Seit 14:05 Uhr Kompressor

Dienstag, 20.11.2018
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.12.2016

200 Jahre "Stille Nacht"Ein Lied von Weltruhm

Von Stefan May

Podcast abonnieren
Blick auf die verschneite Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf in Österreich. In dieser Kapelle wurde 1818 zum ersten Male das Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" gesungen. (picture-alliance / dpa)
Blick auf die verschneite Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf in Österreich. In dieser Kapelle wurde 1818 zum ersten Male das Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" gesungen. (picture-alliance / dpa)

Es ist ein Lied, das keine üppige Orgel-Begleitung braucht. So wird vermutet, dass der spätere Weihnachtsschlager "Stille Nacht, heilige Nacht" erstmal 1818 bei einer Andacht im österreichischen Oberndorf angestimmt wurde. Der Text ist aber wohl noch zwei Jahre älter.

In der Heiligen Nacht des Jahres 1818 erklang zum ersten Mal das Lied "Stille Nacht, Heilige Nacht". Aufführungsort war eine kleine Kirche in Oberndorf bei Salzburg, nahe der bayerischen Grenze. Die Musik schrieb der Organist der Kirche, Franz Xaver Gruber, den Text der Aushilfspriester Joseph Mohr. Er hat das sechs-strophige Gedicht schon zwei Jahre zuvor gedichtet, vor nunmehr genau 200 Jahren. Das bekannteste Weihnachtslied der Welt, das seit fünf Jahren zum nationalen immateriellen Unesco-Kulturerbe Österreichs gehört, ist eigentlich einem Zufall politischer Veränderungen zu verdanken. Anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums des Textes hat sich Stefan May auf die Spuren von "Stille Nacht" begeben und Oberndorf besucht.


((Einspieler))

So mag es in der Heiligen Nacht geklungen haben: "Stille Nacht", ein Weihnachtslied geschrieben für zwei Männerstimmen und Gitarren sowie einen Chor für den Refrain. Hier sind es zwei Männer aus Tittmoning, die das Lied in der Stille Nacht-Kapelle in Oberndorf anstimmen, direkt am Ufer der Salzach gelegen, die hier Österreich von Deutschland trennt.

Das war nicht immer so, denn solange Salzburg geistliches Fürstentum im Heiligen Römischen Reich war, gehörte auch ein großes Gebiet jenseits der Salzach dazu, insbesondere die Stadt Laufen auf dem anderen Ufer. Nach den napoleonischen Kriegen wurde Europa im Wiener Kongress 1814/15 neu geordnet. Laufen wurde Bayern zugeschlagen, seine kleine Fischervorstadt Oberndorf jenseits der Salzach war plötzlich eine selbstständige Gemeinde und gehörte zum säkularisierten Salzburg. Was das für die kleine Vorstadt bedeutete, Rudolf Pronold, ein Stadtführer aus Laufen.

"Die ganze Verwaltung, Kirche, alles war von Laufen aus. Man hat jetzt eine eigene Kirche machen müssen, einen neuen Friedhof haben sie anlegen müssen, eine neue Schule, es hat ja nichts gegeben hier. Und vor allem keine Administration. Die haben ja nicht gewusst, wie man verwaltet. Vorher hat das bayrische Recht gegolten, jetzt plötzlich das österreichische. Das hat lange, Jahrzehnte, gedauert, bis die eine richtige Verwaltung aufgebaut haben. Vielleicht vergleichbar fast, wenn man liest, mit der Berliner Mauer, ungefähr so war es."

Deshalb mussten im salzburgischen Oberndorf eigene Pfarrstrukturen geschaffen werden. Als Kaplan wurde der erst 24-jährige Joseph Mohr nach Oberndorf versetzt, ihm zur Seite stand Franz Xaver Gruber, der Mesner von Arnsdorf, der nun auch für die Orgel von Oberndorf zuständig war. Die beiden kreierten jenes Lied, das zum bekanntesten und beliebtesten aller Weihnachtslieder wurde. Wann war das? Die herkömmliche Geschichte geht so, wie der Vorsitzende der Stille-Nacht-Gesellschaft, Michael Neureiter erzählt:

"In der authentischen Veranlassung, wie Gruber sie genannt hat, beschreibt er, wie am Heiligen Abend des Jahres 1818 Joseph Mohr zu ihm kommt, offensichtlich den Weg der drei Kilometer von Oberndorf nach Arnsdorf hinter sich bringt, und ihm ein Gedicht überreicht mit der Bitte: Schreib mir eine Melodie dazu. Und diese Bitte hat dann sich sehr schnell umgesetzt und wurde von Franz Xaver Gruber realisiert, und wenige Stunden später muss es in der Christmette dazu gekommen sein, dass man die Gitarre in die Hand genommen hat, und dass die beiden möglicherweise schon da mit dem Refrain durch das mitfeiernde Volk das Lied gesungen hat."

