätzen, aber ich würde mal sagen, 25 Jahre würde ich dem Gletscher in dieser Form noch geben, und dann beschleunigt sich das ganz rasant. Denn je kleiner diese Eisfläche wird, umso stärker wird sie natürlich angegriffen.

Karkowsky: Wir sind natürlich schnell bereit zu sagen, klar, der Klimawandel ist schuld. Aber was daran ganz genau?

Seiler: Es sind mehrere Faktoren. Es ist weniger die Temperatur als solche als vielmehr die Tatsache, dass die Niederschlagsverteilung sich verändert. Und jetzt spielt dann die Temperatur doch noch eine Rolle, auch immer mehr Niederschlag nicht mehr in Form von Schnee, sondern in Regen fällt. Und das ist ganz besonders wichtig für die Sommerperiode, denn wenn der Gletscher mal von der Schneefläche befreit ist, dann ist er nicht mehr weiß, sondern er ist dunkel. Und wenn er dunkel ist, absorbiert er die Lichtstrahlung, die Sonnenstrahlung, und das führt natürlich zu einem verstärkten Abschmelzen.

Karkowsky: Täuscht denn der Eindruck, dass es in den letzten Jahren eher mehr schneit als weniger?

Seiler: Es schneit intensiver, aber nicht mehr. Und es fällt auch immer später der Niederschlag als Schnee. Und das ist etwas, was natürlich auch die Wirtschaftlichkeit sehr stark angeht. Denn je später der Niederschlag in Form von Schnee fällt – und das sehen wir in den letzten Jahren sehr deutlich, und das wird sich auch in der Zukunft noch verschärfen –, dass dann der Wintersport eben auch in diese Höhe auf dem Gletscher immer später beginnt.

Karkowsky: Sie hören den Umweltbeauftragten Garmisch-Partenkirchens, Professor Wolfgang Seiler, ehemals Chef des Garmisch-Partenkirchener Klimaforschungsinstituts. Herr Seiler, Garmisch ist eine Gemeinde, in der es die Grünen nicht mehr gibt, wenn ich das richtig gelesen habe bei den Gemeinderatsergebnissen, aber die Christsozialen kommen auf 60 Prozent. Darf der Umweltbeauftragte dieser Gemeinde deren wichtigste Einnahmequelle kritisieren, den Wintersport?

Seiler: Nein, warum soll er daran gehindert werden? Ich bin sogar der Meinung, dass wir hier in den nächsten Jahren – und das ist immer eine Frage der zeitlichen Perspektive –, in den nächsten zehn bis 20 Jahren sogar vom Klimawandel insofern profitieren werden, weil die niedrig gelegenen Wintersportorte, die auch keine hoch gelegenen Pisten haben, von dem Klimawandel besonders stark betroffen sind und sich dann die Wintersportler mehr oder weniger auf zwei bis drei Skigebiete in Bayern konzentrieren werden. Und da ist Garmisch-Partenkirchen voll mit dabei.

Karkowsky: Sie meinen also, die Mitkonkurrenten, die Mitbewerber werden eingehen, Garmisch wird noch längere Zeit da bleiben?

Seiler: Garmisch hat hoch gelegene Skigebiete, und dort spielt sicherlich der Klimawandel nicht diese große Rolle wie gerade in niedrig gelegenen Flächen, und das hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass eben der Schneefall immer später einsetzt aufgrund des Klimawandels und auch immer wieder früher aufhört, das heißt, die Wintersaison immer kürzer wird. Es ist nicht so, dass dann kein Schnee mehr fällt, aber die Wintersaison wird immer kürzer und dann lohnen sich die Investitionen, die Sie für den Wintersport tätigen müssen, nicht mehr, und dann müssen Sie irgendwann mal das Handtuch werfen.

