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Zeitfragen | Beitrag vom 02.08.2019

200 Jahre "West-östlicher Divan" Goethes dichterischer Brückenschlag

Von Astrid Nettling

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Eine Montage aus einem Bild von Johann Wolfgang von Goethe in einer Ölgemälde-Darstellung von Joseph Stieler und Friedrich Dürck aus dem Besitz der Stiftung Weimarer Klassik.  sowie eine Abbildung eines Historischeren Drucks von 1819 der 1. Ausgabe der Gedichtsammlung West-östlicher Divan aus dem Bildatlas zur Geschichte der Deutschen Nationalliteratur von Gustav Könnecke von 1887.  (Montage: picture-alliance / dpa / DB Stiftung Weimarer Klassik, imago images / imagebroker)
Goethe blickt auf seinen Divan - zumindest auf einen Ausschnitt des Titels der 1. Ausgabe von 1819. (Montage: picture-alliance / dpa / DB Stiftung Weimarer Klassik, imago images / imagebroker)

Im August 1819 erschien der "West-östliche Divan". In Goethes Gedichten spiegelt sich seine Überzeugung, dass sich unterschiedliche Kulturen begegnen und verstehen können – auch heute 200 Jahre nach der Veröffentlichung ein topaktuelles Thema.

"Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen."

So heißt es in Johann Wolfgang von Goethes berühmter Gedichtsammlung "West-östlicher Divan", die im August 1819, vor 200 Jahren, erstmalig erschien.

"Divanfreunde" treffen sich zum Gespräch

Divan, ursprünglich das persische Wort für eine Ratsversammlung, wurde in islamischer Zeit der Name für eine Gedichtsammlung. Mit seiner Divandichtung macht Goethe die Bezeichnung auch hierzulande geläufig. 200 Jahre später versammeln sich Divanfreunde zu einem Gespräch über Goethes Divan.

Anne Bohnenkamp, Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Goethe-Hauses in Frankfurt, ist mit dem Divan aufgewachsen:
"Tatsächlich habe ich den Divan kennengelernt zu einer Zeit, als mir gar nicht klar war, dass das der 'West-östliche Divan' ist. Einerseits standen Sprüche aus dem 'West-östlichen Divan' auf den Landkarten an den Wänden meines Kinderzimmers: 'Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen'."

Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, steht in Frankfurt am Main in der Gemäldegalerie des Goethe-Hauses, das auch Sitz des Hochstifts ist. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)Literaturwissenschaftlerin Anne Bohnenkamp in der Gemäldegalerie des Goethe-Hauses in Frankfurt (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Zafer Şenocak, in der Türkei geborener und in Berlin lebender Schriftsteller, Dichter und Essayist, fiel der Divan ganz zufällig in die Hände. "Es war in Istanbul auf einem Bummel durch den schönen, alten Antiquariatshof der Stadt, Sahafla genannt", erzählt er. "Dort sah ich eines Tages, ich muss 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein, ein sehr schön eingebundenes altes Buch mit dem Titel: 'Goethes Übersetzungen und Bearbeitungen fremder Dichtungen' gedruckt in Leipzig im Jahr 1912. Ich habe da drin geblättert und stieß auf den 'West-östlichen Divan'. Ich habe erst mal gar nicht begriffen, dass das ja Gedichte von Goethe sind, weil die hier als Übersetzungen eingereiht worden waren."

Goethes imaginäre Reise in den Orient 

Der Islamwissenschaftler, Autor und Übersetzer Stefan Weidner sieht den "West-Östlichen Divan" als eine Referenz für ein freundliches Auskommen der Kulturen, für Kulturaustausch, für Übersetzung von Literatur.

Mahmud Falaki, im Iran geborener und in Hamburg lebender Schriftsteller und Dichter, fasziniert die Tatsache, dass sich Goethe bei seiner imaginären Reise in den Orient an dem berühmten persischen Dichter Hafis und dessen lyrischer Divansammlung orientiert hat: "Man lebt mit Hafis im Iran. Als ich damals die Übersetzung vom 'West-östlichen Divan' gelesen habe, hat mich das interessiert, weil überhaupt ein großer deutscher Dichter über Hafis etwas geschrieben hat."

Ali Ghazanfari, in Teheran lebender Schriftsteller, Dichter und Hafis-Übersetzer, konnte mit 18 Hafis fast auswendig. "Als ich hörte, dass so ein Divan geschrieben ist, habe ich mir das Buch besorgt. Dann fand ich diese Verbindung so schön, dass ich immer bei meinen Reden im Iran, wenn die Literaten zusammentreffen in Täbris, in Isfahan, über diese Verbindung von Goethe und Hafis gesprochen habe, was den Leuten nicht so bekannt war. Und sie fühlten sich so geehrt, dass der große Dichter Hafis bei Goethe dieses Gefühl erweckt hat".

Goethe ist 65 Jahre alt, als er 1814 zum ersten Mal die vollständige Übersetzung der Gedichte von Hafis liest. Einige Wochen später bricht Goethe von Weimar zu einer Bäderreise in die Rhein-Main-Gegend auf. Zugleich ist dies der Beginn seines geistigen Aufbruchs in den Orient, der Beginn seiner imaginären Morgenlandfahrt.

Eine Begegnung unterschiedlicher Kulturen

"Das Motiv des Reisens ist ja für den 'West-östlichen Divan' tatsächlich konstitutiv, sagt Anne Bohnenkamp. "Der Austausch zwischen Kulturen bewegt Goethe im Grunde sein ganzes Leben lang, und der 'West-Östliche Divan' mit diesem Reisekonzept ist ein ganz wichtiger Schritt auf dem langen Weg zu Goethes Idee einer Weltliteratur, die ja auch so etwas ist wie eine mentale Reise, eine Begegnung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Weltgegenden, zwischen Menschen, die bereit sind, sich auf den Weg zu machen, unterwegs zu sein".

Zafer Senocak lächelt für ein Foto. (imago images / Horst Galuschka)"Goethe hat da so einen Schlüssel in der Hand", sagt Zafer Şenocak über die Bedeutung des Divan für heute. (imago images / Horst Galuschka)

Das macht, 200 Jahre später, das Werk so aktuell. Zafer Şenocak: "Weil wir ja immer diskutieren, was ist unser Verhältnis zum Orient, zum Islam, zu Muslimen und so weiter. Und ich finde, der Goethe hat da so einen Schlüssel in der Hand, weil er natürlich für die klassische deutsche Kultur, für die Erbschaft auch der Sprache immer noch eine ganz zentrale Figur ist."

200 Jahre nach Erscheinen wieder hochaktuell

Auch Anne Bohnenkamp ist fasziniert davon, wie dieses Werk in den letzten 30 Jahren an Aktualität zugenommen hat. "Es ist damals so gewesen und ist heute noch so, die Neugier und der Wagemut von Dichtern und auch die Tatsache, dass sie sich bestimmte Freiheiten herausnehmen, kann helfen, Gräben zu überwinden, kann helfen, festzustellen, dass man viel mehr Gemeinsamkeiten hat, als in einem festgezurrten System von Regeln womöglich denkbar wäre. "

Goethe war nach Ansicht des Islamwissenschaftlers Stefan Weidner ein literarischer Kosmopolit und insofern unter den großen Dichtern Europas im 18. und 19. Jahrhundert eine Ausnahmefigur: "Der 'West-östliche Divan' markiert für mich als Übersetzer auf jeden Fall einen entscheidenden Eckpunkt in dem übersetzerischen Koordinatensystem oder dem kulturvermittelnden Koordinatensystem, in dem ich mich bewege".

Stefan Weidner (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Goethe war eine Ausnahmefigur unter den großen Dichtern Europas im 18. und 19. Jahrhundert, sagt Stefan Weidner. (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

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