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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.11.2018

125 Jahre Lebensreformsiedlung "Eden"Der Traum vom naturnahen Leben

Von Rebecca Hillauer

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"Eden – Erbaut im Jahre 1894, angebaut 1897, erweitert 1927": Blick auf das Wappen am Genossenschaftshaus in der Obstbausiedlung "Eden" im brandenburgischen Oranienburg, aufgenommen 2008 (picture-alliance/ ZB/Patrick Pleul)
Das Wappen am Genossenschaftshaus in der Obstbausiedlung "Eden" (picture-alliance/ ZB/Patrick Pleul)

Ein gesundes Leben abseits von Industrialisierung und Konsum: das versuchten vegetarische Lebensreformer in der 1893 gegründeten Obstbausiedlung "Eden" in Oranienburg zu verwirklichen. Die Kolonie gibt es noch – und was ist mit den Idealen?

Ein spätsommerliches Septemberwochenende. Kulturfestival in Eden. Der Künstler Erik Göngrich führt Besucher durch die Obstbaukolonie. Der Obstgarten Eden liegt im eher kargen Brandenburg, nördlich von Berlin, in Oranienburg. Vor 125 Jahren war hier eine Schafweide. Der feine Sandboden musste erst durch herangekarrte Pferdeäpfel aufgewertet werden.

"Südweg, Nordweg, Westweg, Ostweg: Das sind die Wege, die das älteste Stück Eden umrahmen."

Dieter Eisenberger. lebt seit 1962 in der Siedlung. 1962: DDR, gerade eingemauert. Die Kolonie Eden hat harte Wechselfälle der Geschichte überstanden. Jede Parzelle war 2800 Quadratmeter groß. Genug zur Selbstversorgung.

"Die Beete sind kleiner geworden"

"Als die Genossenschaft gegründet wurde 1893, da hat ein Berliner Arbeiter 85 Prozent seines Einkommens für Essen und Trinken gebraucht. Wir geben heute 10 Prozent für Essen und Trinken aus. Natürlich spiegelt sich das auch in Eden wider. Die Flächen sind häufig nur noch Rasenflächen. Die Beete sind kleiner geworden. Früher war alles unterm Spaten."

Die Gründer der Kolonie Eden waren Lehrer, Ärzte, Juristen – und vor allem Vegetarier. Ihre Vision war eine naturnahe Boden-, Wirtschafts- und Lebensreform.

Zitator: "Die Bewohner dieser Siedlung meiden den Alkohol und den Tabak. Besucher werden gebeten, nicht zu rauchen, damit der Jugend kein schlechtes Beispiel gegeben wird." – Der Vorstand der Obstbaukolonie Eden um das Jahr 1910.

Um Spekulationen mit den Grundstücken auszuschließen, war der Boden Eigentum der Genossenschaft. Nur die Häuser gehören den Siedlern. Zugleich sollte die Kolonie ein Ort sein, an dem man auch arbeiten konnte. So entstand ein genossenschaftseigener Betrieb, in dem auch viele neue Produkte entwickelt wurden: haltbare Säfte und eingelegte Früchte, pflanzliche Brotaufstriche und eine Margarine, die als "Eden-Reformbutter" ein Verkaufsschlager wurde.

"Die Bewohner dieser Siedlung meiden den Alkohol und den Tabak. Besucher werden gebeten, nicht zu rauchen, damit der Jugend kein schlechtes Beispiel gegeben werde. Wie können wir verlangen, daß unsere Kinder die Kulturlaster ablegen, wenn wir Erwachsenen ihnen nicht mit gutem Beispiel vorangehen?" Das steht auf dem Emailschild der Obstbaukolonie Eden (um 1900) (picture alliance / Bernd Oertwig/ SCHROEWIG)Emailschild der Obstbaukolonie Eden (um 1900) (picture alliance / Bernd Oertwig/ SCHROEWIG)

Für die Wirtschafts- und Sozialhistorikerin Judith Baumgartner war aber noch etwas anderes wichtig:

"Es war nicht nur der Genossenschaftsgedanke, sondern dass man hier so eine kleine Welt für sich war. Dass es hier eine Jugendherberge gab, dass es hier eine Bücherei gab. Es gab einen Kindergarten, es gab eine Schule, die auch schon sehr reformpädagogisch tätig war. Es gab Ausbildungsplätze, auch kulturelle Möglichkeiten wie Sommerfest, Apfelfest, Singvereine. All das hat Eden auch diesen sehr sozialen Charakter gegeben."

Sozial hieß aber nicht unbedingt links.

Zitator: "Eden verhielt sich zum NS-Regime opportunistisch." – Schreibt Rainer Gödde, der das Eden-Museum betreut, in einer Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum der Kolonie.

"Hier in Eden war alles vertreten: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, Juden, Nazis. War alles da. Aber ihr Zusammenhalt der Edener untereinander als Gemeinschaft war offensichtlich größer wie ihre politischen Differenzen. Und dann kam eines Tages der Ortsgruppenführer der NSDAP zum Vorsitzenden unter vier Augen und sagt: 'Sagt dem Juden Löff, er soll nicht mehr einkaufen gehen. Den wollen sie am Konsum abholen lassen.'"

