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Länderreport | Beitrag vom 30.11.2018

15 Jahre „Rote Nasen“-ClownsLachen ist tatsächlich die beste Medizin

Von Peter Kaiser

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Ein Mitglied der "Roten Nasen" besucht ein Kind im Krankenhaus. (Gregor Zielke)
Manche Kinder müssen jahrelang im Krankenhaus bleiben – da hilft jede Aufheiterung. (Gregor Zielke)

Unbeschwerte Momente trotz schwerer Krankheit: Die „Roten Nasen“ heitern seit 15 Jahren Patienten und Senioren in Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen auf. Und nicht nur das: Die Visiten der Clowns tragen auch zu einer schnelleren Genesung bei.

"Wo sollen wir zuerst hin?"
"Also ich würde meinen, dass man heute die Etage Null auslässt."
" Wohngruppe 1. Die lassen wir aus."
"Genau."

Ein Mittwochvormittag im Seniorenzentrum Johannastift in Berlin-Spandau. Pflegeleiterin Svetoslava Tied bespricht mit den beiden Rote-Nasen-Clowns, die sich "Herr Bartusch" und "Wie Du" nennen, die aktuelle Situation bei den 75 Bewohnern des Zentrums.  

"Wir haben einen Magen-Darm-Infekt."
"Wo? Überall?"
"Es ist auf der Etage 2, mittlerweile auch auf der 1."


Ein Mitglied der Roten Nasen und eine Seniorin lachen sich an. (Gregor Zielke)Die Roten Nasen besuchen auch Senioren in Pflegeheimen. (Gregor Zielke)

Als im Jahr 2003 Monica Culen und Giora Seeliger die amerikanische Idee der Clowns in Krankenhäusern oder Senioreneinrichtungen aufgriffen, war man in Deutschland erst skeptisch. Man fürchtete, dass die Clowns die täglichen Arbeitsabläufe des Pflegepersonals durcheinanderbringen würden. Doch die Sorge hat sich nicht nur als unbegründet erwiesen, sondern ganz im Gegenteil, sagt Heimleiterin Petra Böhm vom Johannastift.

"Es ist nochmal so ein Highlight für die Bewohner, diese Clowns mit ins Boot zu holen. Und es ist schön, die Freunde mitzuerleben, sie lächeln zu sehen, egal in welcher Situation."

340 Clowns sind aktuell unterwegs

Nach der Übergabe ziehen sich die Clowns um, langsam spielen sie sich dabei ein. Dann sind "Herr Bartusch" und "Wie Du" fertig für den Einsatz. Jedenfalls beinahe. Noch braucht es nämlich einen letzten Schluck Kaffee, der improvisiert sofort besungen wird. Und es geht weiter, jetzt zur Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Gruppe im 1. Stock.

340 Rote Nase-Clowns sind aktuell in Krankenhäusern, Seniorenzentren und Flüchtlingsunterkünften in zehn Ländern tätig. Damit ist die Rote-Nasen-Initiative die weltweit größte Initiative ihrer Art in medizinischen und sozialen Einrichtungen. Und längst gibt es wissenschaftliche Studien, die die heilende Wirkung des Humors belegen.

"Frau Wipper, ich freue mich, dass wir uns wiedersehen."
"Ja, warum? Hast 'de Angst gehabt?"

Mit Witz und Verv bespielen "Herr Bartusch" und "Wie Du" die Männer und Frauen, die beim Brettspiel sitzen. Kurz darauf singen alle. Die Freude zu sehen, die auf den Gesichtern der älteren Menschen zum Gesang der Lieder ihrer Jugend liegt, ist tief berührend. Eine der älteren Damen lässt sich sogar zu Wangenküsschen hinreißen. Die Clowns wollen wegrennen.

"Jetzt kommt sie, ich kann sie nicht aufhalten."

Von den Kindern heiß erwartet

Doch die Seniorin ist fix. Sie ist zum Küsschen fest entschlossen.

"Ah, sie hat mich."
"Du hast es ja so gewollt, komm mal her."

