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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 11.04.2018

1968 für CSSR und KubaWas bleibt vom "Prager Frühling"?

Von Peter Lange und Burkhard Birke

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Ein Panzer der Sowjetunion vor dem Rundfunkgebäude in Prag am 21.08.1968 (picture alliance/dpa/)
Ein Panzer der Sowjetunion gegen Proteste in Prag am 21.08.1968. (picture alliance/dpa/)

Die großen Träume des Aufbruchs in Osteuropa wurden 1968 in Prag mit Panzern niedergewalzt. Der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" erlebte nur eine kurze Blüte. Oder? In Kuba scheinen noch Reste der Idee überlebt zu haben.

"1968 war das letzte Mal, dass die Menschen glaubten, die Welt könne besser sein, und dass wir dazu beitragen können."

Jachym Topol ist tschechischer Journalist und Schriftsteller. 1968 war er gerade sechs Jahre, es beschäftigt ihn aber bis heute. Genauso wie Petr Pithardlt, von 1990 bis 1992 tschechischer Premierminister und 1968 Reformkommunist in der CSSR:

"Ich bin bis heute stolz darauf, dass die Liberalisierung von 1968 bei uns geschah, als Dubček regierte. Am besten waren die sechs Tage, bevor die Verschleppten unter Dubček aus Moskau zurückkehrten und die Nation zum ersten Mal in der Geschichte ohne seine Führer war, selbst handeln und entscheiden musste."

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Aufbruch in der CSSR folgte Schock und Wehmut

Der Prager Frühling war 1968 das prägende Ereignis in Osteuropa. Der Beginn eines Epochenwechsels: Als Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten versuchte sich Alexander Dubček am "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" und die Welt hörte zu. Denn es klingt einfach toll für viele, auch heute noch. Was früher tabu war, kam jetzt offen zur Sprache: Der Missbrauch der Macht, der Niedergang der Moral, die Deformationen der Wirtschaft, die Versorgungsmängel des Alltags, das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Demokratie.

Der Führer der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Alexander Dubcek, bei einer Abstimmung im Parlament am 27. Oktober 1968 (imago / CTK Photo / Jiri Rublic)Der Führer der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Alexander Dubcek, bei einer Abstimmung im Parlament am 27. Oktober 1968. (imago / CTK Photo / Jiri Rublic)

Dieser Aufbruch wurde im August 1968 mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppe abrupt beendet. Nachhaltig. Ein traumatisches Erlebniss sogar für Alt-Kommunisten wie Josef Skala, 65 Jahre alt und heute die Nummer Zwei der Kommunistischen Partei Tschechiens:

"Das war ein Schock. Auch für Menschen, die nicht wollten, dass der Sozialismus bei uns verschwindet, war der Einmarsch der Armee doch für die Mehrheit nur sehr schwer erträglich."

50 Jahre später scheint der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" dennoch ausgestorben zu sein. Zumindest da, wo er geprägt wurde: in Tschechien und der Slowakei.

Kubas sozialistische Reste und politische Realitäten

Aber was ist mit Kuba? Diesem Land, das der Traum der Linken in aller Welt von einem menschlichen Sozialismus war. Immerhin hat Fidel Castro aus Kuba sehr gespannt auf den politischen Frühling in Prag geschaut. Er begrüßte allerdings auch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR.

Eingezwängt zwischen sämtlichen Parteien des Kalten Krieges, beargwöhnt von den Konservativen aller Länder und auch, bei aller Sympathie, von China und der UdSSR, suchte Kuba Schutz und ging auf Angebote der Sowjetunion ein. In den Tropen änderte sich das politische Klima, Intellektuelle wurden auf Linie gebracht. Oppositionelle inhaftiert, eine Einparteien-Diktatur aufgebaut.

Der kubanische Ministerpräsident Fidel Castro am 02.04.1977 bei seiner Ankunft in Ostberlin. Links Erich Honecker. | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)Fidel Castro an der Seite von DDR-Staatschef Erich Honecker bei einem Staatsbesuch 1977 in Berlin. (dpa-Zentralbild)

Ist es heute dennoch eines der wenigen Länder, in dem zumindest noch Spuren des "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" vorhanden sind? So erzählen es in der Weltzeit zwei kubanische Ärzte: 

"Im Vergleich zu anderen Ländern ist das kostenlose kubanische Gesundheitssystem gut. Es kann schon vorkommen, dass es vorübergehend einige Medikamente nicht gibt. Wir müssen vieles teuer auf dem Weltmarkt kaufen."

"Aber trotz aller Probleme leben wir in einem sehr ruhigen Land. Die Schulbildung ist gratis. Es gibt viele Dinge, die wir schätzen."

Eine Ärztin überprüft den Blutdruck eines Patienten am 22. Dezember 2010 in einem Krankenhaus in Havanna. (AFP)Kubas kostenlose Gesundheitsversorgung: Eine Ärztin in Havanna überprüft den Blutdruck. (AFP)

Doch wie wird es weitergehen in Kuba? 2016 starb Fidel Castro, der "das sozialistische Kuba" symbolisierte. Ein Land, in dem aus Analphabeten eine Bevölkerung von selbstbewussten, lesenden, debattierenden Leuten geworden war, es gab Literatur, Kunst, Orchester, Schulen und Bibliotheken für alle, Kliniken mit Gratisversorgung.

Nur noch Erinnerung an eine Insel, die jahrzehntelang gelebte Utopie war? Starb mit Castros Tod auch die Sehnsucht der Menschen nach einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz"? Bewegt er überhaupt noch die Kubaner? Antworten auch darauf in der Weltzeit.

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