Karkowsky: Garmisch-Partenkirchen hat sich zusammen mit München und Schönau am Königssee um die Olympischen Winterspiele 2018 beworben, da ist heute ein ganz wichtiger Tag, denn gegen Mittag wird das Internationale Olympische Komitee seinen Prüfbericht veröffentlichen. Was meinen Sie, was da drin steht: Zu strenge Umweltauflagen erschweren in Garmisch den Wettbewerb?

Seiler: Nein, das würde ich nicht so sehen, unser Umwelt- und Nachhaltigkeitskonzept ist bisher auch immer sehr positiv bewertet worden. Ich glaube, wir haben da in der Vergangenheit immer Bestnoten bekommen und auch bei der letzten Sitzung des Evaluierungskomitees sind wir da sehr gelobt worden im Hinblick auf dieses Umwelt- und Nachhaltigkeitskonzept.

Karkowsky: Na ja, Sie haben ja nun wirklich harte Gegner auch, die Olympia-Gegner sind gut organisiert und haben mit der Internetseite NOlympia.de sehr viele Argumente aufgefahren, die gegen die Olympischen Winterspiele sprechen. Wie viele Touristen mehr, wie viele Eingriffe in die Natur durch Schneekanonen und Ähnliches wird denn der Umweltbeauftragte mittragen können, also Sie?

Seiler: Also, im Grunde genommen ist diese Frage obsolet, würde ich mal sagen. Auch das Problem ist gar nicht existent im Grunde genommen, weil die gesamten Anlagen, über die Sie jetzt gesprochen haben, Schneekanonen und künstliche Beschneiung, die ja gefordert wird vom IOC – es ist ja nicht so, als wenn das gemacht werden würde, weil kein Schneefall mehr da ist, sondern es ist gefordert, um sozusagen gleiche Wettkampfbedingungen für alle Sportler, die sich an den Events beteiligen, zu garantieren –, alle diese Anlagen existieren schon, das heißt, da kommt nicht etwas Neues dazu. Und dann kommt noch hinzu, dass eigentlich der Flächenverbrauch, der immer wieder hier ins Spiel gebracht wird, minimal ist. Es sind auch hier sämtliche Wettkampfstätten auch jetzt durch die Skiweltmeisterschaft in diesem Jahr ja alle miteinander schon vorhanden, und das, was zusätzlich hinzukommt, ist ein Flächenverbrauch in der Größenordnung eines Fußballfeldes. Und das wird auch später wieder renaturiert.

Karkowsky: Sie haben schon gesagt, Sie gehen davon aus, dass die Mitbewerber Garmisch-Partenkirchens um den Wintersport eher eingehen werden und eher Schluss machen müssen mit dem Wintersport. Wie ist das denn mit Garmisch selber, könnte 2018 das letzte Spektakel werden, ist da vielleicht auch ein Schlusspunkt angekommen?

Seiler: Das glaube ich nicht. Also Garmisch-Partenkirchen bietet sich in vielerlei Hinsicht an, das ist nicht nur der Wintersport, sondern auch der Sommertourismus, der sicherlich auch in der Zukunft an Bedeutung gewinnen wird, denn alle Klimaprognosen gehen ja davon aus, dass gerade der Sommer wärmer und – was noch viel wichtiger ist – trockener wird. Und auf diese Art und Weise wahrscheinlich – das ist meine Vorhersage – der Tourismusstrom über die Alpen in Richtung Süden sich vielleicht in der Zukunft umdrehen wird. Das heißt, in den Mittelmeergebieten wird es so heiß, dass dann die Leute nicht mehr dorthin fahren, um Urlaub zu machen im Sommer, sondern diese Leute hier zu uns kommen, weil sie noch einen halbwegs vernünftigen Sommer erleben wollen.

Karkowsky: Heute werden Teile des deutschen Zugspitzgletschers mit Planen eingedeckt, allerdings kann das das Abschmelzen des Gletschers auch nicht verhindern. Sie hörten dazu Wolfgang Seiler, den ehemaligen Leiter des Instituts für Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen, und den heutigen Umweltbeauftragten der Gemeinde. Herr Seiler, danke für das Gespräch!

Seiler: Ich danke auch!


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