Jeden Freitagvormittag besuchen die Rote-Nasen-Clowns die Kinderkardiologie des Deutschen Herzzentrum in Berlin-Wedding. Hier werden sie heiß erwartet, denn die Kinder müssen hier manchmal ein, zwei Jahre auf ein Spenderherz warten. Eine sehr belastende Zeit, die sie oft mit künstlichen Herzmaschinen überbrücken müssen. Lachen an einem solchen Ort ist dringend nötig.

Heute ist die erste Station des Clowns Silver und seiner Kollegin Brischitt das Zimmer eines zweijährigen russischen Mädchens, das vor einigen Tagen operiert wurde. Auch bei Emily, die mit ihren Eltern ihren kranken kleinen Bruder hier besucht, leuchtet das Gesicht, als sie von der "Clownin Brischitt" bespaßt wird.

"Hallo. Emily soll sich zu Weihnachten ein Pferd wünschen. Jetzt schon? Blaues Pferd, vier Beine, und welche Sprache soll das blaue Pferd sprechen? Russisch oder Hochdeutsch? Nee, wir haben nur bayerische."

Patienten benötigen weniger Medikamente

Bei den Kindern am Deutschen Herzzentrum, sagt die Oberärztin Katharina Schmidt, sind die Freitagsvisiten der Clowns ein Highlight. Die Wirkung der Besuche ist auch medizinisch messbar.

"Unser Anästhesist sagt, es ist phänomenal, erstes, er braucht weniger Sedierung, und zweites sie wachen glücklich auf, noch mit dem Gedanken an den Clown, an die Roten Nasen, die sie vorher spielend in den Schlaf, in den OP, gebracht haben. Da werden Endorphine ausgeschüttet. Sie sind zufrieden, glücklich, vergessen vielleicht, dass sie im Krankenhaus sind. Vergessen, dass sie eigentlich auf ein neues Herz warten und krank sind. Wir müssen vor allem weniger Sedierungsmedikation geben."

Die Psychologin Inga Weidlich weiß ebenfalls von der guten Wirkung der Rote-Nase-Clownvisiten. Glück, sagt sie, ist oft auf den Kindergesichtern zu sehen.

"Und so ein bisschen Gelassenheit. Und vor allem auch, wenn die Eltern mit integriert sind. Weil die Kinder ja auch ihre Eltern angespannt erleben. Es wirkt super. Die motivieren die Kinder."

"Selbst wenn mein Sohn mit zwei Jahren doch noch recht klein ist, freut er sich über die Musik, er sagt dann immer Lala, und das reicht schon. Da geht doch dann ein Mutterherz auf. Lala ist für ihn das Größte."

Die Welt braucht mehr Clowns

Sagt Emilys Mutter. Und fügt hinzu:

"Sonst hat man nur Handys und Radio, aber so als Clowns verkleidet und echt, das ist schön. Und wo man sonst im Alltag auch mal einen Clown haben würde, draußen, ist es doch schön einen Clown mal hier zu haben, im Krankenhaus. Es gibt Bücher voll mit Humortheorien und Untersuchungen auf die Wirkung von Humor. Und das Schöne ist, dass wir merken, all das was da steht, stimmt.

Da steht zum Beispiel da, dass Lachen Stress abbaut. Humor ist etwas, was in Krisensituationen Atempausen verschaffen kann, weil es einem erlaubt, ein Stück zurückzugehen und anders auf die Dinge zu gucken, und es den Druck rausnimmt. Und rein medizinisch ist es so, dass Lachen ist eine Anstrengung, man braucht Sauerstoff, die Atemmuskulatur muss sich bewegen, der ganze Herzkreislauf muss arbeiten. Und es ist einfach auch gesund."

15 Jahre Rote Nasen in Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen, und Flüchtlingsunterkünften. Ein Jubiläum, das auch nachdenklich stimmt, denn unsere Welt braucht viel mehr Clowns, die uns zum Lachen bringen.

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