"Eden" – in der NS-Zeit alles andere als ein Paradies

Wenn man sich die Lage ansieht, war Eden in der NS-Zeit alles andere als ein Paradies: eingekeilt zwischen dem nahen KZ Sachsenhausen und den Heinkel-Werken, die für Hitlers Luftwaffe Flugzeuge bauten. Aber die Produktion der Eden-Reformwaren ging ganz normal weiter. Die berühmte Eden-Margarine stand auch bei dem Vegetarier Adolf Hitler auf dem Tisch. Deutscher Lebensreform-Alltag nach 1933. Und nach 1945? Ging die Produktion weiter, weiß die Historikerin Judith Baumgartner:

"Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ist Kurt Grossmann, ein ehemaliger Edener, nach Westdeutschland gekommen. Und er hat dann diese Idee der Reform-Warenwirtschaft mit in den Westen genommen und hat die Eden Waren GmbH gegründet in Bad Soden im Taunus. Hier die Genossenschaft hatte immer noch Anteile an diesem Unternehmen, hat finanziell davon auch profitiert, und der Name 'Eden' ist dann sowohl im Westen wie auch im Osten auf den Produkten gestanden."

So überstand die Kolonie Eden auch diesen Systemwechsel. Durch die Erwirtschaftung von Devisen profitierte auch die SED-Regierung von dieser ungewöhnlichen Kooperation mit der kapitalistischen Welt und ließ die Eden-Genossenschaft gewähren. Bis 1972. Dann wurde der Betrieb mit der gesamten Produktion verstaatlicht. Aber die Genossenschaft gab´s noch, und dann kam 1989.

"Es kam in dem Moment, wo ich Luft hole und sage 'Jetzt können wir Träume vielleicht verwirklichen oder Ideen zumindest erst mal haben dürfen' – und dann kommt so ein Schlag, und man sagt: 'Eden ist verkauft'."

Erzählt Ingrid Hedicke, die damals im Vorstand der Genossenschaft saß. Eden – das war 1989 die genossenschaftliche Siedlung. Bis zum Ende der DDR waren die Genossen an den Gewinnen beteiligt, die die Eden Waren GmbH in Bad Soden im Taunus erwirtschaftete, da dieser West-Betrieb ja aus der Oranienburger Kolonie hervorgegangen war.

"Wir waren kurzzeitig Nutznießer von mehreren Millionen Mark"

Ohne Wissen der Anteilseigner, der Genossen im Osten, wurde im Juli 1991 die Eden-Waren GmbH im Westen an den Sandoz-Konzern verkauft. Sandoz zahlte an die Eden-Genossenschaft einen zweistelligen Millionenbetrag. Dieter Eisenberg erinnert sich:

"Wir waren kurzzeitig Nutznießer von mehreren Millionen Mark, die der Anteil waren, sodass wir während der Wendezeit als Genossenschaft finanziell keine großen Sorgen hatten. Wir hatten Westgeld plötzlich und konnten trotz stillgelegtem Betrieb erst mal die Genossenschaft konsolidieren und überlegen, wie geht´s weiter."

Der plötzliche Reichtum der Eden-Genossenschaft war aber nur von kurzer Dauer. Denn der Genossenschaftsvorstand legte das Geld in Aktien an – und dann kam der Börsencrash von 2008, und die Aktien waren nicht mehr viel wert. Statt abzuwarten, bis sie wieder steigen, stieß der Vorstand die Aktien ab. Die Genossenschaft hatte damit ihr Vermögen verloren.

Der verstaatlichte Produktionsbetrieb war von der Treuhand längst abgewickelt worden, und was blieb, war nur noch das genossenschaftliche Eigentum am Grund und Boden. Einnahmen konnte sie nur noch aus dem Verpachten ihrer Grundstücke erzielen.

Die alten Ideale leben nur noch in der Erinnerung

Seither, beklagen viele Bewohner, zähle nur noch der Profit. Die große Streuobstwiese mit 120 Bäumen alter Apfelsorten musste fünf Neubauten weichen. Von der Idee, im brandenburgischen Oranienburg mit der Kolonie Eden eine kleine, reformierte, aber eben bessere Welt zu schaffen, ist nicht viel mehr übrig als die Erinnerung an die alten Ideale.

"Das ist das, wenn Vorstand und Aufsichtsrat und die Mitglieder nicht zusammen harmonieren. Das fehlt im Augenblick hier ganz toll."

Judith Baumgartner aus München ist weniger skeptisch.

"Auch viele Westler wollten dann hier in die Siedlung. War auch teilweise natürlich von der Bevölkerung, die hier lebte, sehr skeptisch gesehen worden. Soweit ich das beurteilen kann, sind gerade die, die jetzt neu nach Eden gekommen sind, eben schon die, die auch neue Impulse bringen."

Einen Kindergarten gibt es in Eden noch immer und eine Freie Schule. Dazu inzwischen auch eine Musikwerkstatt, Physiotherapie, ein Ärztehaus mit Zahnarzt und Internistin. Rainer Gödde, der Museumsmann, ein gebürtiger Edener, seufzt.

"Ich hoffe, dass alle, die hierher ziehen, sehr schnell begreifen, dass ihr Schatz ihr Garten ist: Ihre Fläche, aus der sie gesund leben können. Aus der sie Kraft ziehen können. Dann bleibt Eden mindestens noch die nächsten 125 Jahre erhalten. Und das wünsche ich mir."

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