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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 08.02.2021

100 Tage Kultur im LockdownBeendet den kulturellen Notstand!

Ein Appell von René Schlott

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Ansicht der Volksbühne Berlin, oben am Theater ist ein großer Einschaltknopf angebracht. (imago images / Christian Thiel)
Ein-Aus-Knopf an der Volksbühne Berlin: Kein binärer Code kann die lebendige Interaktion am Theater ersetzen, so René Schlott. (imago images / Christian Thiel)

Keine Vorstellungen im Theater, kein Besuch im Museum, kein Film im Kino: Seit 100 Tagen sind diese Räume in Deutschland geschlossen. Das ist ein Notstand, meint der Historiker René Schlott, denn Kunst und Kultur müsse man mit allen Sinnen erleben.

Kein Beifall nirgends. 100 Tage Einsamkeit. Die Bühnen der selbsterklärten Kulturnation Deutschland erleben derzeit ein "leises Sterben" meint der Regisseur Tom Bohn. Es gibt zwar ab und an ein Streaming: Doch für die Schauspieler*innen sind es noch immer die Bretter, die die Welt bedeuten, und weniger die Bildschirme der digitalen Endgeräte.

Denn Kunst ist mehr als Unterhaltung. Kunst kann man nur mit allen Sinnen erleben. Was wäre das Theater ohne körperliche Anwesenheit, ohne unmittelbare Reaktionen des Publikums, ohne sein Lachen oder sein in Buhrufen spontan geäußertes Missfallen.

"Wir brauchen die Kultur"

Kein binärer Code aus Nullen und Einsen kann diese lebendige Interaktion von Schauspielenden und Zuschauenden ersetzen.

Vor neun Tagen rief der Bürgermeister von Marseille deshalb den "kulturellen Notstand" aus. Alle Theater der zweitgrößten Stadt Frankreichs wurden am letzten Januarsamstag für das Publikum geöffnet.

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Bürgermeister Benoît Payan erklärte seine durch Hygienekonzepte abgesicherte Aktion, die dennoch bewusst gegen die Vorgaben der Zentralregierung in Paris verstieß, mit der gesellschaftspolitischen Bedeutung der Kultur.

"Wir befinden uns mitten in einem gewaltigen Umbruch, wir brauchen die Kultur", so der Sozialist Payan.

Keine Selbstverständlichkeit, sondern gewachsene Teilhabe

Denn Kultur ist weit mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Kunst und Kultur bringen Bewegung in die Gesellschaft, sie irritieren und provozieren, sind subversiv, aber auch konstitutiv. Kultur ist gelebte und erlebte Freiheit. Sie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern historisch gewachsene Teilhabe.

In England wurden die Theater im 17. Jahrhundert für fast zwei Jahrzehnte geschlossen. Den Puritanern galt das Vergnügen an der Kunst als unmoralisch. 1830 öffnete Friedrich Wilhelm III. mit dem heutigen Alten Museum auf der Berliner Museumsinsel erstmals eine königliche Gemäldesammlung für das Volk.

60 Jahre später gründete sich in der deutschen Hauptstadt die "Freie Volksbühne" mit dem Ziel, auch den Arbeiter*innen einen Zugang zum Theater zu ermöglichen.

Bücher, Musik und Filme haben Lockdown erleichtert

Am heutigen 100. Tag der staatlichen Schließung aller Bühnen und Museen dieses Landes gilt es, an den Wert von Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft und für unser Leben zu erinnern. Denn wie hätten wir alle die vergangenen Monate ohne Literatur, Filme und Musik überstanden?

Wie könnten wir ohne Bücher wie Manns "Der Untertan" oder Streifen wie "Fahrenheit 451" unsere pandemische Wirklichkeit deuten? Wie ohne den musikalischen Sieg der Freiheit in Beethovens Egmont-Ouvertüre Hoffnung schöpfen?

Doch Kultur hat keine oder nur eine schwache Lobby. Vom Deutschen Kulturrat wurde es schon als "Erfolg" gefeiert, dass in der letzten Novelle des Infektionsschutzgesetzes die "Untersagung von Kulturveranstaltungen" nicht mehr wie ursprünglich geplant unter "Freizeitgestaltung" subsumiert wurde.

Und die einstimmig gefallene Entscheidung der Berliner Bühnenintendanten und des Kultursenators, ihre Häuser bis mindestens Ostern geschlossen zu halten, wurde weniger als Tragödie, denn als Triumph der "Planungssicherheit" bewertet.

Alle Einrichtungen schnellstmöglich wieder öffnen

Auch in vielen Medien dieses Landes findet die Kultur derzeit keine engagierten Fürsprecher: Im Kulturteil eines Berliner Lokalblatts wurde die kürzlich erfolgte Absage der Leipziger Buchmesse als kluge und konsequente Entscheidung bezeichnet, von der, so hofft der Autor, eine abschreckende Signalwirkung auch auf die Planer anderer kultureller Großveranstaltungen ausgeht.

Die mit viel Häme in der deutschen Öffentlichkeit begleitete, letztlich aber erfolgreiche Durchführung der Salzburger Festspiele im letzten Jahr wird mit keinem Wort erwähnt. Im Gegenteil: Im Feuilletonaufmacher der "Süddeutschen Zeitung" wurde vor wenigen Wochen unter der Überschrift "Gut verzichtbar" den Theaterschließungen sogar noch das Wort geredet.

Ist die Furcht vor dem Virus mit Erich Fromm gesprochen längst zu einer "Furcht vor der Freiheit" mutiert? Wann werden die Worte des 48er-Revolutionärs Georg Herwegh "Der Freiheit eine Gasse!" endlich wieder live durch einen von Menschen besuchten Theatersaal schallen?

Nicht nur in Marseille auch hierzulande herrscht längst ein "kultureller Notstand", den es mit der Öffnung aller Kultureinrichtungen schnellstmöglich zu beenden gilt.

René Schlott, junger Mann in weißem Hemd (Angela Ankner/anknerfotografie)René Schlott (Angela Ankner/anknerfotografie)René Schlott ist Historiker und Publizist in Berlin. Er wurde 1977 in Mühlhausen geboren und studierte nach einem Diplom der Betriebswirtschaft Geschichte, Politik und Publizistik in Berlin und Genf. 2011 wurde er mit einer kommunikationshistorischen Arbeit an der Universität Gießen promoviert.

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