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Literatur | Beitrag vom 23.02.2020

200 Jahre Nature WritingDie Natur als Quelle von Poesie

Von Claudia Kramatschek

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Zeichnung um 1800-1840 von Charles Phelps Cushing von der Hütte im Wald, in die sich der Schriftsteller Henry David Thoreau zurückgezogen hat.  (akg images / ClassicStock / Charles Phelps Cushing)
Die Hütte im Wald, in die sich der Schriftsteller Henry David Thoreau zurückgezogen hat, zu sehen auf einer Zeichnung von Charles Phelps Cushing um 1800-1840. (akg images / ClassicStock / Charles Phelps Cushing)

Henry David Thoreau zog sich 1845 in den Wald zurück und lebte zwei Jahre in einer selbstgebauten Blockhütte. Heute gilt er - unter anderen - als Pionier der literarischen Naturerkundung. 1972 zog Annie Dillard wie Thoreau in den Wald.

Im angloamerikanischen Sprachraum ist die von Henry David Thoreau begründete Tradition der literarischen Naturerkundung bis heute ungebrochen. Im Deutschen gibt für "Nature Writing" nicht einmal eine Entsprechung. Und doch ist auch die Natur bei uns wieder in aller Munde - man denke nur an die Reihe "Naturkunden" des Verlages Matthes & Seitz Berlin. Das "Nature Writing" ist eine wild wuchernde Buchlandschaft. Claudia Kramatschenk begibt sich in ihrem Feature (Produktion 2017) auf Spurensuche, unter anderem mit Annie Dillard und Robert MacFarlane, Esther Kinsky und Raoul Schrott.

Annie Dillards ekstatische Befragung des Lebens

1972 zieht sich die US-amerikanische Autorin Annie Dillard, 1945 in Pittsburgh geboren, mit Mitte Zwanzig in die Einsamkeit der Natur zurück. Noch kämpfen amerikanische Soldaten in Vietnam. Die Bilder des Grauens und die Schreckensnachrichten der Politik machen es Dillard, die eigentlich von einem überquellenden Lebensgefühl getragen ist, nicht leicht, weiterhin ungebrochen an die Sinnhaftigkeit des Daseins zu glauben. Doch in den Wäldern rund um den Tinker Creek lernt die junge Frau neu sehen.

"Heute ist einer jener wunderschönen teilweise bewölkten Januartage, an denen das Licht ein unerwartetes Stück Landschaft auswählt und mit Gold überzieht, das dann von Schatten weggewischt wird. Du spürst, dass du lebst."

Monarchfalterpuppen an Wolfsmilch

Tag für Tag durchstreift sie die Natur. Von Anfang an richtet sie ihren Blick auf das Kleine und Kleinste, auf das Unscheinbare und beinahe Unsichtbare.

"Ich halte ständig Ausschau nach Ameisenlöwentrichtern in sandigem Boden, nach Monarchfalterpuppen an Wolfsmilch, nach Dickkopffalterlarven in Robinienlaub. Diese Dinge sind absolut gängig, und ich habe sie noch nie gesehen."

Zwei Jahre später, 1974, bündelt Annie Dillard die Eindrücke in ihrem ersten Prosawerk: "Pilger am Tinker Creek". Das Buch wird ein enormer Erfolg: 1975 erhält es den Pulitzerpreis. Heute gilt es als Klassiker der unsentimentalen Naturbeschreibung – obwohl Annie Dillard ihre Beobachtungen in eine ekstatische Befragung des Lebens überführt. Vom ganz Kleinen, einer Amöbe, kommt sie auf das große Ganze: auf die Unauslotbarkeit jeglicher Existenz.

Das Manuskript zur Sendung können Sie hier lesen.

Mehr zum Thema

Mensch und Natur - "Nature Writing"
(Deutschlandfunk, Studio LCB, 29.12.2018)

Mensch und Natur - Denken wie ein Berg - Über Nature Writing
(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 23.12.2018)

Nature Writing - Über Natur schreiben heißt über den Menschen schreiben
(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 28.01.2018)

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