Die Tiroler Nationalsänger machten das Lied bekannt

Ein Orgelbauer aus dem Zillertal in Tirol, der die Oberndorfer Orgel repariert hatte, brachte das Stille-Nacht-Lied in seine Heimat mit, wo es bald zum Repertoire der so genannten Tiroler Nationalsänger gehörte. Sie kamen auf ihren Reisen weit herum und machten das Lied erst in Leipzig und alsbald in Berlin bekannt, erzählt Michael Neureiter, Vorsitzender der Stille Nacht Gesellschaft.

"1854 gibt es dann die interessante Anfrage aus der Hofmusikkapelle in Berlin, wo man sich erkundigt, woher denn dieses Lied, was möglicherweise dem König besonders gefallen hat, komme, und diese Anfrage ging nach Salzburg und kam im Stift Sankt Peter an. Im Stift Sankt Peter hat zufällig ein Sohn Franz Xaver Grubers sich im dortigen Konvikt aufgehalten."

Nicht von ungefähr war in Salzburg angefragt worden, denn hinter der Komposition, die bis dahin stets als "echtes Tiroler Volkslied" gegolten hatte, wurde Michael Haydn, der Bruder von Joseph Haydn, vermutet. Lange Zeit war Michael Haydn als Salzburger Komponist  bekannter gewesen als Wolfgang Amadeus Mozart. Die schriftliche Antwort von Franz Xaver Gruber auf die Berliner Anfrage ist noch heute erhalten.

Vermutlich wurde das Lied nicht während der Mette, sondern erst bei einer anschließenden Andacht an der Krippe angestimmt wurde. Darauf deutet die Instrumentierung ohne Orgel hin.

Fröhlicher und sozial engagierter Priester

Lange war angenommen worden, dass auch der Text von 1818 stammt, da gibt es inzwischen neuere Erkenntnisse, sagt der Experte Neureiter:

"Wir haben erst 1995 durch Zufall ein Notenblatt in die Hand bekommen, das in einem Salzburger Haushalt hinter einem Bild versteckt gewesen ist und sich als das einzige Autograf, die einzige Handschrift Joseph Mohrs, herausgestellt hat, die er um 1820 geschrieben haben dürfte. Und auf diesem Mohr-Autograf gibt es in der Fußzeile den Hinweis: Koadjutor Joseph Mohr, 1816, manu propria, mit eigener Hand geschrieben."

1816 war Joseph Mohr noch in Mariapfarr als Seelsorger tätig gewesen. Erst ein Jahr davor war er nach einem Studium in Rekordzeit mit Dispens zwei Jahre jünger als mit dem vorgeschriebenen Alter von 25 Jahren zum Priester geweiht worden.

Mohr war das dritte von vier unehelichen Kindern einer Salzburgerin und hatte sich sein Theologiestudium durch Gesang in einem Chor mitfinanziert. Er galt als fröhlicher und sozial engagierter Priester, der in fast einem Dutzend Pfarrstellen im Land Salzburg eingesetzt war. Erst 56-jährig starb der Textdichter von "Stille Nacht" aufgrund einer Erkältung nach einem winterlichen Versehgang in seiner letzten Pfarrstelle Wagrein. Den Weltruhm seines Liedtextes hat er nicht mehr erlebt.     

Mehr zum Thema

Lesetipps zu Weihnachten - Die zehn besten Romane des Jahres
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 16.12.2016)

Weihnachten 2016 - Musikalische Geschenktipps
(Deutschlandfunk, Corso, 17.12.2016)

Weihnachten - Tipps zur Weihnachtsbaum-Pflege
(Deutschlandfunk, Verbrauchertipp, 16.12.2016)

Weihnachten - Feiern ohne Konfession
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 06.12.2016)

Zeitfragen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur